Herr Minh arbeitet hart für sein Glück

Tuan Nguyen Minhs Wecker läutet sechs Tage in der Woche um 3.30 Uhr. Dann beginnt in Dresden der 16-Stunden-Tag des Obst- und Gemüsehändlers. Der vietnamesische Familienvater beklagt sich nicht. Er ist mit seinem Leben zufrieden.

Ich wollte unabhängig sein, eine Arbeit haben und nicht zu einer Last für den Staat werden. Daher nahm ich den nächstbesten Beruf an, der sich mir bot, und bin seit 17 Jahren dabei geblieben, auch wenn der Gewinn nicht hoch, die Arbeit aber desto anstrengender ist", sagt Tuan Nguyen Minh, vietnamesischer Obst- und Gemüsehändler aus Dresden. Es ist Samstagnachmittag. Die Sonne scheint durch die großen Fenster und lässt den rechteckigen, 24 Quadratmeter großen Laden freundlich wirken. Rechts und links reihen sich etliche Obst- und Gemüsesorten: Äpfel, getrocknete Früchte, Wassermelonen, Zucchini, Feldsalat, alles ordentlich sortiert. Darüber hängen große Spiegel, die den Raum optisch vergrößern. Weiter hinten steht ein massives Holzregal, das Getränke und asiatische Gewürze enthält. Neben dem Eingang steht ein Tisch mit Kasse und einem Kühlregal, in dem frisch geschnittenes, verpacktes Obst liegt. Der Laden ist liebevoll mit Blumen dekoriert. Von draußen ertönen Kinderstimmen, während der Vietnamese angestrengt Paletten mit Obst schleppt und alle Oberflächen sauber wischt, denn in einer Stunde schließt er seinen Laden.

Tuan Nguyen Minh hat eine dunkle Stoffhose und ein gestreiftes T-Shirt an, über dem er eine grüne Schürze trägt. Seine Turnschuhe sind abgelaufen. Er ist schmal, an seinen Armen zeichnen sich aber deutlich Muskeln ab. Seine Haut wirkt fad. Leuchtend hingegen sind seine Augen und das Lächeln. "Für eine Pause habe ich keine Zeit", erklärt er und entschuldigt sich. Dabei wischt er den Schweiß von seiner Stirn. Obwohl es erst 15 Uhr ist, ist er müde - kein Wunder, schließlich ist er seit 3.30 Uhr auf den Beinen. Jeden Morgen bis auf sonntags holt der Händler von einem Großhandel Obst und Gemüse, während die meisten noch in ihren Betten schlummern. Auch wenn er nicht viel benötigt, muss er so früh aufstehen, um seinen Kunden die bestmögliche Frische zu gewährleisten. "Das ist auch der Grund, warum ich hier täglich einkaufe", erzählt eine Kundin: "Außerdem ist der Laden sehr praktisch im Wohnviertel gelegen, die Preise sind fair, und es gibt viel regionales Obst aus Sachsen, was man im Supermarkt nicht immer findet."

Wie viele andere Vietnamesen kam Minh Anfang der 80er Jahre als Vertragsarbeiter in die DDR. In Vietnam war er zuvor in der Textilindustrie tätig und arbeitete bis 1994 in Deutschland in der chemischen Färbung von Fäden. Nach der Wiedervereinigung verloren viele Vietnamesen ihre Arbeit, und es drohte ihnen die Ausweisung. Da er unbedingt bleiben wollte, machte er sich nach wenigen Wochen der Arbeitslosigkeit selbständig und eröffnete den Laden. Ähnlich machten es viele seiner Landsleute. Dieser Beruf passe gut zur vietnamesischen Arbeitsteilung in der Familie: "Morgens stehe ich früh auf, hole die Waren und öffne den Laden, während meine Frau sich daheim um die Kinder kümmert. Mittags lösen wir uns dann ab, sodass ich mich kurz ausruhen kann, bevor ich am Nachmittag wieder den Verkauf übernehme, damit meine Frau die Kinder abholen, sie betreuen und für sie kochen kann." Ist die Konkurrenz untereinander nicht groß? Schließlich gibt es hier viele vietnamesische Händler, und ihre Geschäfte liegen oft nah beieinander. Die Anwesenheit anderer Vietnamesen empfände er sogar als angenehm, da man sich somit nicht verloren und einsam fühle, sondern wisse, dass man zu einer großen Gemeinschaft gehöre, erklärt Minh. Nicht selten komme es vor, dass man einander helfe und Erfahrungen weitergebe und austausche. Zum Beispiel dass man im Großhandel beim Kauf von großen Mengen die Produkte zu einem günstigeren Preis erhält. Daher schließen sich viele kleine Händler wie er zusammen, um gemeinsam einzukaufen. Während des Gesprächs bleibt der Laden bis auf zwei Kunden leer. Minh erklärt, dass das am Wochenende liege und nachmittags generell wenig verkauft werde. "Ich verdiene genug, um meine Familie zu ernähren, das reicht mir." Abhängig von der Lage und der Größe des Geschäfts kann die durchschnittliche Verkaufsmenge an Obst und Gemüse bis zu 1,5 Tonnen täglich betragen. Bei Tuan Nguyen Minh sind es gerade einmal 100 Kilogramm, während er die doppelte Menge in Kisten hin- und herschleppt, um sie an die richtigen Stellen zu plazieren. "Die vietnamesische Mentalität besagt, dass man nichts umsonst bekommt, sondern für sein Glück hart arbeiten muss. Deshalb bin ich mit meinem Leben zufrieden." Obwohl der Laden bereits um 18 Uhr schließt, wird er bis 20 Uhr mit Aufräumen beschäftigt sein, bevor er übermorgen wieder vor vier Uhr aufsteht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Herr Minh arbeitet hart für sein Glück
Autor
Kim Hoan Vu
Schule
Romain-Rolland-Gymnasium , Dresden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.2012, Nr. 3, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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