Ausreden zwecklos

Ich steh doch nur ganz kurz da!" Diesen Ausruf hören Achim Gatterer und Bodo Paintinger nicht zum ersten Mal. Viele Menschen beschimpfen die Strafzettelverteiler, doch niemand denkt an die Folgen, die durch das Falschparken im schlimmsten Fall entstehen können. So kann es sein, dass ein Sehbehinderter von seinem Blindenhund auf die Straße geführt wird, um an dem Auto vorbeizugehen - und so wird es für diese Person schon lebensgefährlich. Auch Kinder können Opfer von einem unbedachten Verhalten werden. Es existieren so viele unterschiedliche Interessenslagen, für die die Strafzettelverteiler die Beschilderung im Straßenverkehr überwachen müssen. So sind sie in Teams in verschiedenen Bezirken unterwegs und achten darauf, dass die Verkehrsschilder eingehalten werden.

"Eines Tages ging ich aus dem Haus raus und habe einen Verkehrsüberwacher gesehen", sagt Bodo Paintinger, der eigentlich gelernter Koch ist. "Da bin ich eine halbe Stunde mitgelaufen und dachte mir, da bewerbe ich mich." Mittlerweile ist er Teamleiter beim Nürnberger Zweckverband für kommunale Verkehrsüberwachung. Dennoch kann nicht jeder Beliebige diesen Job aufnehmen. "Auch in diesem Beruf wird man zwei Jahre lang ausgebildet", sagt Achim Gatterer, Außenleiter im Kommunalverkehr im Raum Nürnberg, Erlangen, Schwabach und Fürth. Zuerst muss man drei bis vier Monate ein Praktikum absolvieren, das mit einem zweiwöchigen Einführungsseminar beginnt und eine Prüfung einschließt. Danach geht man ein Beschäftigungsverhältnis ein, das zahlreiche Aufbauseminare beinhaltet. Die Voraussetzung ist ein schulischer Abschluss oder eine abgeschlossene Lehre, egal in welchem Bereich. "Dabei ist auch wichtig, dass man auf rechtlich gesunden Füßen steht", sagt Paintinger, "außerdem muss man bereit sein, etwas Neues zu erlernen."

Doch muss auch jede Ordnungswidrigkeit bestraft werden? "Nein", sagt er, "es gibt das sogenannte Opportunitätsprinzip, das uns erlaubt, aus menschlicher Sicht zu handeln. Wenn beispielsweise ein 80-jähriger Mann vor einer Apotheke parkt, um seine Medikamente zu holen, kann man nachvollziehen, dass es ein paar Minuten länger dauern kann, bis er wieder wegfährt." Jedes Falschparken ist somit ein Einzelfall - es bleibt immer noch die Möglichkeit einer mündlichen Verwarnung. Dabei kommt allerdings sofort die Frage auf, wie viele Strafzetteln am Tag im Schnitt ausgeschrieben werden. "Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, so zum Beispiel das eingeteilte Überwachungsgebiet, die Erfahrung des Verkehrsüberwachers, aber auch das Wetter oder die Ferienzeit tragen entscheidend bei. Der Durchschnitt liegt bei einer erfahrenen Außendienstkraft zwischen 35 und 45 Verwarnungen am Tag, es kommen aber auch Spitzen vor, an denen 80 bis 90 Verwarnungen ausgeschrieben werden", sagt Achim Gatterer.

Trotz alledem, wie handelt eine Außendienstkraft, wenn man die wohlbekannten Ausreden wie "ich bin bloß zum Wenden in die Fußgängerzone" oder "ich habe das Schild nicht gesehen" hört? "Wir kennen jedes Schild und jede Bodenmarkierung in Nürnberg", sagt Paintinger. Somit bleiben die Verkehrsüberwacher bei solchen Ausreden unbeeindruckt. Interessant ist allerdings, dass der Job auf Männer und Frauen gleichermaßen verteilt ist. So sind laut Achim Gatterer rund 54 Prozent Frauen und 46 Prozent Männer beschäftigt. Leicht ist die Arbeit nicht. "Die Mitarbeiter legen täglich 10 bis 15 Kilometer zurück", schätzt Gatterer. "Wir können viel essen, ohne dick zu werden", sagt sein Kollege Paintinger lachend. Beide bestätigen, dass es auch immer wieder viele Menschen gibt, die sagen: "Super, dass ihr wieder da seid!"

Informationen zum Beitrag

Titel
Ausreden zwecklos
Autor
Alina Alexandrow
Schule
Martin-Behaim-Gymnasium , Nürnberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.12.2011, Nr. 285, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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