Wagemutige Akrobaten statt Matratzen-Springer

Alle sind auf ihren Positionen. Stille, keiner sagt ein Wort. Konzentriert steht Florian Renner auf dem Sprungturm. Er wartet auf sein Signal. Zwei Meter weiter unten steht Tobias Hegele, der "Flieger" auf dem Schleuderbrett und positioniert sich für den Absprung. Alle Muskeln sind angespannt. "Hepp" kommt es knapp vom unten stehenden Flieger. Sofort springt der dunkelhaarige, große Sportler mit hoher Geschwindigkeit vom Turm hinunter. Der Untermann auf dem Brett wird geräuschvoll einige Meter nach oben katapultiert. Mit einem professionellen Salto landet er mit zufriedenem Gesichtsausdruck auf der Weichbodenmatte.

Im Landesleistungszentrum für Sportakrobatik in der Jahnturnhalle in Aalen trainieren Tobias Hegele und seine Gruppenkameraden das Schleuderbrettspringen. Ein kleiner blondhaariger Junge, kaum älter als 10, steht etwas nervös auf dem Brett und macht sich für den Absprung bereit. Tobias Hegele und Manne Huber stehen als Fänger zur Hilfestellung bereit. Florian Renner, in der Gruppe bekannt als der Springer Flo, springt und befördert den kleinen Schleuderbrettler zum Einspringen ein paar Meter hoch in die Luft Richtung Hallendecke. Mit einem noch etwas wackligen Strecksprung landet Tim auf der Weichbodenmatte. Schon einfache Salti erfordern viel Übung. Je höher und länger der Absprung ist, desto mehr Zeit bleibt dem Sportler für kunstvolle Salti und Schrauben. Die Fänger fangen den Flieger bei verschiedenen Elementen mit einem Sessel oder mit den Schultern, so dass sie übereinander einen Menschenturm bilden. "Da wir eine relativ kleine Gruppe sind, müssen ein paar von uns zwei oder sogar alle drei Positionen beherrschen", erklärt Tobias.

Tim, der zehnjährige Grundschüler, und seine hochgewachsene Schwester Ronja, die 15 Jahre alt ist, sind die Jüngsten im Team. Hegele studiert Management, und sein Kumpel Flo ist Orthopädieschuhtechniker. Beide sind Mitte zwanzig. Industriemeister Manne Huber ist mit seinen 43 Jahren der erfahrenste Akrobat. Alle vertrauen sich. Das ist unerlässlich, wer springt schon fünf Meter rücklings in die Luft, ohne zu wissen, dass jemand ihn sicher fängt?

In der Halle stehen der Bock, der Sprungturm, das abgenutzte Schleuderbrett und die blaue Weichbodenmatte. Eigentlich eine einfache Ausrüstung. "Bei Auftritten kommt der brennende Reifen immer besonders gut an", sagt Tobias Hegele. Hierbei wird er zur Hälfte in Spiritus getaucht und angezündet. Beim Salto dreht man sich dann durch den brennenden Reifen. Auch die Drei-Mann-Pyramiden oder der Sessel sind gute Bühneneinlagen. Der Sessel ist nichts anderes als ein Gartenstuhl, der an einer Stange befestigt ist. Der Flieger muss viele Sprünge beherrschen. Beispielsweise den Salto gestreckt, gebückt, gehockt, Einfach-, Doppel-, Dreifach-, Schraubensalto und den Auerbachsalto. Es können aber auch zwei Schleuderbretter nebeneinander stehen. "Es gibt auch den von uns so benannten flotten Dreier", erzählt Hegele. "Dabei stehen zwei Männer auf den Schultern übereinander auf der Weichbodenmatte und eine Frau springt im gehockten Salto darauf." Die Gruppe besteht aus neun Mitgliedern und nennt sich "Weilemer Schleuderbrettler" nach ihrem Gründungsort in Hofherrnweiler, einem Vorort von Aalen. Der Verein wurde 1966 gegründet. Für den Anfang mussten eine Hallenbühne, ein altes Sprungbrett und normale Turnermatten ausreichen. Die Sportler erweiterten ihre provisorische Ausrüstung mit Tischen, Stühlen und einem Sprungbock. Durch die größere Sprunghöhe genügten die einfachen Bodenmatten nicht mehr und verursachten bei den Saltospringern geschwollene Knöchel. "Dann kamen sie auf die Idee, Matratzen zum Training mitzubringen und diese mit Wäscheleinen zusammenzubinden. Damals wurden sie bemitleidend Matratzen-Springer genannt. Es gab so wenige Schleuderbrett-Vereine in Deutschland, dass man sie an zwei Händen abzählen konnte. Der Landestrainer für Sportakrobatik, Todor Kolev, erklärt, dass das Schleuderbrettspringen als Disziplin offiziell bei deutschen Meisterschaften nicht mehr existiert. Es ist eben nicht verbreitet, sich von einem Brett in die Luft katapultieren zu lassen. "So etwas gibt es doch nur im Zirkus", lautet das gängige Vorurteil. Eindeutig falsch, 13 deutsche und 40 württembergische Meistertitel sprechen eine beredte Sprache. "Unseren Erfolg sehe ich aber eher darin, wie wir unsere Zuschauer bei einem Auftritt begeistern ", sagt Tobias.

Verletzte gab es bisher wenige, auch dank der Longe. Die Longe legt man um den Bauch, und der Trainer kann den Sportler beim Sprung und bei der Landung kontrollieren. Es werden Muskelpartien trainiert, die sonst nicht sehr benötigt werden. Vor allem natürlich die Beinmuskulatur. "Die Technik beim Absprung ist sehr schwierig zu erlernen. Er muss auf den Bruchteil einer Sekunde genau erfolgen", sagt Todor Kolev mit bulgarischem Akzent.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wagemutige Akrobaten statt Matratzen-Springer
Autor
Kristina Tischler
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2011, Nr. 279, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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