Sie hört jeden Tag Geschichten von Gewalt, Missbrauch und Isolation

Er hatte alle Türklinken abgeschraubt, während sie und das Kind auf dem Sofa schliefen. Dann übergoss er sie mit Benzin und zündete sie an, alles vor den Augen seines Sohnes. Anschließend sprang er aus dem Fenster." Mit solchen, wenn auch nicht immer ganz so dramatischen Schicksalen hat Sieglinde täglich zu tun. Die 52 Jahre alte Sozialpädagogin arbeitet in der Frauen- und Kinderschutzeinrichtung eines Frauenhauses in einer norddeutschen Kleinstadt. Ihr Name ist geändert, aus berechtigter Angst vor Drohungen. Auch wenn alle drei überlebten, gebrochen sind sie trotzdem. Frauen wie diese Mutter unterstützt Sieglinde auf dem Weg in ein anderes Leben - Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind und die nicht wissen, wohin sie noch gehen sollen.

Die Kontaktaufnahme zu den Opfern erfolgt häufig durch Dritte wie Nachbarn, Freunde, Lehrer oder gar die Polizei. Dann folgt das erste, oft noch anonyme Gespräch, die Krisenintervention, in der Probleme erfasst und Vertrauen aufgebaut werden soll. Wenn die Situation zu gefährlich wird, können Frau und Kinder in einer der fünf Wohneinheiten für einige Monate unterkommen. "Wir können acht Frauen mit ihren Kindern aufnehmen, die von Gewalt bedroht werden oder Gewalt erlebt haben", sagt sie.

Der Migrationshintergrund spielt oft eine Rolle: Viele der Frauen sind nicht hier geboren oder haben eine andere Religion. "Ich mach' das jetzt schon ziemlich lange, aber es ist natürlich so, dass mich jede einzelne Biografie von jeder Frau und das, was sie erlebt hat, immer noch berührt." Es geht nahe, sich jeden Tag mit Geschichten von Gewalt, Missbrauch, Kontrolle und Isolation auseinanderzusetzen. Selbstschutz ist ein wichtiger Begriff für Sieglinde. Es ist keine Angst, sondern Vorsicht, die sich in ihrem Gesicht spiegelt. "Einmal hat mich ein betrunkener Mann mit dem Auto verfolgt, weil er dachte, ich weiß, wo seine Frau ist." Ein anderer stand bettelnd vor ihrer Tür, beging später Selbstmord.

Selbst zu Hause hinterlässt ihre Tätigkeit kleine Spuren. "Ich kann Probleme, die mir Freunde erzählen, nicht immer ernst genug nehmen, denn die sind meistens nichts im Vergleich zu dem, was ich bei der Arbeit zu hören bekomme." Auch ihre Direktheit und das Auf-den-Punkt-Bringen, was bei der Arbeit oft vonnöten ist, kommt in ihrem privaten Umfeld nicht bei allen positiv an. Manchmal muss sie auch Grenzen ziehen, um für ihr eigenes seelisches Wohlbefinden Sorge zu tragen. Bei sexuellem Missbrauch zum Beispiel hat sie solch eine Grenze gezogen. "Ich finde es ganz schwierig, wenn Frauen darüber mit mir sprechen wollen." Sie empfiehlt dann Beratungsstellen. Etwa sieben von zehn Frauen bei ihr haben Erfahrungen mit sexueller Gewalt gemacht, entweder in der Partnerschaft oder als Kind. Viele kommen auch mit einer falschen Erwartungshaltung zu ihr. Aber Sieglindes Aufgabe ist es nicht, die Probleme der Frauen zu lösen, sondern ihnen Möglichkeiten aufzuzeigen, sie selbst zu lösen. Durch Isolation und Kontrolle haben die meisten ihr Selbstbewusstsein verloren und kennen ihre Rechte nicht. Dass sie in Sieglinde dann oft einen Ersatz des Mannes sehen, der Entscheidungen fällen soll, ist ihr bewusst.

"Das Frauenhaus ist eigentlich ein Sprungbrett in ein neues Leben, das versuchen wir den Frauen zu vermitteln. Sie sollen lernen, eigene Zukunftsperspektiven zu entwickeln." Als Kind wollte sie Anwältin werden. Den Drang nach Gerechtigkeit und das Helfersyndrom hat sie im Blut. Das, was sie antreibt, ist zu sehen, dass die Frauen wieder anfangen zu lachen, Selbstbewusstsein aufbauen. "Wenn ich morgens zur Arbeit fahre, weiß ich nie, was mich erwartet. Manchmal, nach so vielen Jahren, wünsche ich mir sogar mal etwas mehr Eintönigkeit", gibt die warmherzige Frau lachend zu. Nach ihrer Ausbildung zur Erzieherin arbeitete sie im Kindergarten, im Heim und zum Schluss in einer Strafvollzugsanstalt, wo sie der Gegenseite von Gewalt begegnete. "Dort bin ich sozusagen auf die Täter getroffen. Dann bekam ich ein Angebot, die andere Seite kennenzulernen." Im Frauenhaus startete sie von null. Sie half bei der Einrichtung, der Strukturierung und bildete das Team neu. "Mein Herzblut steckt darin." Vor neun Jahren machte sie in Hamburg zusätzlich eine Mediationsausbildung, was für sie einen Ausgleich zu ihrer bisherigen Tätigkeit darstellt. Mediation umfasst Methoden zur freiwilligen Konfliktvermittlung, wobei das Interesse an der Problemlösung auf beiden Seiten bestehen muss. Im Frauenhaus ist die Situation allerdings oft schon so weit eskaliert, dass Mediation als Methode nicht funktioniert.

"Ich muss mir privat natürlich immer einen Ausgleich suchen, also Filme gucken oder lesen, allerdings äußerst selten Problembücher, und wenn, dann immer mit Happy End", lacht sie und blickt zum Wandregal mit den DVDs. "Ich suche mir Freizeitgestaltungen, die mich ausgewogener machen, bei denen ich mich wohl fühle, wie meinen kleinen Yoda." Zärtlich streicht sie dem Welpen, einer Französischen Bulldogge, über das helle Fell. Auch die 45-minütige Autofahrt zur Arbeit hilft ihr, eine Distanz zwischen Arbeit und Privatem aufzubauen.

"Mit den Frauen und Kindern unternehmen wir auch viele witzige Sachen. Es ist ja nicht so, dass wir da nur im heulenden Elend sitzen." Man dürfe jedoch nicht vergessen, dass hinter all den tragischen Schicksalen und schrecklichen Erfahrungen Menschen stehen, die Hilfe bei ihr suchen. "Es ist wie Feuerwehrarbeit. Nur manchmal sind es zu viele Brände auf einmal, die man löschen muss."

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie hört jeden Tag Geschichten von Gewalt, Missbrauch und Isolation
Autor
Anna Hillen
Schule
Goethe-Gymnasium , Hamburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.01.2012, Nr. 9, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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