Kitschige Musik ist für ihn eine Katastrophe

Mick Baumeister hat ein Tonstudio in Schwäbisch Gmünd und viel Erfolg mit seiner Filmmusik. Psychothriller sind seine Spezialität, aber er untermalt auch Liebesfilme.

Die Glocken der mittelalterlichen Kirche hört man in vielen Filmen von mir manchmal ganz, ganz leise im Hintergrund", sagt Mick Baumeister und zeigt aus dem Fenster auf das Schwäbisch Gmünder Heilig-Kreuz-Münster. "Mick Baumeister music for films" steht auf dem Schild. Drei steile, schmale Holztreppen führen ins Tonstudio im Dachgeschoss des Fachwerkhauses. Der Filmmusikkomponist mit der dunkelbraunen Hornbrille macht eine ausladende Handbewegung: "Wir sind hier im modernsten Tonstudio Deutschlands. Dieses Mischpult enthält gewissermaßen fünf Pulte", erklärt der gebürtige Gmünder. Es nimmt etwa ein Drittel des Raumes ein. Mit den unzähligen bunten Tasten und Knöpfen auf dem schwarzen Pult mischt der 53-Jährige die verschiedenen Tonspuren und setzt musikalische Akzente.

An der Wand darüber sind drei Monitore. Das Standbild auf dem großen Bildschirm in der Mitte zeigt Heidelinde Weis und Howard Carpendale auf einem Flughafen, eine Szene in "Lebe dein Leben", einer Fernsehproduktion, die am 24. Februar 2012 ausgestrahlt wird. Am Tag zuvor war Baumeister für die Endabmischung des ersten gemeinsamen Films von Vater Howard und Sohn Wayne Carpendale in den Münchener Arri-Studios.

Die "Krankenhausszene M12" für Englischhorn und Orchester liegt noch auf dem hölzernen Notenständer im Aufnahmeraum nebenan. "In der Krankenhaus-Szene muss die Musik alles erzählen." Baumeister zeigt auf den Bildschirm, wo Kontrabass und Flöte Wayne Carpendale auf seinem Weg ins Krankenhaus begleiten. "Das ist wie ein Sog dahin", beschreibt er das Drängen in der Musik. Das dunkle Klavier ist die innere Stimme des Reedereibesitzers Sieveking, wenn er wartend auf einem Plastikstuhl im Krankenhausflur sitzt. "Ein Flügel wäre zu mächtig." Am unteren Bildrand verändern sich laufend sechs weiße Zahlen. Am Timecode lässt sich die Laufzeit des Films ablesen. Auf einem gelben DIN-A3-Blatt im Querformat steht unter der schwarzen Überschrift "Lebe dein Leben": "Maria Erinnerungs-Thema" und "Maria Tod positiv". Der Themenplan ist die Dramaturgie der Themen.

Baumeister hat die besten Einfälle in der Natur. "Nachher muss es rhythmisch und melodisch stimmen, und zu Kameraführung und Schnitt muss es auch passen." Besonders in Actionszenen muss die Rhythmik die Dramatik umsetzen. "Harte Klänge, das liebe ich." Er fährt sich mit der Hand durch die kinnlangen, graumelierten Haare und zündet eine selbstgedrehte Zigarette an. Auf einem Schiff am Hamburger Hafen fliegen in "Lebe dein Leben" die Fäuste. Die ständigen Taktwechsel der Percussion-Instrumente, begleitet von einem großen Streicherthema, erzeugen in den dreieinhalb Minuten Spannung. Baumeister hat die Sequenz in vier Stunden eingespielt. Am Hafen kehrt Ruhe ein, die Musik verklingt langsam.

"Musik muss berühren, aber kitschige Musik ist eine Katastrophe." Howard Carpendales Instrument im Film ist die Gitarre. "Seine Themenwelt ist dieses WestCoast-Feeling." Der Heimkehrer wendet sich seiner Jugendliebe zu und sagt: "Ich habe dich immer geliebt. Du bist immer meine einzige große Liebe geblieben." Zwischen seinen Worten setzen Streicher in Es-Moll ein. "Ich habe dir etwas Großes vorenthalten. Mir läuft die Zeit davon", antwortet die reif gewordene Jugendliebe. "Zeit" ist das Stichwort für Klarinetten und Flöten. "Es soll zwar wehmütig sein, aber Hörner wären hier zu theatralisch", erklärt der Komponist. Die Doppeldominante in F-Dur ist der Schlussakkord. Baumeister hat ein "erlerntes absolutes Gehör". "Es gibt Tage, da höre ich h, aber es ist ein b. Wenn ich unter Druck stehe, dann höre ich einen halben Ton höher." Bei "Lebe dein Leben" hat der sympathische Mann, der mit Josef Vejvoda, dem Sohn des "Rosamunde"-Komponisten Jaromír, dem Schlagzeuger von Jimi Hendrix und Vicky Leandros musiziert hat, sechzig von neunzig Filmminuten vertont.

Mit Enthusiasmus lebt der charismatische Schwabe seit 28 Jahren von der Filmmusik, 16 bis 18 Stunden hat sein Arbeitstag. "Als Komponist bist du mal Käs, mal König." Vor allem bei Serien oder "großen Filmen" entscheidet oftmals erst das Pitching, welcher Komponist den Auftrag bekommt. "Der Regisseur oder der Produzent schreibt die Komponisten an, wir vertonen die vorgegebenen Szenen, dann wird entschieden." Meistens ist dem Film vorab ein sogenannter Temp Track unterlegt: "Vor der ersten Abnahme durch die Redakteure stellt der Cutter eine Musik zusammen, die passen könnte, weil sie aus einer ähnlichen Szene ist. Über die musst du dann drüber." Psychothriller sind seine Spezialität. "So etwas Abartiges kann ich so gut vertonen, weil ich vieles selbst erlebt habe." Sechs Jahre seiner Kindheit hat er in einem Kloster am Bodensee verbracht. Eigentlich sollte er Pfarrer werden. Als Kind war das Klavier sein Refugium. "Damals hat das mit mir gesprochen", sagt er über den Jungen mit autistischen Zügen, der er damals gewesen sei. Viele Jahre habe es gedauert, diese Internatszeit zu verarbeiten. "Wenn du mal im Kloster warst und diese Erlebnisse hattest, dann glaubst du nicht mehr ans Kloster."

Unter den 428 Filmen, die er bereits vertont hat, sind mehrere Tatort-Folgen, etliche Episoden von "Ein Fall für Zwei" und die Verfilmung von Peter Härtlings Roman "Krücke". "Emotionen muss man als Filmmusikkomponist lieben. Man muss sich einfühlen und in andere hineinversetzen können." Das Seelenleben der stummen Pianistin Clara Silberberg in "Mord in bester Gesellschaft: Der Fluch der bösen Tat" wird alleine durch die Musik ausgedrückt. Im Drehbuch lautet die musikalische Herausforderung: "Sie spielt nicht, sie erzählt. Musik ist die einzige Sprache, die sie spricht." Mit musikalischer Trivialität antworten Claras Finger auf "Na, wie geht es dir?". Den Brahms-Walzer in der Schlüsselszene hat Mick Baumeister im Voraus aufgenommen. "Filmmusik soll nicht auf sich selbst aufmerksam machen, sie dient dem Film."

Er schließt die Augen, das Gesicht ist konzentriert. Mit Leichtigkeit, voller Intensität gleiten seine Hände über die Tasten des Master-Keyboards, das am Fenster steht. Dank des Rechenzentrums kann Baumeister sämtliche Instrumente mit dem Keyboard einspielen. Mannshoch und viereckig steht der silber-schwarze Serverschrank an der aquamarinblauen Wand nebenan im Ess- und Schreibzimmer. Auch Könner könnten zwischen "seinen Instrumenten" und einem echten Symphonieorchester keinen Unterschied erkennen. "Wenn Musiker fragen: Mit welchem Orchester hast du denn das aufgenommen? Das ist ja perfekt intoniert, muss ich grinsen." Mit einem Super-Orchester, antworte er dann ganz unbescheiden.

"Ich spiele alles mit dem Mund ein", erklärt er und bläst angestrengt in ein etwa fünf Zentimeter langes schwarzes Mundstück aus Plastik. Mit dem silbernen Bügel im Nacken erinnert der Breath Controller an ein Headset. Die Tondynamik steuert der Musiker mit einem permanenten Luftstrom. "Wenn mein Gesicht bei zehn Minuten Permanentatmung rot anläuft, wird's kritisch. Mein Sohn weiß dann immer schon, dass er jetzt vielleicht mal eine Flasche Wasser holen sollte", lacht der Künstler, der sich in der auftragsfreien Zeit in seiner Berliner Zweitwohnung erholt. Wenn der 22-jährige Max Zeit hat, assistiert er beim Einspielen. "Für mich ist Mahler der absolut Größte", begeistert sich Baumeister. "Durch die raffinierte Orchestrierung entstehen oft Klänge, die kennt man so gar nicht."

Informationen zum Beitrag

Titel
Kitschige Musik ist für ihn eine Katastrophe
Autor
Sarah Barth
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.11.2011, Nr. 267, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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