Nach der Wuselei wird ernsthaft trainiert

Die fünf Taue, die von der Decke der großen fünfteiligen Sporthalle im Herzen Schwäbisch Gmünds hängen, bewegen sich im Luftzug. Die vielen Matten tragen den Namen großer Sportgerätehersteller. Es ist Mittwochnachmittag. Die ersten Jungs finden sich in der riesigen Schnitzelgrube ein. "Hallo Paul", begrüßen sie ihren Trainer. Die Zeit, bis alle da sind, nutzen die Kinder zum Toben und Wuseln über Matten und Geräte. Dann beginnt für die Acht- bis Zehnjährigen die Übungsstunde. Seit Januar 2010 ist der Turnverein Wetzgau und mit ihm das Kunstturnen in das neugebaute Leistungszentrum in Schwäbisch Gmünd eingezogen. Das 2006 vom Deutschen Turnerbund verliehene Prädikat "Turntalentschule" steht für die Nachwuchsförderung, die der Verein in Ostwürttemberg betreibt. Gemeinsam mit den Kindergärten und Schulen werden Talente gesichtet.

"Im September 2010 haben wir 31 Kinder getestet, von denen jetzt 15 in der ersten Stufe der Wetzgauer Talentschule gefördert werden", erklärt Paul Schneider, sportlicher Leiter der Institution. Die meisten Kinder fangen mit fünf Jahren an, zweimal in der Woche anderthalb Stunden zu trainieren. Von Jahr zu Jahr steigert sich dieses Pensum auf bis zu fünf wöchentliche Trainingseinheiten. Routiniert laufen und hüpfen die Kinder in Reih und Glied am Boden. Schaut der Trainer einmal weg, bauen sie eine Rolle ein, tuscheln oder überholen einander. Lange Turnhosen in Schwarz oder Dunkelblau dominieren das Bild. "Note 1 in Sport" prangt auf dem T-Shirt von Philipp, einem Jungen mit dunkelbraunen Locken. "Können wir einen Salto machen?", fragt er. "Zuerst die Gymnastik!" Wie selbstverständlich setzen die Kleinen ihre Aufwärmübungen fort. "Zehenspitzen strecken, Arme fest." Die Anweisungen verstärken den Eindruck disziplinierter Trainingsarbeit. "Wir führen die Kinder eher spielerisch an die körperlichen Belastungen im Leistungssport heran", sagt Schneider, "am Ende wäre es natürlich schön, wenn es ein paar bis in den Bundeskader schaffen."

Um Talente besser zu fördern, hat der Deutsche Turnerbund ein Konzept ausgearbeitet, dass das leistungssportliche Element in den olympischen Disziplinen stärker berücksichtigt. So sind DTB-Turntalentschulen und Leistungszentren entstanden. Um solch ein Prädikat zu erlangen, gibt es strenge Auflagen, die jährlich überprüft werden. Diese offiziellen Bedingungen scheinen für die Kinder zwar eher nebensächlich, doch die Eltern sehen die Vorteile. Glücklicherweise werden Wettkämpfe und Veranstaltungen größtenteils über den Verband und über den Verein organisiert, stellen sie auf der Zuschauertribüne fest, das sei eine große Entlastung für die Eltern. Die Schule in Schwäbisch Gmünd ist eine der 87 Talentschulen Deutschlands, der Schwerpunkt ist das Geräteturnen. "Es ist zwar einschätzbar, ob ein Kind das Zeug dazu hat, später einmal viel zu erreichen, aber hundertprozentig kann man das nie sagen. Es gibt so viele Faktoren, die eine Rolle spielen", sagt der Sportlehrer, der auch die Herrenmannschaft des TV Wetzgau in der Zweiten Bundesliga betreut.

Nicklas Sternisa ist einer von Schneiders Schützlingen, der sich mit seinen acht Jahren für den Landeskader qualifiziert hat. Der aufgeweckte Junge mit den braunen Augen und den verstrubbelten Haaren erklärt: "Irgendwann will ich zu Olympia." Dafür bringt er vier bis fünf Mal in der Woche eisern zwei Stunden in der Turnhalle mit Kraftübungen und Grundlagentraining zu. Sein großes Vorbild ist Daniel Popescu, Aushängeschild des Vereins. "Eigentlich wollte ich zuerst Fußballspielen, aber Turnen macht einfach mehr Spaß, das kann ich auch besser", sagt er selbstbewusst. "Nach der Schule wird gegessen und Hausaufgaben gemacht, danach müssen wir gleich losfahren, damit wir es rechtzeitig zum Training schaffen", sagt seine Mutter Sandra Sternisa-Welz. Sie war selbst Kunstturnerin. "Mir ist es wichtig, dass Nicklas trotz hartem Üben und viel Disziplin nicht die Freude am Turnen verliert."

Die anderen Eltern auf der Tribüne nicken zustimmend. Sie beobachten aufmerksam und stolz ihre Kinder. Wie selbstverständlich fliegen diese derweil über die Matte, überschlagen und drehen sich und wirbeln über das Bodenquadrat. "Damit Verletzungen vermieden werden, ist es wichtig, dass immer eine ausreichende Hilfestellung da ist", mahnt der Übungsleiter. "Die meisten Kinder verletzen sich eher im Schulsport oder beim Spielen mit Freunden als hier in der abgesicherten Halle."

Eine Stunde später muss man sich Mühe geben, um sein eigenes Wort zu verstehen. An die siebzig Kinder tummeln sich jetzt am Boden, am Reck, auf dem Trampolin und am Sprungtisch. Jungen und Mädchen in farbenfrohen Turnanzügen im Alter von fünf bis 16 Jahren versuchen den Anweisungen ihrer elf Übungsleiter zu folgen. Der aufrechte Gang, mit dem sich alle bewegen, fällt auf. "Als Übungsleiter braucht man gute Nerven und sehr viel Verständnis", sagt Daniela Zimmerhackel. "Man sollte sich gut in die Kinder hineinversetzen können." Seit zehn Jahren engagiert sie sich hier. Am Wochenende hat Nicklas seinen nächsten Wettkampf in Stuttgart. Er ist zuversichtlich: "Ich war schon voll oft Erster."

Informationen zum Beitrag

Titel
Nach der Wuselei wird ernsthaft trainiert
Autor
Kristina Müller
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2011, Nr. 279, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180