Schrill behütet

Die Plaza Mayor in Madrid gleicht einem Rummelplatz. Bunte Stände, an denen Süßwaren angeboten werden, Straßenkünstler die überdimensionale Seifenblasen machen und menschengroße Comicfiguren, die Luftballontiere an die Kinder verkaufen. An den meisten Ständen werden jedoch bunte Perücken oder mit Pailletten geschmückte Hüte angeboten. In der ganzen Innenstadt begegnet man am 28. Dezember dergleichen. An dem bekannten Platz wartet Carmen De La Villa, eine 17-jährige Schülerin, neben einer Perücken-Bude. "Das geht hier nicht immer so zu", sagt sie, "Das liegt daran, dass bald Silvester ist."

In Madrid begegnet man lauter Passanten mit schrillen Perücken und Hüten, und das schon drei Tage vor Silvester. Man wird mit vielen Aktionen überrascht, wie auch den ohrenbetäubenden Trommelwirbeln, die in traditioneller Kleidung am Nachmittag des 31. Dezembers von Ort zu Ort vorgetragen werden. "Wir Spanier haben viele Traditionen am Nochevieja. Wenn die Glocke an der Puerta del Sol zwölfmal zum neuen Jahr schlägt, wird mit jedem Glockenschlag eine Traube gegessen." Schwer vorstellbar, dass man es schaffen sollte in zwölf Sekunden zwölf Trauben zu essen. Auf die Frage, ob sie es schon einmal geschafft hat, muss sie lächeln "Natürlich habe ich das, man muss wissen, wie es geht. Wenn du die Trauben davor schälst, geht es einfacher. Und du musst entkernte nehmen, die es vor dem Neujahr in jedem Geschäft vorbereitet in Zwölferpäckchen zu kaufen gibt." Jede Traube steht für einen Wunsch, und wer sie bis zum letzten Glockenschlag nicht gegessen hat, den erwartet ein katastrophales Jahr. Ein weiteres Symbol für das zukünftige Glück ist das Gold, so wird zum Beispiel ein goldener Ring in das Sektglas gelegt.

Viele sind abergläubisch, aber auch familienbewusst. "Natürlich werde ich mit meiner Familie in das neue Jahr feiern, das gehört sich für mich so. Nach Mitternacht gehe ich dann aber mit meinen Freunden feiern", sagt die kleine Spanierin, und ihre blauen Augen leuchten auf. "Aber wir werden die Glockenschläge nicht traditionell von der Puerta del Sol verfolgen, da ist zu viel los." Tatsächlich geht es in den letzten Stunden des 31. Dezembers schon auf dem Weg dorthin schlimmer zu als auf dem Münchner Oktoberfest. In den Straßen werden auf den letzten Drücker noch Perücken und Sekt verkauft. Kleine, runde Frauen mit langen schwarzen Zöpfen versuchen unter der Menschenmasse ihre letzten Tütchen mit Trauben loszuwerden. An den Straßenrändern zieht sich ein ein Meter breiter Streifen leerer Flaschen entlang. Es gibt keine Chance, zum Puerta del Sol vorzudringen, und die angetrunkene Menschenmenge tanzt, singt und grölt, sodass man die Glockenschläge nicht hört.

Carmen und ihre Familie verfolgen, wie viele andere das Geschehen im Fernseher. "Auf fast jedem Sender läuft eine Liveübertragung der Glockenschläge." Stolz fügt sie hinzu: "Und ich habe es auch dieses Jahr geschafft, die Trauben zum letzten Schlag zu essen. Das wird wohl ein glückliches Jahr." Sie fährt sich lächelnd durch ihr langes dunkelblondes Haar. In Spanien ist es nicht erlaubt, Privat-Feuerwerke zu zünden, und daher gab es um Mitternacht nur ein kurzes, kleines Feuerwerk von der Stadt.

Obwohl sich die Straßen danach schnell leeren, wird kräftig weitergefeiert. In den Bars, Nachtclubs oder zu Hause sammeln sich die fröhlichen Spanier und feiern bis in den Morgen. Ein auffälliger Unterschied im Vergleich zu Deutschland zeigt sich am Tag danach. Dort, wo sich vor einigen Stunden der Müll stapelte und die zerstreuten unzähligen Flaschen auf den Straßen lagen, ist alles sauber, und es ist keine Spur des nächtlichen Chaos zu sehen. Es ist ein alltäglicher Morgen in den sauberen Straßen von Madrid. Das Einzige, das auf das Neujahr schließen lässt, sind die erschöpften Partygäste, die am frühen Vormittag den Weg nach Hause suchen. Auch für Carmen war die Nacht erst um acht Uhr morgens vorbei. Schließlich kann sie sich mit gutem Gewissen, dass es ein erfolgreiches Jahr für sie wird, schlafen legen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Schrill behütet
Autor
Anna-Viktoria Kozma
Schule
Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.12.2011, Nr. 302, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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