Auf der Schwäbischen Alb tönt der weiche Klang des Alphorns

Wandert man durch einen Wald nahe dem Dörfchen Lonsee auf der Schwäbischen Alb, so kann es vorkommen, dass man den dunklen, weichen Klang eines Alphorns vernimmt. Folgt der überraschte Wanderer dem Klang, erblickt er einen Mann mit Schnauzbart und Halbglatze, der mit seinem über dreieinhalb Meter langen Holzblasinstrument übt. Der Alphornist heißt Jörg Stegmaier und ist Posaunist beim Philharmonischen Orchester am Ulmer Theater. Er erklärt den ungewöhnlichen Probenort damit, dass die Atmosphäre im Wald ein bisschen wie in den Bergen sei: Nur in der Natur könnten sich die Töne richtig entfalten, ein Wohnzimmer sei gänzlich ungeeignet. "Die Nachbarn würden sich sonst bestimmt beschweren", schmunzelt er.

"Ich fing mit zehn Jahren an, im Musikverein Posaune zu spielen, und spielte im Bundeswehr-Musikzug der Panzerbrigade mit. Nach dem Abi lernte ich Leute kennen, die Musik studieren wollten. Da habe ich beschlossen, mein Hobby zum Beruf zu machen, und angefangen zu studieren, zuerst in Köln und dann in Mannheim. 1989 bekam ich dann die Stelle in Ulm." Drei Jahre später hatte er die Idee mit dem Alphorn. "Just for fun probierte ich, mit zwei Kollegen ein bisschen zu spielen. Wir versuchten die richtigen Töne zum richtigen Zeitpunkt zu treffen. Wir haben niemanden gehabt, der uns das gezeigt hat, aber da wir alle Blechbläser sind, war das kein Problem." Nach intensiver Probenzeit wurde das Trio "Donautal" gegründet.

Das Prinzip der Tonentstehung beim Alphorn basiert auf dem Überblasen der Naturtonreihe. Hineingeblasen wird in ein Kesselmundstück, wie es auch Trompeten oder Posaunen haben. Die Luft im Innern wird zum Schwingen gebracht, durch Veränderung der Lippenspannung kann die Tonhöhe reguliert werden. Da das Instrument keinerlei Grifflöcher, Klappen oder Ventile aufweist, ist der Tonumfang stark beschränkt und lässt sich nur in einem ziemlich engen Raum musikalisch einsetzen. Insgesamt gibt es 16 Naturtöne, diese reichen vom großen C bis zum dreigestrichenen c. "Diese tiefsten und höchsten Töne sind allerdings sehr schwer zu spielen, und nur geübte Alphornisten treffen sie. Je höher die Töne werden, desto kleiner werden die Intervalle, die zwischen ihnen liegen."

Inzwischen hat Stegmaier schon mit allen möglichen Instrumenten zusammengespielt, angefangen vom Streichquartett über Harfe bis hin zu Orgel und Orchester. Dass dieses Konzept aufgeht, erkennt man an den vielen Zuhörern, die vom satten Klang des Alphorns und von dem Können des Spielers schwärmen. Ein besonderer Höhepunkt sei dabei das berühmte Kirchenlied "Amazing Grace". "Beim Verklingen der letzten Töne bekommt man eine richtige Gänsehaut", erzählt ein begeisterter Konzertbesucher.

Was die Auswahl der Musikstücke betrifft, hat Stegmaier schon vieles ausprobiert. Neben einigen Konzerten, zum Beispiel dem von Leopold Mozart in G-Dur, gibt es für Alphorn relativ wenig, deswegen arrangiert der Musiker viel selbst oder schreibt Schweizer Lieder für Orgel und Alphorn um. Dass es in der Schweiz so viele Arrangements gibt, ist nicht verwunderlich, da das Horn als Nationalsymbol des Landes bezeichnet wird. Aber nicht nur dort wird und wurde das Alphorn gespielt.

Von Island bis zu den Pyrenäen, von Zentralafrika bis Südamerika machten sich Hirtenvölker das Instrument zur Nachrichtenübertragung zunutze. ,,Das war damals quasi das Handy. Die Kühe hörten den Klang und kamen dann her", schmunzelt Jörg Stegmaier. "Oder es wurde eine Alphorn-SMS verschickt. Mit einer bestimmten Melodieabfolge sagten die Bauern sich untereinander zum Beispiel: ,Schau mal, dass du deine Kühe eintreibst, es sieht nach einem Gewitter aus!' oder ,Hol einen Arzt, meine Frau ist krank!' Auch hat das Alphorn einen entscheidenden technischen Vorteil gegenüber dem Handy. Während viele Handynutzer sich über den schlechten Empfang in den Bergen ärgern, hat das Alphorn eine Klangreichweite von bis zu zehn Kilometern."

Heute wird das Instrument meistens von Hobbybläsern und Orchestermusikern wie Jörg Stegmaier genutzt. "In den letzten zwanzig Jahren scheint das Alphorn ein Modeinstrument geworden zu sein", sagt Stegmaier. "Es entstehen immer mehr Verbände und Gruppen in Deutschland. Auch gibt es hierzulande inzwischen immer mehr Instrumentenbauer." Allerdings ist die Fertigung aufwendig. Das Instrument kostet zwischen 1000 und 2500 Euro und wiegt etwa 3,5 Kilo. "Damit es sich zu meinen Konzerten besser transportieren lässt, kann ich das Alphorn in zwei bis drei Teile zerlegen."

Einmal im Jahr fährt Stegmaier nach Südtirol, wo er mit seinen Kollegen in den Bergen spielt. Mit der Seilbahn werden Alphörner nach oben verfrachtet. "Dann spielen wir vor Wirtschaften und Gaststätten. Die Leute freuen sich dann immer, ein echtes Alphorn zu hören, und man bekommt das ein oder andere Schnäpschen gezahlt."

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf der Schwäbischen Alb tönt der weiche Klang des Alphorns
Autor
Jacqueline Vetter
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.12.2011, Nr. 297, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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