Schon dreimal wurde er regelrecht von der Straße gefegt

Der Lärm der Autos ist betäubend, die Luft stickig. Tag für Tag schlängelt Hannes Balzer sich mit seinem Fahrrad im dichtesten Verkehr durch die Hauptstadt, um an sein Ziel zu kommen. Seine Aufgabe ist es, Ware von einem Ort zum anderen zu transportieren in möglichst kurzer Zeit - dabei ist die Konkurrenz mindestens so groß wie das Risiko, verletzt zu werden. Der junge, schlanke, von der Sonne gezeichnete Mann mit dunklem Haar packt die ersten Kartons zusammen und verstaut sie in seiner riesigen blauen Umhängetasche, die sich perfekt an seinen drahtigen Körper anschmiegt, als er sie mit eleganter Leichtigkeit über die linke Schulter schwingt. Er trägt ein ärmelloses Shirt, kurze Shorts und Sportschuhe.

Vor drei Jahren hat er sich seine eigene Fahrradkurierfirma "Von A nach B" aufgebaut und finanziert damit sein Physikstudium. Die meisten seiner Mitarbeiter sind Freunde und Bekannte von der Universität. Heute soll ein neuer Mitarbeiter anfangen. Zwei Fahrten hat Balzer schon gemacht, im Schnitt legt er an einem Arbeitstag 150 bis 200 Kilometer zurück.

Ein etwas kleinerer Mann im gleichen Alter kommt auf ihn zu, grüßt freundlich, stellt sich als Fridolin Sommer vor. Seine blonden Locken kleben verschwitzt auf seiner Stirn, als er in den wolkenlosen Himmel blickt. Balzer lächelt verschmitzt, als er den Neuankömmling betrachtet, der einen Helm und Ellenbogenschützer trägt. Sein dunkelblaues Fahrrad ist mit hochwertigen Bremsen ausgestattet.

Hannes Balzers Rad hingegen besitzt weder Bremsen noch Licht oder Rückstrahler. Einen Helm trägt ebenfalls keiner von den Alteingesessenen. Nun schaut der Neuling irritiert und fragt, ob die anderen Mitarbeiter etwa auch so wie sein Gegenüber ohne Schutzausrüstung und mit einem verkehrsuntauglichen Rad fahren würden. Hannes klärt ihn auf: "Es handelt sich praktisch um ein ungeschriebenes Gesetz, dass wir Kurierfahrer ohne große Schutzmaßnahmen unsere Arbeit ausführen; andernfalls wirst du dir nie Respekt verschaffen können." Im gleichen Atemzug fügt er jedoch beim Anblick des entsetzten Gesichts des anderen hastig hinzu, dass es kein Problem sei, wenn er die Lieferungen in seiner gewohnten Form austragen wolle.

Der zweite Mann fragt nun sichtlich verschreckt, ob sie sich dann nicht allerhand Verletzungen zuziehen würden, worauf der andere mit leichter Miene antwortet: "Doch, das kommt durchaus vor. Schon dreimal wurde ich von der Straße gefegt, einmal von einem Reisebus, aber ich musste nie länger als zwei Wochen im Krankenhaus bleiben." Das Problem ist, dass die meisten Fahrradwege schlecht ausgebaut oder überfüllt sind, daher ist es für Kurierfahrer fast unmöglich, sie zu benutzen, weil sie dann zu langsam wären, und so müssen sie als Alternative auf die Straßen umsteigen. Da die Konkurrenz nie schläft und einem schnell einen Auftrag vor der Nase wegschnappen kann, muss man seine eigene Leistung optimieren und mit schnellem Service dienen. Ein bisschen stolz ist Hannes Balzer schon auf sein kleines Unternehmen, denn er hat sich in den vergangenen Monaten mit viel Mühe einen treuen Kundenkreis aufgebaut und konnte durch die erhöhte Anzahl von Aufträgen seine Mitarbeiterzahl aufstocken und die Gehälter angemessen erhöhen, auch wenn sie davon eigentlich nicht leben können. Sommer schaut nervös umher, zupft an dem Sicherheitsbändchen seines Helms, verlagert sein Gewicht von einer auf die andere Seite, während der andere die Taschen vollpackt und ihm eine in die Hand drückt. "Vielleicht sind wir fertig, bevor der Berufsverkehr einsetzt, danach ist die Arbeit nicht halb so schnell gemacht." Die Männer schwingen sich schwer beladen auf ihre Räder. Der eine fährt zügig voraus, der andere folgt zögernd. Die Bremsen der Autos quietschen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Schon dreimal wurde er regelrecht von der Straße gefegt
Autor
Camilla Christ
Schule
Heinrich-Schliemann-Oberschule , Berlin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.12.2011, Nr. 291, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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