Feindselige Banden haben sie im Blick

Don Quiote

Ich bin mir sicher, dass alles Erdenkliche für meine Sicherheit getan wird, aber ich bin mir auch bewusst, dass sich jeden Tag etwas Unerwartetes ereignen könnte." Christopher Jones arbeitet als Gefängniswärter an der Willard-Cybulski Correctional Institution in Enfield, einer Stadt mit 45 000 Einwohnern in Connecticut. In diesem Bundesstaat befinden sich insgesamt 19 Strafanstalten. "Es gibt Menschen, die meine Tätigkeit nicht respektieren, weil sie gar nicht wissen wollen, was sich im Inneren eines Gefängnisses ereignet", beklagt sich der leger und sportlich gekleidete 29-Jährige mit der frechen Kurzhaarfrisur, die ihn jung wirken lässt.

Jones entschied sich 2006, die Laufbahn eines Gefängniswärters einzuschlagen, die keine besondere Ausbildung erfordert. "Fast jeder könnte diesen Beruf antreten, man muss nur zwei Prüfungen absolvieren, zum einen einen schriftlichen Test und zum anderen eine Überprüfung der körperlichen Leistungsfähigkeit." Er trat damit in die Fußstapfen seines Stiefvaters, dessen Beruf "Kitchen Supervisor" Parallelen zu dem Berufsfeld Gefängniswärter aufwirft. "Es gibt nur einen gravierenden Unterschied: Rich überwacht die Gefangenen lediglich während der Mahlzeiten, und ich überwache sie den restlichen Tag."

Jones ist einer von 50 Wärtern in einer Schicht, die die rund 1200 Sträflinge Tag für Tag beim Absitzen ihrer Strafen überwachen und die Vorgänge im Gefängnis strikt kontrollieren. Die begangenen Straftaten sowie das Strafausmaß sind von ganz unterschiedlicher Art. "Es gibt Gefangene, die zu einer 20-jährigen Strafe verurteilt sind, aber es gibt auch viele, die beispielsweise wegen Fahrens unter Alkoholeinfluss nur 20 oder 30 Tage hier bleiben müssen." Ob Angst und Nervosität zu seinem Alltag gehören? Diese Frage verneint Christopher Jones, obwohl sein Stiefvater schon einmal nur knapp einem Angriff mehrerer Gefangener entkommen ist. "Eine Bande wollte ihn umbringen, aber ein anderer Sträfling warnte ihn, und deshalb konnte der Angriff verhindert werden." Trotzdem darf Jones keine Waffen zum Schutz bei sich haben. Nur mit dem "Bodyalarm" in Verbindung mit einem Funkgerät und durch die Überwachungskameras, die überall im Gebäude angebracht sind, kann er andere Wärter auf sich aufmerksam machen oder sie zu Hilfe rufen, wenn er sich in einer problematischen Situation befindet. Bisher hat er so etwas aber noch nicht erlebt.

Als "Correctional Officer" beleuchtet und kontrolliert Jones acht Stunden täglich das Geschehen in der Strafanstalt. Die Abläufe sind extrem durchstrukturiert und geben dem Wärter so das Gefühl einer gewissen Sicherheit in diesem risikoreichen Beruf. "Ich bin mir aber im Klaren darüber, dass der Beruf eines Gefängniswärters eine gefährliche Tätigkeit ist, allerdings geht alles streng geordnet zu." Christopher Jones teilt sich mit einem ehemaligen Schulfreund, der ebenfalls Gefängniswärter ist, eine Mietwohnung in Hartford. Seine Familie vertraut auf die als ausreichend angesehenen Sicherheitsvorkehrungen, jedoch sind sie sich ebenfalls des Risikos und der Ungewissheit in diesem Berufsfeld bewusst. Eine latente Bedrohung sind die schwelenden Auseinandersetzungen feindseliger Banden, die ganz genau beobachtet werden müssen. Jones' Beruf löst unterschiedliche Reaktionen bei Bekannten aus. "Manche Menschen können meine Entscheidung nicht nachvollziehen, aber viele meiner Freunde bemühen sich ebenfalls um eine Stelle als Wärter, da er sich als sehr aufregender Beruf auszeichnet."

Obgleich die Frage der Sicherheit immer ein Thema ist, fühlt sich Jones trotz aller Gefahren "sicher bei der Arbeit". Zudem bringt seine Tätigkeit einen hohen Verdienst mit sich, der 25 Dollar in der Stunde beträgt, wie er berichtet.

Informationen zum Beitrag

Titel
Feindselige Banden haben sie im Blick
Autor
Svenja Thomas
Schule
Jack-Steinberger-Gymnasium , Bad-Kissing
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.12.2011, Nr. 285, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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