Am Mut soll es nicht scheitern

Polnische, französische und deutsche Jugendliche denken in Weimar über Europa nach. Ganz nebenbei räumen sie mit Klischees auf.

Rettet Europa!" lautet die Überschrift auf der Titelseite der Lokalzeitung, die an der Pinnwand hängt. "Retten ist ein religiöser Terminus", sagt der Berliner Universitätsprofessor Winfried Engler, "wir müssen uns davor hüten, dass dem Begriff eine Bedeutung zukommt, die nicht passt, aber das ist schon so in der Gesellschaft drin." Die zehn Jugendlichen, die um den Tisch in dem kleinen Raum sitzen, sind aus Frankreich, Polen und Deutschland. "Besonders Sarkozys Frau ist bei uns im Gespräch", sagt die Polin Marta Wiecka, als es um die Unterschiede der medialen Darstellung der Staatsoberhäupter in den einzelnen Ländern geht. "Wissenschaft und Medien: Die Bedeutung neuer Technologien für die europäische Entwicklung/Europa in den Medien" heißt der Workshop III. Mit Hilfe der Referenten stellen die jungen Europäer fest, dass die Berichterstattung von der "nationalen Brille" abhängt und dass der polnische Ministerpräsident Donald Tusk in den Medien der beiden anderen Länder vergleichsweise selten vorkommt.

"Europa macht sich nicht bekannt, Europa ist anstrengend, aber die Anstrengung lohnt sich", sagt Eva-Maria Kabisch, Vizepräsidentin und Generalsekretärin der Gesellschaft der Mitglieder der französischen Ehrenlegion und des Französischen Nationalen Verdienstordens und gemeinsam mit Karlheinz Schaedler für die Organisation der trinationalen Studientagung "Europäische Perspektiven" verantwortlich. Nachdem das polnische Kreisau 2007 und das elsässische Schloss Klingenthal 2009 die Orte der Begegnung waren, ist die Studientagung diesmal zu Gast in Weimar. "Weimar ist der Geburtsort der engen Bindungen zwischen Polen, Deutschland und Frankreich. Nach der Wende 1991 haben sich die Außenminister der drei Länder hier zum Weimarer Dreieck zusammengeschlossen", erklärt der Präsident der Gesellschaft Fritjof von Nordenskjöld. Die 32 ausgewählten Oberstufenschüler und Studenten aus Frankreich, Polen und Deutschland haben sich mit einem Essay über "Europa - heute und morgen" beworben. Die in Breslau lebende Journalismusstudentin Natalija Syniuk sagt: "Für uns hat Europa eine andere Bedeutung, weil die Demokratie bei uns noch nicht so verwurzelt ist." Sie hofft, dass ihr Heimatland, die Ukraine, 2020 Mitglied der Europäischen Union wird. "Gleichgültigkeit und mangelnder Mut können die Idee Europa gefährden", warnt von Nordenskjöld. Ein Blick in das mit dunklem Holz getäfelte Kaminzimmer der Europäischen Jugendbildungs- und -begegnungsstätte versöhnt mit den europäischen Ansprüchen: Bunt gemischt sitzen die jungen Teilnehmer in den roten Ledersesseln und plaudern über Gott und die Welt. "Für uns ist es schwierig, die langen Vokale auszusprechen. Meine Heimat heißt nicht Pollen, sondern Polen", sagt der dunkelhaarige Geographiestudent Grzegorz Wilga aus Breslau lachend und zieht dabei das o absichtlich in die Länge. Dimitri Sokolowski aus Metz sucht nach französischen Homophonen: vers, die Präposition, vert, die grüne Farbe, und verre, das Glas hat er schon. "Natürlich gibt es Stereotypen, aber ich denke, es ist wichtig, dass wir differenzieren können. Das kann man nur, wenn man den anderen kennt", sagt die dunkelhaarige Paulina Kedziora, mit dem freundlichen Lächeln, die in Posen Deutsch als Fremdsprache studiert. Pawel Sobon räumt mit den polnischen Klischees auf: "Dass die deutschen Mädchen hässlich sind, stimmt nicht." "Aber die Deutschen essen tatsächlich so viel Kartoffeln, wie es immer heißt", ist die Französin Linda Muller überzeugt. Die meisten Teilnehmer haben bereits Erfahrung mit der deutschen Sprache, Land und Leuten. Paulina und Ewelina Dobrzanska, die beiden Polinnen, sind seit ihrem Erasmus-Programm im oberbayrischen Eichstätt vom deutschen Bier begeistert. "Deutsch klingt für uns eigentlich wie der Befehl zum Schießen, so zack, zack", sagt Marta, an Deutschland gefallen der jungen Frau mit den bunten Ohrhängern besonders Goethe, Schiller, Thomas Mann und die Wälder. Grzegorz schwärmt von seiner Literaturreise auf den Spuren von Schiller nach Marbach, Ludwigsburg und Stuttgart.

Zum Park an der Ilm ist es nur ein Katzensprung. "Hier hat sich die geistige Elite getroffen, um in der Natur zu philosophieren", erklärt Eva-Maria Kabisch. Vor dem Stadtschloss, auf der steinernen Sternbrücke beginnt die Führung und endet vor dem Gebäude der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek. Nach vier Tagen rund um Weimars wechselseitige Geschichte, nach Gedanken zur Zukunft Europas und Reflexion über die Nachbarn sagt Paulina: "Ich fühle mich als Europäerin." Von Nordenskjöld gibt den jungen Europäern mit auf den Weg: "Auch wenn dieses große Europa ganz andere Probleme als in der Anfangsphase hat, sind wir ein Teil davon, und wir brauchen dieses Europa."

Informationen zum Beitrag

Titel
Am Mut soll es nicht scheitern
Autor
Sarah Barth
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2011, Nr. 273, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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