Freundlich und manchmal leicht chaotisch

Desiree wird in Groningen Medizin studieren. Meret hat in Leeuwaarden studiert. Gute Orte zum Lernen, sagen die jungen Deutschen, zumal die Niederländer nicht so durchgeplant seien.

Das Dröhnen einer Bohrmaschine. Schrauben und Nägel inmitten einer Landschaft aus Kartons und Plastikfolien. Kräftige Männer, die, unter Schweiß stehend, einzelne Möbelstücke eine ungewöhnlich steile und enge Treppe hinauftragen. In der Ecke summt leise ein Radio. "Du musst rechts noch etwas höher", hört man eine Stimme, bis die Bohrmaschine alle Geräusche wieder verschluckt. Einen Atemzug später hängt das Regal, und Desiree Schipper aus Rhede, einem Dorf nahe der Grenze zu den Niederlanden, betrachtet zufrieden das Ergebnis. "Mit etwas Glück wird es halten", sagt sie fröhlich. Doch an Glück scheint es der angehenden Medizinstudentin nicht zu mangeln, wie die Resultate der letzten Wochen zeigen: Ein gut bestandenes Abitur sowie die Annahme an der Universität im niederländischen Groningen für ein Medizinstudium.

"Ein großer Traum ist damit für mich in Erfüllung gegangen. Ich wollte schon immer nach Groningen, um Medizin zu studieren. Die Stadt ist sehr schön und besitzt eines der besten Krankenhäuser in den Niederlanden, in dem wir als Studenten ausgebildet werden. Am Ende werde ich hoffentlich eine tolle Ärztin sein", verkündet Desiree stolz und bindet ihr langes hellbraunes Haar zu einem Zopf zusammen. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg. Das Studium der Medizin besteht jeweils aus einem dreijährigen Bachelor- und Masterstudiengang inklusive Praktikum und Auslandsjahr. "Das wird ein hartes Stück Arbeit. Ich werde viel lernen müssen und wenig Freizeit haben."

Aufregung oder gar Angst verspürt sie trotz ihres Wechsels nicht, denn Desiree ist durchaus an die Lebensweise der Holländer gewöhnt, schließlich kommt ihr Vater aus dieser Region. Man trifft sich gerne mit Freunden und Bekannten zum Stadtbummel oder einfach nur zum Kaffee trinken. "Die Holländer sind nicht so durchgeplant wie wir Deutschen, sie versuchen möglichst jeden Stress zu umgehen", erklärt sie. Lehrer und Schüler dutzen sich und pflegen freundschaftliche Beziehungen. Der Schultag beginnt, ähnlich wie an deutschen Schulen, gegen acht Uhr und geht nach einer einstündigen Mittagspause bis in den späten Nachmittag hinein. Typisch für das niederländische Stadtbild sind die kleinen, eng beieinanderstehende Häuser mit den steilen Treppen. Den Abend lässt das patriotisch eingestellte Volk gerne mal in einem der zahlreichen China-Restaurants ausklingen.

Desirees Vorkenntnisse brachten ihr erhebliche Vorteile beim Holländisch-Sprachkurs, der Voraussetzung für das Medizinstudium in den Niederlanden. "Ich kannte den Klang der niederländischen Sprache gut und verstand meistens, was gesagt wurde." Doch auch dieser Vorteil änderte nichts daran, dass sie ihre Bewerbung als Ausländerin abgab. Die Zulassung ist beschränkt, sie wurde aus 1399 Bewerbern ausgelost und erhielt einen der 410 Studienplätzen. "Das war echt großes Glück, ich selbst habe am wenigsten daran geglaubt, dass es klappt", verrät die zierliche Blondine mit den grünen Augen.

"Und dann kam auch noch die Sache mit der Wohnung." Desiree landete gleich bei der ersten Besichtigung einen Volltreffer: eine zentral gelegene Unterkunft mit ungewöhnlich großen, offenen Fenstern und angrenzender Küche, Bad und Duschmöglichkeit, die Desiree sich die nächste Zeit mit zwei holländischen Mädchen ihres Alters teilen wird.

Von Desirees Glück würde sich Meret Nehe gerne etwas abschneiden. Die junge Frau aus Papenburg wartet ungeduldig auf einen Brief ihrer ehemaligen Hochschule in Leeuwarden, der ihre Zeugnisse enthalten soll, die sie zur Bewerbung für einen Masterstudienplatz in Deutschland benötigt. "Die weniger vorhandene Bürokratie in den Niederlanden kann manchmal echt nerven", sagt sie, als erneut der ersehnte Brief ausbleibt. Anders als Desiree hat Meret all das, was dieser noch bevorsteht, bereits hinter sich. Sie war Studentin an der Stenden Hogeschool in Leeuwarden, nicht weit von Groningen entfernt. Ihr Studiengang nennt sich Freizeit-Management und dauerte insgesamt vier Jahre. Genau wie Desiree absolvierte Meret ihr Studium komplett auf Holländisch, hatte aber vorher keinerlei Holländischkenntnisse.

"Am Anfang war es nervig, dass man sich nicht richtig ausdrücken konnte. Ich habe dann zusätzlich neben dem Studium einen Abendkurs der holländischen Sprache belegt, der zehn Wochen lang ging. Es war anstrengend, aber nach einem halben Jahr beherrschte ich die Alltagssprache recht gut", erklärt die junge Frau mit den kurzen dunkelblonden Haaren. Auf die Frage, warum sie sich für ein Studium in den Niederlanden entschieden hat, antwortet sie in einem amüsierten Ton: "Ich hatte das so nicht geplant. Eigentlich wollte ich in Deutschland Eventmanagement studieren. Das war aber nur an privaten Hochschulen möglich, und das wollte ich nicht. Also habe ich ein bisschen im Internet gesucht und bin dann auf die Stenden in Leeuwarden gestoßen, die so in etwa das anbot, was ich machen wollte. Ich bin dann im August zum Tag der offenen Tür gefahren und musste mich schnell entscheiden, da das Studium bereits Ende August anfing." Zunächst zog sie in ein neu gebautes Studentenheim und wurde nach einem halben Jahr schließlich Mieterin einer schönen Wohnung in der Stadtmitte. Die Niederländer bezeichnet Meret als offene und freundliche, manchmal auch chaotische Menschen, die zwar eine befremdende, in Merets Augen furchtbar ungesunde Esskultur hätten. "Die Holländer kochen nicht gerne, kaufen selbst Kartoffeln fertig abgepackt und vorgegart, und haben eine Vorliebe für süße, kalorienreiche Leckereien", erklärt sie. Dafür seien sie in vielen Dingen entspannter als die Deutschen. An einem Studium in den Niederlanden findet sie wie Desiree vor allem den "problemgesteuerten Unterricht" vorteilhaft.

Dieser Unterricht ermöglicht es den Studenten, in kleinen Gruppen eine Aufgabe sowohl theoretisch als auch praktisch selbst zu lösen. "Dadurch wird natürlich Teamfähigkeit gefördert, und man entwickelt sich weiter. Aber vor allem lernt man so einzuschätzen, wo die eigenen Stärken und Schwächen liegen", erklärt Meret. Einen deutlichen Nachteil sieht sie bei der Endnotenvergabe: Zwar sind die internationalen Abschlüsse in Deutschland weitgehend anerkannt, jedoch wird die niederländische Abschlussnote aufgrund anderer Rechnungen in Deutschland um bis zu eine halbe Note herabgestuft, was bei einer Bewerbung für den Masterstudiengang in Deutschland nachteilig ist. "Ärgerlich, aber nicht zu ändern", kommentiert Meret, die im dritten Jahr ein Auslandssemester an der Partnerschule in Chile absolvierte.

Heute ist Meret 22 Jahre alt und hat ihren Bachelor in der Tasche. Angefangen hat sie vor vier Jahren, da war sie gerade mal Achtzehn, genau wie Desiree jetzt. "Es fehlen noch einige Unterlagen und das Ergebnis des Sprachkurses, das für die Zulassung dringend notwendig ist. Noch heißt es abwarten und zittern", sagt Desiree mit einem bangen Blick. Dass die Niederländer deutlich weniger bürokratisch sind, würde sie sofort unterschreiben. "Was ich an Groningen nicht mag, sind die unzähligen Fahrradfahrer und der dadurch anstrengende Straßenverkehr." Auf die Frage, was sie vermissen wird, antwortet sie mit einem Lachen und wie aus der Pistole geschossen: "Hotel Mama! Alleine Wohnen bedeutet schließlich auch alleine kochen, alleine putzen, alleine waschen. Ich glaube, das wird noch problematisch werden." Als weitere Faktoren, die sie dazu bewegen, möglichst jedes Wochenende nach Hause zu kommen, nennt sie ihre Freunde und ihren Kater Andy, die sie alle vermissen wird.

Informationen zum Beitrag

Titel
Freundlich und manchmal leicht chaotisch
Autor
Nadine Schipper
Schule
Gymnasium Papenburg , Papenburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.12.2011, Nr. 302, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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