Vorbild sein und an den Currywurst-Kodex halten

Noch einmal tief durchatmen und den Moment genießen. ". . . blü-he-he deu-eu-tsche-es Va-ter-er-land . . ." Der 16-jährige Jan-Hendrik Bartels steht in einer Reihe neben 15 gleichaltrigen Hockeyspielern. Nur drei von ihnen durften zuvor ihr Heimatland im Rahmen eines Länderspiels repräsentieren, und für die anderen 13 Jugendlichen ist es das erste Mal. "Die Nationalhymne mitzusingen war schon ein sehr emotionales Gefühl. Da habe ich erst wirklich realisiert, dass ich in den folgenden 70 Minuten für Deutschland spielen und 82 Millionen Mitbürger repräsentieren würde", sagt Jan-Hendrik. Der blonde, mittelgroß gewachsene Junge mit dem Spitznamen "Krümel" aus Hamburg-Othmarschen trifft sich in seiner Freizeit gerne mit Freunden, wenn er mal eine Hockeypause hat.

Victor Aly ist 17 Jahre alt, kommt ebenfalls aus Hamburg-Othmarschen, einer Hockeyhochburg, in der es drei Vereine gibt, obwohl Othmarschen nur 12 327 Einwohner hat: den Hamburger Polo Club e.V., den Großflottbeker Tennis-Hockey-Golf-Club und den THC Altona-Bahrenfeld e.V. Aufgrund der fairen Konkurrenz untereinander werden seit vielen Jahren Nachwuchstalente aus diesem Stadtteil in die Jugendnationalmannschaft berufen.

Victor hatte sein erstes Länderspiel für Deutschland mit 15 Jahren. "Ich war damals ein Jahr jünger als fast alle anderen Mitspieler, und als Torwart spielt man meistens entweder das ganze Spiel oder gar nicht. In diesem Spiel gegen England durfte ich von Anfang an ran, und nach dem ersten Ballkontakt war komischerweise jegliche Nervosität verflogen."

Das Hockeyteam der Herren ist Deutschlands erfolgreichste Mannschaft, erst im August wurde das Team in Mönchengladbach Europameister beim Hockey. Es spielen elf gegen elf Spieler, und es darf so oft gewechselt werden, wie es jeder Trainer für richtig hält. Aktuell spielen in Deutschland etwa 75 000 Menschen jeglicher Altersklasse Feldhockey, und unter ihnen auch die beiden Hamburger Gymnasiasten, deren Schule ihre sportliche Leistung zu schätzen weiß. "Mit Freistellungsanträgen wegen eines Länderspiels hatte ich noch nie Probleme, der Schulleiter hat mir viel Glück gewünscht", sagt Victor. Sowohl er als auch Jan-Hendrik haben sich jeweils gegen etwa 3200 gleichaltrige Hockeyspieler aus mehr als 400 Vereinen durchsetzen können und es in den 30-Mann-Kader ihrer Altersklasse geschafft. Oft haben ihre Eltern sie zu Spielen gefahren. Krümels Hockey-Equipment schätzt er selbst auf einen Wert von etwa 350 Euro. "Aber seitdem ich für die Hamburger Landesauswahl spiele, erhalte ich in einem Hockeyshop einen Rabatt von 45 Prozent auf die Schläger, die den Großteil der Gesamtkosten ausmachen, und außerdem erhalte ich einen Satz an Trainingsklamotten pro Saison umsonst."

Obwohl er manchmal seine Hausaufgaben vernachlässigt, um noch "ein Extratraining zu absolvieren oder eine Stunde joggen zu gehen", ist Jan-Hendrik ein guter Schüler. Für alle im U-16- und U-18-Kader spielenden Jugendlichen ist es verpflichtend, dem Jugendnationaltrainer Jamie Mulders an jedem Dritten des Monats einen exakten Trainingsplan zu mailen, in dem all ihre sportlichen Aktivitäten des vergangenen Monats aufgeführt sind. "Als Nationalspieler hat man sich an einen Verhaltenskodex zu halten, den man auch unterschreiben muss, und des Weiteren gehört es zum Pflichtprogramm, regelmäßig Vorträge über Doping mit der Mannschaft zu besuchen", sagt Victor. Jan-Hendrik war erstaunt, als er den Kodex erstmals las. Während seines ersten Lehrgangs im August fand die Herrenund Damen-Europameisterschaft der A-Nationalmannschaft in Mönchengladbach statt, wo das gesamte Team zur Unterstützung im Warsteiner Hockeypark, dem einzigen Hockeystadion Deutschlands, anwesend war.

"Uns war es zum Beispiel untersagt, vermeintlich ungesunde Sachen wie eine Currywurst mit Pommes zu essen, solange wir mit den deutschen Nationalmannschaftsklamotten unterwegs waren", berichtet Jan-Hendrik immer noch leicht verwundert, dass er nun eine Vorbildperson für jüngere Spieler darstellt. "Man muss vor allem tierisch aufpassen, wie man sich auf Facebook-Fotos in Szene setzt. Bist du plötzlich mit einer Bierflasche in der Hand auf einem Foto und der Trainer bekommt das mit, bist du ganz schnell wieder aus dem Kader raus", sagt Victor, der beim Zweitligisten Großflottbeker Tennis-Hockey-Golf-Club spielt.

Manchmal wird Jan-Hendrik um ein Autogramm gebeten. "Das war irgendwie paradox, denn ich erinnere mich noch daran, wie ich als kleines hockeyspielendes Kind früher immer die Nationalspieler um ein Autogramm gebeten habe, und plötzlich war ich derjenige, der darum gebeten wurde." Victor wurde zwar noch nie nach einem Autogramm gefragt, aber auf seine Kleidung angesprochen. "Ich wurde schon von wildfremden Leuten beim Joggen angehalten, die mich fragten, was für einen Sport ich denn für Deutschland ausüben würde." Jetzt aber verlassen die beiden die Cafeteria des Gymnasiums Christianeum und müssen los, denn die nächste Krafttrainingeinheit wartet schon.

Informationen zum Beitrag

Titel
Vorbild sein und an den Currywurst-Kodex halten
Autor
Florian Bartels
Schule
Gymnasium Christianeum , Hamburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2011, Nr. 279, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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