Zhiling fühlt sich in Zürich heimischer

Das Haus liegt am nordöstlichen Ufer des Zürichsees in Meilen, einer Gemeinde im Kanton Zürich. Zhiling Weber sitzt konzentriert am großen Esstisch im Wohnzimmer und schreibt an ihrem Laptop. Geboren 1972, wuchs sie als zweitältestes von vier Kindern in Obhut ihrer Eltern in der Millionenstadt Taipeh, der Hauptstadt der Insel Taiwan, auf. Sie besuchte die reguläre Schule, die aus sechs Jahren Grundschule und je drei Jahren Junior und Senior High School bestand. "Die Lehrer in der Schule waren streng und forderten immer höchste Konzentration und Disziplin. Es war nicht ungewöhnlich, wenn man bis nach Mitternacht für Prüfungen lernen oder Hausaufgaben erledigen musste", sagt Zhiling Weber. Da sie schon immer fleißig war, bekam sie gute Noten.

Am liebsten wollte sie Lehrerin werden. Um eine Ausbildung beginnen zu können, musste Zhiling eine bestimmte Anzahl von Punkten im Abschlussexamen erreichen. "Ich setzte mich selbst unter enormen Druck bei diesem Examen, da ich wusste, wie viel davon abhing. Vor lauter Nervosität konnte ich keinen klaren Kopf mehr bewahren und schnitt dann dementsprechend schlecht ab."

So war ihr Traum, Lehrerin zu werden, zerplatzt. Statt sich weiter auszubilden, arbeitete sie vorerst lieber als Assistenz-Lehrerin. Bald aber merkte Zhiling, dass sie überhaupt nicht zufrieden war; sie wollte etwas ganz Neues ausprobieren und vor allem eine führende Kraft und nicht irgendeine unwichtige Assistenzgehilfin werden. Nach längeren Überlegungen und auch Gesprächen mit ihren Eltern entschied sie, ins Ausland zu gehen. "Ich war schon immer davon fasziniert gewesen, in ein komplett fremdes Land zu gehen. Dabei war Amerika die ideale Wahl, denn ich wollte nebst einer Lehrerausbildung schon immer auch fließend Englisch sprechen können." Heute spricht Zhiling Englisch wie eine zweite Muttersprache, da sie sich mit ihrem Mann Martin Weber ausschließlich auf Englisch unterhält. Ihn hatte sie gleich in ihrem ersten Jahr in der Sprachschule von San Diego kennengelernt. Mit Martin, der aus der Schweiz kam und damals mit seiner Mutter in Zürich lebte, verstand sie sich auf Anhieb gut, und es dauerte nicht lange, bis die beiden ein Paar wurden.

Nach neun Monaten beherrschte Zhiling die englische Sprache perfekt. Sie befolgte den elterlichen Rat, etwas mit Informatik anzufangen. Nach zwei Jahren konnte sie mit einem Bachelor in Informatik als Webmasterin und Internetspezialistin und nach einem weiteren Jahr mit einem Master in Telecommunication System Management an der California State University abschließen. Danach fand sie schnell eine Anstellung in einer Firma als Softwareingenieurin.

"Amerika war der springende Punkt in meinem Leben. Ich erreichte so viel, woran ich nicht mal im Traum gedacht hätte. Außerdem eröffnete sich mir eine völlig neue Welt mit einer ganz anderen Kultur und anderen Idealen. Ich fühlte mich in Taiwan manchmal nicht wohl in meiner Haut, da ich dort nicht unbedingt dem dort herrschenden Ideal entsprach." In der Tat besitzt Zhiling von Natur aus eine eher dunkle Hautfarbe. Dies entspricht aber ganz und gar nicht den Schönheitsidealen der Chinesinnen, die sich um eine möglichst helle Hautfarbe bemühen. Zhiling hingegen machte sich nie viel aus ihrem Äußeren und achtete daher auch nicht dauernd darauf, mit einem Sonnenschirm unterwegs zu sein. Sie ist eher klein. Daher war sie erleichtert, als sie nach San Diego kam, wo der Druck, dem Schönheitsideal entsprechen zu müssen, nicht auf ihr lastete. 1998 heirateten Zhiling und Martin in Las Vegas. Da diese Hochzeit eher spontan kam, heirateten sie nochmals in Taipeh, dieses Mal ganz offiziell im familiären Rahmen.

"Wir entschieden uns, in die Schweiz zu ziehen, da es sonst kompliziert mit der Aufenthaltsbewilligung werden würde. Es war pures Glück, dass die Firma, bei der ich angestellt war, zufälligerweise auch eine Tochtergesellschaft in Zürich besaß." Seit sie vor neun Jahren ihr erstes und drei Jahre später ihr zweites Kind bekam, kann sie von zu Hause aus arbeiten. Ihr Mann ist als Investmentbanker viel beschäftigt. "In der westlichen Gesellschaft fühle ich mich einfach rundum wohl und akzeptiert, wohingegen die Gesellschaft in Taiwan für mich eine Spur zu materialistisch ist und eine Spur zu viel Wert auf die Ästhetik legt."

Es klingelt, zwei Kinder stürmen herein, umarmen ihre Mutter und erzählen aufgeregt auf Chinesisch von ihren Erlebnissen in der Schule. Beide beherrschen Englisch, Deutsch - sowohl Hochdeutsch als auch den Dialekt von Zürich - und Chinesisch. Zhiling legt großen Wert darauf, dass ihren Kindern von Anfang an eine möglichst breite Ausbildung ermöglicht wird.

Informationen zum Beitrag

Titel
Zhiling fühlt sich in Zürich heimischer
Autor
Yiwen Luo
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.2012, Nr. 3, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180