Das Cello spielt den sterbenden Schwan

Das Publikum wippt mit, wenn die jungen Stipendiaten Konzerte an ungewöhnlichen Orten geben und in Krankenhäusern, Altenheimen und Gefängnissen auftreten. Ihr Honorar zahlt der Verein Live Music Now, der dank ehrenamtlicher Helfer eine Erfolgsgeschichte schreibt.

Nebel steigt an diesem grauen Tag vom nassen Boden hoch. Drinnen im hell erleuchteten Konzertsaal ahmt indes der Pianist das Schlagen der Wellen im See rhythmisch nach. In dem brasilianischen Stück "O Canto do Cisne Negro" übernimmt das Cello den Part eines Schwans. Der Cellist streicht mit dem Bogen über die Saiten, er hat die Augen geschlossen. Das Cello spiegelt sich im schwarz-glänzenden Lack des Flügels. Der Schwan singt, windet sich, sein sterbender Herzschlag geht als Vibration in den See des Klavierspiels über.

Die beiden Musiker sind, genauso wie alle anderen Künstler, die das Benefizkonzert in der Orangerie des Sportschlosses Velen gestalten, Stipendiaten des Vereins Live Music Now (LMN) Münsterland. Die 1977 vom Geiger Yehudi Menuhin in England gegründete Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, Musik raus aus den Konzertsälen zu Orten und Menschen zu bringen, die diese sonst nicht live erleben können. Menuhin selbst gab während des Zweiten Weltkriegs Konzerte in Lazaretten, später für Überlebende der Konzentrationslager und während der Apartheid für schwarze Südafrikaner.

Heute spielen die jungen Stipendiaten, die vom Verein eine Förderung in Form von Auftrittshonoraren erhalten, Konzerte in Krankenhäusern, Altenheimen oder Gefängnissen. "Das ist ganz anders als bei normalen Konzerten - man ist viel näher dran und bekommt eine viel direktere Reaktion", sagt Deborah Selbach, die sich vor drei Jahren zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Amrei bei Live Music Now bewarb. Die zierliche, dunkelhaarige Frau lächelt, als sie erzählt, wie spontan das Publikum oft reagiere, einfach dazwischen klatsche oder mitwippe. Es könne natürlich auch anders kommen - "dass sich jemand zum Beispiel die Ohren zuhält, weil es ihm zu laut ist", sagt die 25-Jährige.

Ihre Schwester ergänzt: "Meistens erleben wir aber positive Reaktionen." Gerade haben die beiden Pianistinnen das Benefizkonzert gemeinsam mit einer vierhändigen Festouvertüre eröffnet. Finger tanzen über die weißen Tasten, ein dicker Teppich aus Tönen wird geflochten, immer schneller die Abfolge, die Augen huschen von Tastatur zu Notenblatt und zurück. Nach dem letzten Ton lächeln sich die beiden Schwestern kurz an. Das Publikum klatscht. Die zweimal jährlich stattfindenden Benefizkonzerte haben, wie die beiden sagen, eben mehr Konzertatmosphäre. Durch sie finanzieren sich die sogenannten Einrichtungskonzerte. "Die sind ungewohnt - aber schön", sagt Amrei Selbach.

Der Meinung ist auch Ronja Krischke. Sie steht jetzt vorne und miaut. Das blonde junge Mädchen singt den Sopran in Rossinis "Katzenduett" gemeinsam mit ihrer Partnerin. Die Katzen umschleichen sich, wenden sich voneinander ab, streiten, fauchen sich an. Die Kleider der Mädchen haben die gleiche Farbe wie die dunkelblauen Samtvorhänge an den Fenstern der Orangerie. "Wir haben das mal im Gefängnis gesungen", erzählt Ronja und lächelt. Das Stück eigne sich besonders gut für Leute, die sonst nie mit klassischer Musik in Berührung kommen - Miau verstehe eben jeder. "Am Ende war es fast wie im Fußballstadion. Die Häftlinge haben uns richtig angefeuert, gejubelt, als wir uns angefaucht haben - das ist eben was ganz anderes als vor so einem ,gesitteten' Publikum zu singen, das genau weiß, wie es sich zu verhalten hat."

Die Studentin der Musikhochschule in Münster weiß genau, was sie will - zum Theater nämlich. Nach dem Abitur machte sie erst mal ein Praktikum beim Opernchor. Zugunsten des Singens hat sie das professionelle Querflötenspiel aufgegeben. "Da war ich so 15, 16 und dachte, beim Singen muss man nicht so viel üben", sagt das aus einer Musikerfamilie stammende Mädchen und lacht. Obwohl sie sich eher spontan nach einem Aushang an der Musikhochschule bei dem Verein bewarb, will sie das jetzt nicht mehr missen. Besonders gefällt ihr, wie viel man mit Musik erreichen kann. "Bei Dementen zum Beispiel, wenn sie ein bekanntes Lied wie ,Oh Tannenbaum' hören, kann das total viele Kindheitserinnerungen auslösen."

Das bestätigen die ehrenamtlichen Mitglieder des Vereins, die mit karitativen Einrichtungen Kontakt aufnehmen, Konzerte organisieren und Sponsoren rekrutieren. Eine Mitarbeiterin ist Christiane Nitsch, die vor 25 Jahren in München erstmals mit Live Music Now in Berührung kam. Die 59-jährige Deutschlehrerin ist Mutter von vier musizierenden Töchtern und vom Konzept des Vereins überzeugt. Sie berichtet, wie bei einem Konzert in einem Behindertenheim ein Junge plötzlich durch den Raum nach vorne kam, um die Trommeln zu berühren. "Der Junge fing an zu weinen, auch ein Betreuer weinte. Dieses Kind hatte noch nie selbständig einen Raum durchquert, in dem so viele Menschen anwesend waren", erzählt die große, schlanke Frau berührt. Selbst Gehörlose hätten bei Konzerten schon mitgewippt. "Sie können die Musik mit ihren Füßen über den Boden spüren." Elisabeth Hauk, die sich auch engagiert, fügt hinzu: "Einmal wollte eine alte Frau nach einem Konzert die Schuhgröße der Musikerinnen wissen. Anschließend strickte sie für alle Wollsocken mit dem Emblem von LMN."

1992 wurde in München der erste deutsche Verein gegründet. Mittlerweile gibt es Organisationen in 16 Städten und Regionen, unter anderem in Berlin, Dresden, Köln und Frankfurt. Stephanie von Olfers und Leopold von Ohnesorge riefen den Münsteraner Verein vor fünf Jahren ins Leben. "Ich kannte den Verein von meiner Schwägerin aus Köln", erzählt die stellvertretende Vorsitzende Stephanie von Olfers. Leopold von Ohnesorge kam auch die Erfahrung als ehemaliger Versicherungsangestellter zugute. "Am Anfang meiner Berufstätigkeit bin ich von Haustür zu Haustür gegangen, um Kunden zu gewinnen. Daher bin ich es gewöhnt, auf Leute zuzugehen."

Mittlerweile gibt es mehr als 60 Stipendiaten, die sich dem jährlichen Auswahlverfahren vor einer Jury erfolgreich gestellt haben. Jedes Jahr finden 40 bis 50 eintrittsfreie Konzerte statt, in der Vergangenheit zum Beispiel in Förderschulen, Kliniken, Wohnungslosenheimen, Alteneinrichtungen und Jugendheimen. "Früher sagte man: Westfalia non cantat - Westfalen singt nicht. Aber das stimmt nicht!" Mit diesen Worten eröffnet von Ohnesorge als Vorsitzender das Benefizkonzert. Es ist ein besonderer Tag, nicht nur für ihn, sondern auch für Sona Jafarova. Die 25-Jährige stellt heute zum ersten Mal ihre eigenen Stücke vor. "Ich bin klassisch ausgebildet worden - Mozart, Beethoven, Bach", erzählt die Pianistin in dritter Generation, die erst vor etwa einem Jahr ihre Liebe zu ihrem eigenen Stil entwickelte.

"Ich muss sagen, ich bin keine Sängerin, ich habe das nicht studiert", sagt die junge Aserbaidschanerin, als sie vor dem Publikum steht. "Aber ich möchte euch gerne ein Volkslied aus meiner Heimat spielen, das ich selbst modern bearbeitet habe, und dabei für euch singen."

Sie lächelt, setzt sich ans Klavier. Ihre Stimme klingt rauh und sehnsuchtsvoll, ihr Oberkörper wiegt sich im Rhythmus des Pianos, ihre Finger gleiten über die Tasten. Ihre dunklen Augen hält sie geschlossen. Vor sechs Jahren kam die Musikerin nach Deutschland und war eine der ersten Stipendiatinnen. "Wir sind alle wie eine Familie: Die Stipendiaten untereinander, aber auch die anderen Mitglieder." Sie ist fasziniert von der Idee des Vereins und von den Reaktionen, die die jungen Musiker bekommen. "Selbst Leute, die sonst nie in ein klassisches Konzert gehen würden, zum Beispiel im Gefängnis, die bleiben bis zum Schluss. Obwohl sie jederzeit gehen könnten, wenn sie wollten."

Junge Musiker zu fördern und gleichzeitig durch die Musik Menschen bewegen, das ist die Grundidee des Vereins. Vor allem aber haben die Stipendiaten viel Spaß bei ihrer Arbeit. Das wird auch gegen Ende des Konzertes deutlich. Der junge chilenische Tenor Gonzalo Diaz singt mit seinem Ensemble das letzte Stück La Danza. "Der Text ist egal, das ist eben einfach eine Party", sagt er lachend. "Ihr könnt mitmachen, mitklatschen, mitsingen - nur nicht lauter als ich."

Informationen zum Beitrag

Titel
Das Cello spielt den sterbenden Schwan
Autor
Melina Albat
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.12.2011, Nr. 297, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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