Vokabeln lernen mit Blick auf den Hudson

Mit einem Kaffeebecher in der einen und der Schultasche in der anderen Hand schlendert Yahina Vega die 34. Straße entlang, hinüber zur legendären 5th Avenue. Gelbe Taxis machen hupend auf sich aufmerksam, während Männer in orange Jacken mit der Aufschrift ESB durch die Menschenmenge auf dem Bürgersteig brüllen: "Empire State Building, going up!" "Die wollen einem überteuerte Eintrittskarten andrehen, damit man nicht so lange anstehen muss", erklärt Yahina. Sie läuft schmunzelnd an einer langen Schlange Wartender vorbei, die sich neben einem der vielen Eingänge von New Yorks berühmtestem Bürogebäude erstreckt. "Die meisten von denen wissen gar nicht, dass sie drinnen wahrscheinlich noch zwei Stunden anstehen müssen", sagt das große Mädchen. Ziel der Wartenden ist es, auf die Aussichtsplattform in der 86. Etage in 320 Meter Höhe zu gelangen, um den Big Apple einmal von oben bestaunen zu können. Yahina läuft zum nächsten Eingang, während sie in ihrer Tasche kramt und eine Karte herauszieht.

Durch die schwere Drehtür gelangt sie in einen Flur, dessen Boden und Wände aus glänzendem Marmor bestehen. Bei den Drehkreuzen vor den Aufzügen angelangt, lässt sie ihre Karte scannen. Nun ist der Weg nach oben frei. Es dauert ein paar Sekunden, bis der Aufzug Dutzende von Etagen unter sich lässt. "Da bekomm' ich immer Druck auf den Ohren", kichert sie. In der 63. Etage steigt das braunhaarige Mädchen aus und läuft zielstrebig durch einen holzgetäfelten, kargen Gang. Sie stößt eine Glastür auf und befindet sich in einem hellen Raum mit weißen und blauen Wänden, ebenso blauen Sesseln vor einer hohen Rezeption und großen, tiefen Fenstern, die den Blick in gewöhnliche Klassenzimmer freigeben.

"Das ist meine Sprachschule", sagt sie mit einem leisen Anflug von Stolz in der Stimme. Die 19-Jährige stammt aus der Dominikanischen Republik. Sechs Wochen lang besucht sie die Sprachschule in Manhattan, um sich auf ihr Studium in den Vereinigten Staaten vorzubereiten, das in zwei Monaten beginnen wird. In fünf Minuten beginnt der Unterricht. Die Gänge sind gefüllt von aufgeregten Stimmen, und man nimmt Englisch in den unterschiedlichsten Akzenten wahr. "Hello, how are you?", wird Yahina von einem asiatischen Mädchen mit roten Pumps und Kniestrümpfen euphorisch begrüßt. Asiaten sind hier in der Überzahl. An der Seite ihrer Freundin bahnt sich Yahina ihren Weg zum Klassenzimmer, das nicht weit entfernt von der Rezeption liegt.

Sie stößt die leuchtend blaue Tür auf. Zuerst betrachtet man weder die vollgeschriebene Tafel noch die große Landkarte oder die elf Schüler, die im Halbkreis auf blauen Stühlen um das Pult herum Platz genommen haben. Zuallererst schaut man aus dem Fenster, das einen unglaublich weiten Blick auf Manhattans West Side freigibt. "Da unten ist Macy's und dahinter ist der Madison Square Garden", erzählt Yahina aufgeregt, als wäre sie zum ersten Mal hier und nicht schon seit drei Wochen fast jeden Tag. "Und der Fluss ist der Hudson River und dahinter liegt Jersey." Für weitere Erklärungen bleibt keine Zeit. Soeben betritt die Lehrerin den Raum, klein und zierlich, mit dunklen langen Haaren, und legt einen Stapel Bücher auf dem Pult ab. "Good morning", ruft sie gut gelaunt und klatscht in die Hände. Jeden Montag kommen neue Schüler aus aller Welt an und absolvieren Einstufungstests, damit sie Klassen zugeteilt werden können, in denen die Englischkenntnisse der Schüler auf der gleichen Höhe sind. Allgemeinenglisch und Basisenglisch werden hier unterrichtet, es gibt Univorbereitungskurse und Businessenglisch. Die Lehrerin beginnt mit einer kleinen Debatte. Sie schreibt Thesen an die Tafel, die Schüler ordnen sich in zwei Gruppen, je nachdem, ob sie zustimmen oder nicht. Die erste These ist "War is necessary". Und schon geht das Diskutieren los.

"Es ist echt interessant zu hören, was die Schüler manchmal über ihre Länder erzählen. Überhaupt gefällt mir am besten hier, dass ich so viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern treffe", flüstert Yahina. Allein in ihrer Klasse sitzen Schüler aus China, Spanien, Korea, Russland, Frankreich, Brasilien und Argentinien. "Ich habe hier noch nicht einen Streit erlebt", behauptet sie begeistert. "Alle sind echt nett zueinander." In der kurzen Pause geht sie mit zwei Mitschülern in die Student Lounge. Hier stehen Computer und Süßigkeitenautomaten an den Wänden und Stühle, Tische und zwei große schwarze Sofas in der Mitte des Raumes. Wieder wandert der Blick sofort zu den Fenstern. Diesmal kann man den Financial District sehen, der mit seinen Hochhäusern die Silhouette Manhattans bildet, die jedermann kennt. Er wird an der Spitze von Hudson und East River umschlossen, und daneben ist ganz klein, wie eine stehende Stecknadel, die Freiheitsstatue zu erkennen.

Hat Yahina eigentlich Höhenangst? "Nein", lacht sie. "Aber manchmal, wenn ich sehe, wie tief die Flugzeuge hier drüber fliegen, da werde ich schon ein bisschen nervös", gesteht sie. Nach ihren kurzen, intensiven Schulstunden freut sie sich auf den Central Park, in den sie mit ihren neuen Freunden gehen will: "Da kann man so schön entspannen."

Nachdem sie sich von ihren Mitschülern verabschiedet hat, geht es mit dem Aufzug wieder 63 Stockwerke nach unten. "Das Empire State Building war ja übrigens gar nicht immer so beliebt. Nachdem es gebaut wurde, wollte niemand einziehen, und deshalb wurde es lange Empty State Building genannt. Erst als dann King Kong gedreht wurde, stritten sich plötzlich alle um die Wohnungen hier."

Informationen zum Beitrag

Titel
Vokabeln lernen mit Blick auf den Hudson
Autor
Larissa Siegel
Schule
Marienschule , Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.12.2011, Nr. 302, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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