Geschlossene Vorstellung

Gefängnis

Häftlinge in Berlin-Tegel spielen Theater. Ihre Aufführung von "Don Quijote" wird streng überwacht. Ein Aufbruch hinter Mauern.

Dunkle Wolken hängen tief über der Stadt. Aus der Ferne sind zwei Wassertürme zu entdecken. Der dazugehörende Gebäudekomplex aus rotem Backstein ähnelt einem alten Krankenhaus. Doch es handelt sich um die größte Justizvollzugsanstalt (JVA) in Deutschland, abgelegen im Norden Berlins. Rund 1500 Insassen beherbergt die JVA Tegel. Im Sommer dieses Jahres wird das Gefängnis für kurze Zeit zum Theater. Hier inszeniert die freie Berliner Künstlergruppe "Aufbruch" Don Quijote. "Aufbruch" gilt als bundesweit einzigartiges Theaterprojekt. Seit 1997 arbeiten die Künstler und Sozialarbeiter an sozialen Brennpunkten. Die Gefangenen sind die Akteure, das Publikum kommt von draußen. So erzeugt die Bühne eine doppelte Illusion: Sie entführt die Zuschauer in die Welt des kauzigen Ritters und die Schauspieler in die Freiheit. Für die Dauer eines Nachmittags lässt das Theater die Mauern und Gitter vergessen. "Wenn diese Straße wo hineinführt, muss sie auch wieder wo hinausführen", heißt es im Stück.

Die 35-jährige Sibylle Arndt ist eine der zwölf Mitarbeiter von "Aufbruch". Sie ist für die Produktionsleitung zuständig und daher oft im Gefängnis. Trotz ihrer zierlichen Figur wirkt die Frau mit den langen dunkelblonden Haaren energisch. Seit elf Jahren arbeitet sie mit der JVA Tegel zusammen. Finanziert wird das Theaterprojekt teilweise vom Berliner Kultursenat. Aber von diesem Geld allein könnte die Gruppe nicht existieren. Sie hält sich durch Spenden und ehrenamtliche Tätigkeit über Wasser. Den Häftlingen bietet das Theaterspielen die Möglichkeit zum Kontakt mit der Welt jenseits der Gefängnismauern, schafft Brücken, die ihnen nach dem Absitzen ihrer Strafe den Weg zurück in die Gesellschaft erleichtern.

Die Auswahl des Stückes "Don Quijote" als szenische Collage frei nach Miguel de Cervantes ist kein Zufall. Sein sprichwörtlich gewordener Kampf gegen die Windmühlen steht für die Auflehnung der Gefangenen gegen ihre Lebensrealität hinter Gittern. Es ist somit ein Versuch, auf die Probleme der Häftlinge aufmerksam zu machen, die nach ihrer Entlassung mit dem Leben "draußen" oft überfordert sind.

Doch jede Öffnung nach außen erhöht das Risiko, dass etwas Verbotenes in die Anstalt gelangt. Deshalb sind die Kontrollen streng. Der Weg zum Einlasstor führt an einer großen Mauer entlang. Dieser Koloss aus Beton ragt etwa acht Meter in die Höhe und lässt an der Funktion des Baus keine Zweifel. Am Ende der langen Zufahrtsstraße nehmen Justizbedienstete in von Beton und Sicherheitsglas abgeschirmten Kabinen die Ausweise des Publikums entgegen. Man wird aufgefordert, sämtliche Habseligkeiten in Schließfächern vor der JVA zu deponieren. Der Schlüssel in der Hosentasche, den der Besucher im Austausch erhält, sichert ihm die Gewissheit der wiederkehrenden Freiheit. Nach dem Abtasten durch einen Beamten wird man durch ein Gewirr aus Sicherheitsschleusen geführt. Kameras an den Decken. Im Innenhof angelangt, überrascht ein Gartenteich, eine Idylle inmitten der Anstalt. Einige Häftlinge beobachten das Spektakel durch ihre Gitterfenster. Sie rufen laut in die Menge der Besucher, buhlen um Aufmerksamkeit.

Auf einem zusätzlich umzäunten Gelände steht schließlich die Zuschauertribüne. Sie wurde für diesen Zweck von der Metallwerkstatt der Anstalt hergestellt. Auch das Bühnenbild ist eine Metallkonstruktion: Zwischen zwei gigantischen Häuserwänden aus Wellblech befindet sich ein Durchlass, durch welchen Schienen führen; am anderen Ende des Hofes steht die Skelettkonstruktion einer Windmühle. Die 19 Darsteller tragen alle braune Hosen, Leinenhemden und schwarze Springerstiefel. Einige der Laien-Schauspieler spielen wie Profis. Das Publikum lacht oft. Die Stimmung ist ausgelassen.

Sieben Wochen lang probten die Häftlinge unter Anleitung von "Aufbruch". Vormittags arbeiteten die Akteure wie üblich in Werkstätten wie der hausinternen Tischlerei oder der Glaserei, nachmittags wurde geprobt. Einer der Schauspieler ist der gelernte Schlosser Kurt Lummert. "Ich wollte eigentlich nur noch die Toiletten saubermachen, dann hat Sibylle gesagt, ich soll mitspielen. Danach hat ein anderer die Toilette saubergemacht", erklärt Lummert. Mittlerweile ist er schon zum achten Mal dabei. Der 62-Jährige mit den langen grauen Haaren sitzt seit 12 Jahren im Gefängnis. Die tiefen Falten verraten sein Alter. Das damalige Urteil brachte ihm eine lebenslängliche Haftstrafe ein für einen Mord, den er unter Drogeneinfluss begangen hatte. Danach gefragt, wird er einsilbig. 2014 will die Anstalt über eine mögliche Freilassung beraten. "Schritt für Schritt" soll diese vonstatten gehen. Man wolle nichts überstürzen. Lummert, dessen linkes Augenlied ein wenig hängt, was ihm ein verwegenes Aussehen verleiht, sieht in diesem Moment sehr nachdenklich aus.

Der Applaus ist überwältigend, eine Geste der Anerkennung, die den Männern in ihrem Gefängnisalltag in der Regel nicht zuteilwird. Sie dürfen nach der Vorstellung noch für eine halbe Stunde auf dem eingezäunten Gelände bleiben und mit den Zuschauern sprechen. Die Gefängniswärter halten sich im Hintergrund. Durch das Leinenhemd von Kurt Lummert schimmert eine Tätowierung. Er raucht. "Wenn ich raus bin, würde ich gerne weiter Theater machen", sagt er. Das Talent dafür hätte er. Eine Bewunderin hat er bereits gefunden. Sie hat ihn nicht zum ersten Mal spielen gesehen und tätschelt ihm anerkennend den Arm. Als die halbe Stunde vorüber ist, werden die Häftlinge zurück in ihre Zellen gebracht. Die Wolken brechen auf. Beruhigend wirkt der kalte metallene Gegenstand in der Hosentasche.

Informationen zum Beitrag

Titel
Geschlossene Vorstellung
Autor
Vincent Streichhahn
Schule
Leonardo-da-Vinci-Gymnasium , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.12.2011, Nr. 285, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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