Unentbehrliche Trittbrettfahrer

Einen Traumberuf üben sie nur in den Augen kleiner Kinder aus. Im Übrigen sind sie ebenso unterschätzt wie unersetzbar. Müllmänner arbeiten hart für ihr Geld.

Es ist punkt sieben Uhr früh, die Arbeit für die 20 Fachkräfte der Firma Gebrüder Steiner AG in Urdorf, einer kleinen Gemeinde, 20 Minuten westlich von Zürich, beginnt. Gearbeitet wird bei jedem Wetter, ohne Ausnahmen. Wer am Morgen den Regenschutz vergisst, für den kann ein Tag ziemlich nass enden. Daniel Krasic, ein sportlicher Mann, 1,80 Meter groß, setzt seine Mütze auf den nur noch wenig behaarten Kopf und zieht die Sicherheitshandschuhe an. Er steht den ganzen Tag hinten beim Müllwagen auf dem Trittbrett und sammelt den Müll ein. Der 54 Jahre alte gebürtige Kroate übt diesen Job schon seit mehr als zehn Jahren aus. Auf die Frage, ob er noch nie genug davon hatte, jeden Tag das Gleiche zu machen, antwortet er kühl: "Klar gibt es solche Tage, aber die gibt es sicher bei jedem anderen Beruf auch. Ich verrichte meine Arbeit gerne. Obwohl es ziemlich schmutzig sein kann, macht es mir Spaß. Es ist sehr wichtig für mich, draußen arbeiten zu können."

Bekleidet mit orangefarbener Sicherheitshose und einem zur Firmenfarbe passenden T-Shirt springt Krasic von einer Straßenseite zur anderen. Dort warten dann meist überfüllte Container und schwere Gebührensäcke auf seinen kräftigen Griff. Gebührensäcke sind teurer, da sie die den Aufpreis der kommunalen Müllabfuhr beinhalten. Diese müssen immer verwendet werden, auch wenn sich die Müllsäcke in den Containern befinden, wenn es von der Gemeinde oder der Stadt so vorgeschrieben wird, sonst wird der Müll stehengelassen. Kleinere Dörfer mit vielen Einfamilienhäusern haben eher keine Container, sondern die Einwohner stellen die Abfallsäcke vor die Hauseinfahrt. "Dies hat so seine Nachteile", erklärt Krasic. "Es braucht mehr Zeit, um die Säcke einzusammeln. Oft sind die Säcke so vollgestopft, dass es unmöglich ist, den Sack mit eigener Kraft hinten in den Müllwagen zu werfen. Da kann es dann schon passieren, dass ein Sack reißt und alles auf den Boden fällt."

Die Mulde des Müllwagens, in die die Säcke geworfen werden, hat eine Höhe von 1,5 Metern. "Nichts für schwache Männer", sagt der in einer Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung in Urdorf wohnende Vater von drei Kindern. "In der Stadt gibt es dann mehrheitlich nur Container, dies hat den Vorteil dass mehrere Säcke auf einmal entsorgt werden können." Wenn viele Säcke in der Mulde liegen, drückt Krasic die Presse. Sie kommt wie eine Schaufel von oben nach unten, presst die Säcke nach unten, zieht sie hoch und drückt sie nach hinten. Diese Presse kann auch Grobsperrgut, Grüngut sowie Karton zerdrücken. Mit bis zu zehn Tonnen Abfall können diese Lastwagen beladen werden.

"Dass vielen Leuten der Respekt vor unserem Beruf fehlt", nervt Krasic an seinem Job am meisten. "Jeden Tag muss man sich mit diesen Leuten auseinandersetzen. Es gibt die Betrüger, die mit normalen, nicht gebührenpflichtigen Säcken ihren Abfall entsorgen wollen. Dann gibt es die Unhöflichen, die nicht mal hallo sagen, oder auch die, die nach jedem kleinen Fehler suchen, den der Müllmann macht, nur um dessen Arbeit schlechtzumachen." Es wird unterschätzt, was der Müllmann jeden Tag leistet und welchen Gefahren er sich aussetzt. Es passieren immer wieder Unfälle, mal klemmt sich einer die Finger ein, mal verletzt sich einer an den Fußknöcheln oder am Knie. Es sei auch schon vorgefallen, dass eine giftige Kobra in einem Container war oder dass ein Mitarbeiter durch eine Spritze in einem Sack gestochen wurde. Zum Glück hatten diese außergewöhnlichen Vorfälle keine schlimmeren Konsequenzen.

Der Geruch, der ihn auf der Müllabfuhr begleitet, ist für Krasic schon zum Alltag geworden. Er kümmert ihn kaum mehr. Mit einem kritischen Blick sagt er nur, dass die Küchen- und Grünabfälle unerträglich stinken und im Sommer sogar ihm zu viel würden. Die zwei Männer auf dem Trittbrett stehen in engem Kontakt zum Fahrer. "Es ist sehr wichtig für uns, dass der Chauffeur immer an der besten Position anhält, an der die Container am einfachsten entleert werden können", erklärt Krasic. Am besten sei es, wenn man auf dem Trittbrett stehend die Säcke einsammeln könne. Er lacht ein tiefes Lachen. Viele Leute denken, dass nur nicht-intelligente Männer in diesem Gewerbe arbeiten, die nichts aus ihrem Leben machen wollten. Dies stimme so nicht, sagt Krasic mit erhobenem Haupt. "Viele dieser Männer haben keine andere Wahl. Sie kommen aus Entwicklungsländern und hatten dort keine Chance, eine Ausbildung zu bekommen. Es bleibt ihnen dann meist gar nichts anderes übrig." Ihm sei es genauso ergangen. "Aber diese Männer braucht es auch, und sie sind ein wichtiger Bestandteil unserer Wirtschaft. Neun Stunden am Tag muss ein Müllmann Container herumreißen, schwere Säcke laden, ganze Möbeleinrichtungen von Hand hinten in die Mulde werfen", erklärt er voll Nachdruck.

"Bei diesem Job braucht man eine gute Koordination mit dem Partner, die Handgriffe an den Containern müssen sitzen, die Seiten, an welchen jeder der Container gepackt wird, sind klar festgelegt." Wenn zwei Männer zum Container hingehen, studieren sie jeden Handgriff und jeder wählt seine Seite so, dass er es dem Partner einfacher macht. So ist man effizienter. "Auch bei dieser Arbeit ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Es braucht auch Übung, und man lernt jeden Tag wieder etwas Neues. Die Container sind meist so schwer, dass man sie alleine nicht zum Lastwagen hinziehen kann. Vor allem steht jeder Container an einem speziellen Ort; in Gefällen, Löchern oder in Container-Häusern."

Um 16 Uhr ist Schluss, dann geht es zurück zur Garage, wo noch der Lastwagen geputzt und bereit gemacht werden muss für den nächsten Tag. Das dauert etwa eine Stunde. Um 17 Uhr hat Krasic Feierabend. Wie sehen seine Zukunftspläne aus? "Darüber mache ich mir nicht viele Gedanken, aber es würde mich schon noch reizen, selbst einen Lastwagen zu fahren, ich will die Prüfung bald machen." Er lächelt, als er das sagt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Unentbehrliche Trittbrettfahrer
Autor
Lukas Steiner
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.12.2011, Nr. 291, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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