Trotzdem bin ich zu einem Teil Europäer

Marta Wiecka (23) aus Posen, Tobias Jerzewski (19), Fritz Lukas Pötter (18) aus Berlin und Moritz Herzberg (17) aus Paris sprechen über ihre Vorstellungen.

Hattet ihr Vorurteile gegenüber den anderen Teilnehmern?

Moritz Herzberg: Das Bild der Deutschen hat sich in Frankreich gebessert, wir stehen allen neutral gegenüber. Vorurteile gibt es immer, zum Beispiel sagt man: "Deutsche leben von Bier und Bratwurst." Ganz klar assoziiert man Deutschland auch mit schnellen Autos und Disziplin und Pünktlichkeit, was die Franzosen aber eher positiv sehen.

Fritz Lukas Pötter: Ich bin bilingual aufgewachsen und habe gelernt, anderen offen gegenüberzutreten. Wir hatten in der Schule ständig Kontakt zu Franzosen und Afrikanern. Viele unserer Freunde sind Franzosen und Polen.

Marta Wiecka: Für uns sind Deutsche pingelig und ordentlich. Wir finden das aber eher lustig. Wir verbinden Deutschland mit Bier und Fleisch, uns gefällt das. Allerdings ist auch vieles vom historischen Hintergrund geprägt. Es heißt oft: "Deutsche Mädchen sind nicht hübsch."

Wie liefen die Arbeitsgruppen ab?

Tobias Jerzewski: Sehr entspannt und aufgeschlossen. Das hat aber nur deshalb so gut funktioniert, weil wir alle ein gutes Grundgerüst in Sachen Kultur, Geographie und Geschichte hatten. Man sollte sich nicht nur mit RTL bilden, die zeigen andere Polen (beide lachen). Kultur ist Sprache, und eigentlich zeigen wir nicht viel Interesse an der polnischen Sprache.

Marta Wiecka: Leider wurden die Polen von vielen nicht ernst genommen. Manche haben sich nicht genug für uns interessiert. Zwar wurde oft über Toleranz und Solidarität gesprochen, aber es ist die Frage, ob alle das auch umsetzen wollen.

Moritz Herzberg: Irgendwo bleiben alle ein bisschen zu sehr unter sich. Es kommt vor allem auch darauf an, wer die jeweils andere Sprache beherrscht, das Konzept ist nicht zu 100 Prozent aufgegangen.

Gibt es eine europäische Identität?

Moritz Herzberg: Wir sind vermutlich noch einige der wenigen, die an den europäischen Gedanken glauben, sonst wären wir ja nicht hier. Es gehört auf jeden Fall dazu, Interesse für den Planeten, auf dem wir leben, zu haben.

Fritz Lukas Pötter: Diese Identität gibt es nur nach außen. Es scheint zwar so, aber tief im Herzen gibt es sie nicht. Da hätte man sich mehr mit den Prozessen in Europa beschäftigen müssen. Viele können sich nicht ganz mit Europa identifizieren. Die Transparenz fehlt noch.

Tobias Jerzewski: (holt den Führerschein heraus) Auf dem Papier haben wir eine europäische Identität. Die Bildung sollte das Thema mehr einbeziehen. Ein Überblick ist sehr wichtig zum gegenseitigen Verständnis.

Marta Wiecka: Europa ist für mich zu allgemein. Es gibt keine direkten Erwartungen.

Fühlst du dich als Europäer?

Marta Wiecka: Mhhm, eine gute Frage, aber davor muss ich erst ein Bier trinken. Ich glaube, ich fühle mich polnisch. Das liegt daran, dass ich so erzogen wurde. Meine Familie legt viel Wert auf Kultur und Geschichte. Meine eigene Nationalität hat Vorrang, aber trotzdem bin ich auch zu einem Teil Europäer.

Fritz Lukas Pötter: Ich bin Europäer, in anderen Ländern fühle ich mich nämlich trotzdem nicht fremd. Vielleicht liegt das auch an meiner aufgeschlossenen Art.

Tobias Jerzewski: Europäer sein heißt, neue Bereiche entdecken, und Reisen ist zurzeit sehr billig. In Europa fühlt man sich doch überall wohl.

Moritz Herzberg: Ich fühle mich französisch-deutsch. Zu diesen Ländern habe ich den stärksten Bezug, bin mir aber des europäischen Gedankens bewusst.

Was für einen Eindruck habt ihr von der deutschen Sprache?

Tobias Jerzewski: Deutsch ist eine schöne Sprache, sie hat nur einen kleinen Imageschaden, der von der NS-Zeit ausgeht.

Moritz Herzberg: Ich finde Französisch schöner. Das hat einen schöneren Klang.

Marta Wiecka: Deutsch klingt für Polen sehr abgehackt und hart. Viele assoziieren diesen Klang noch mit der NS-Zeit, mit strengen Männern im Befehlston. Ich finde die Dialekte sehr verwirrend.

Fritz Lukas Pötter: Deutsch ist eine Sprache, die etwas auf den Punkt bringt. Klar und direkt, so etwas gefällt mir.

Was gefällt dir an Deutschland?

Marta Wiecka: Die Wälder und die Landschaft. Die Alpen und der Schwarzwald sind einfach faszinierend.

Tobias Jerzewski: Die Autobahnen. Wir sollten nicht an etwas Konkretes denken, eigentlich ist das Beste an Deutschland etwas Abstraktes und für jeden etwas anderes.

Fritz Lukas Pötter: Die Menschen, die aus vielen politischen Situationen gelernt haben und Deutschland zu dem gemacht haben, was es jetzt ist.

Moritz Herzberg: Definitiv das Essen. Gerade Sachen, die man in Frankreich nicht bekommt, wie Currywurst, Haribo und Brot. Und die Preise. Im Vergleich zu Paris ist Deutschland echt billig.

Informationen zum Beitrag

Titel
Trotzdem bin ich zu einem Teil Europäer
Autor
Juliane Aich
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2011, Nr. 273, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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