Darüber Reden fällt immer noch schwer

"Diese Metallplatte wurde 1995 errichtet. Davor stand hier ein hölzerner Obelisk, den einige Überlebende wenige Tage nach der Befreiung an dieser Stelle gebaut hatten. Das Denkmal trägt den Namen Warme Platte, da es ganzjährig auf eine Temperatur von 37 Grad erwärmt wird, also auf die menschliche Körpertemperatur. Sie können es ruhig einmal berühren." Eine gefühlte Ewigkeit vergeht, bis der Erste zögernd aus der Menge heraustritt, sich vorsichtig hinkniet und die Handfläche auf den matten Stahl legt. Nach und nach bücken sich alle und fühlen. Fühlen, was an einem Ort wie diesem, wo 1400 SS-Leute nur menschliche Kälte verspüren ließen, wie aus einer anderen Welt wirkt: Nur wenige Kilometer vom thüringischen Weimar entfernt, liegt das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald. Über eine lange, gewundene Straße durch einen Wald voller Birken, Ahorn und Buchen gelangt man an die Stelle, an dem das Leben von 56000 Menschen auf grausamste Art und Weise endete: durch Typhus, einen Genickschuss, durch einen Strick oder aufgrund grenzenloser Erschöpfung.

An einem kalten Sonntagvormittag im Herbst ist hier nicht viel los, wäre da nicht die Gruppe aus jungen Franzosen, Polen und Deutschen. Vorsichtig treten sie auf den Kies, lauschen, was der Fremdenführer Lothar Müller berichtet. 1937 begann man mit dem Bau des KZ Buchenwald. Ursprünglich war es für 8000 Männer vorgesehen, bei seiner Befreiung im Jahr 1945 durch die Alliierten waren dort 47 000 Menschen inhaftiert. Prominente Häftlinge wie der SPD-Reichstagsabgeordnete Rudolf Breitscheid sowie Amélie und Fritz Thyssen wurden im Sonderlager Fichtenhain untergebracht, in unmittelbarer Nähe der Villen der SS-Führer. Die regulären Häftlinge waren extremen Erniedrigungen ausgesetzt: Gleich hinter dem Stacheldrahtzaun, der den Appellplatz absperrt, hatte man einen Zoo für die Familien der SS-Leute errichtet, in dem Rehe, Vögel, Fische, Bären und Affen hausten. Erst hier wird der Mehrheit der Jugendlichen das unermessliche Leid der Inhaftierten klar, denen man Tag für Tag eine für sie unerreichbare Welt vor Augen hielt. Für Paulina Kedziora ist es der erste Besuch in einem Konzentrationslager. Die 21-Jährige studiert Deutsch an der Adam-Mickiewicz-Universität in Posen. Sie selbst hat keine persönliche Verbindung zu einem Exhäftling, und wenn, würde sie nicht darüber reden. "Die Polen sind in dieser Hinsicht sehr verschlossen, sie sprechen nicht darüber." In ihrem Heimatland gelte Deutsch immer noch als die Sprache der Nazis, was auch Grzegorz Wilga bestätigt. Manche ihrer Freunde kämpfen mit den Tränen, als sie aus dem Krematorium treten. Eiskalt fährt der Wind an diesem Tag über den Ettersberg.

Lange war dies ein beliebtes Ausflugsziel für die Weimarer Bevölkerung. 1776 schrieb Goethe in diesem Wald sein "Wandrers Nachtlied". Anderthalb Jahrhunderte später begann man hier systematisch Menschen zu ermorden, zuerst im Konzentrationslager Buchenwald und nach dessen Befreiung im Frühling 1945 im Internierungslager der Sowjets. "Goethes Eiche", unter der er sich mit Charlotte von Stein traf, verschonten die Nationalsozialisten vor ihrer Zerstörungswut. Bei einem britischen Luftangriff 1944 jedoch fing sie Feuer. Was übrig blieb, ist ein verknorpelter Baumstumpf zwischen Kommandatur und den Fundamenten der Baracken. Und was von dem Ausflug hängenbleiben wird, ist die Frage, wie die Deutschen mit ihren Nachbarn in Zukunft umgehen sollen. Da leisten Jugendtreffen wie dieses einen immensen Beitrag zur Identitätsbildung junger Europäer. Paulina spricht aus, was die meisten von diesem Seminar mitgenommen haben: "Natürlich werden Grenzen immer existieren, aber wir haben die Hoffnung, dass die kommenden Generationen nicht mehr damit belastet sein werden."

Informationen zum Beitrag

Titel
Darüber Reden fällt immer noch schwer
Autor
Laura Rodríguez Knödler
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2011, Nr. 273, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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