Er erzieht den Besitzer, der den Hund vermenschlicht hat

Als es an der Haustür klingelt, spitzt der zwei Jahre alte Leonberger gespannt die Ohren, bereit, den Besuch unter lautem Gebell zu begrüßen. Nach einem kurzen Ringkampf um den besten Platz an der Tür wird dem Ankömmling geöffnet. Es ist ein großer, drahtiger Mann mittleren Alters mit kurzem, schon etwas lichtem Haar. Armeehose, feste Schuhe und eine warme Jacke gehören zu seiner Arbeitskleidung. Dürk Hanke strahlt in seiner sonnigen Art und drückt einem hart, aber herzlich die Hand. Als seine freundlichen Augen den zappelnden Hund streifen, scheint dieser die Autorität im Raum zu spüren und nimmt sofort Haltung an. Kein Wunder, denn Hanke ist auf dem Gebiet Hundeerziehung ein Profi. Wenn man in Dresden und Umgebung nach einer guten Hundeschule fragt, heißt es oft: "Wenn du eine echte Hundeschule brauchst, geh zum Hanke. Der ist selbst ein Hund."

Kürzlich feierte der stolze Hundeschulenbesitzer elfjähriges Jubiläum. Dabei weiß er noch genau, wie schleppend das Ganze angefangen hat. Nach seiner Ausbildung zum Diensthundeführer bei der Armee der DDR und langer Erfahrung beim Objektschutz hatte er zehn Jahre nach der Wende die Idee, sich mit seinem Gespür für Hunde selbständig zu machen. Doch sich zu etablieren erwies sich als schwierig. "Ich hatte meinen Stand auf etlichen Hundemessen und erklärte tausend interessierten Leuten Gott und die Welt und natürlich vor allem ihren Hund. Danach sah ich keinen davon je wieder." Der Durchbruch gelang durch Zusammenarbeit mit Hundebedarfsläden und -frisiersalons. Heute "repariert" Hanke die Freundschaft zwischen Hund und Postbote, zwischen Hund und hilfloser Familie und zwischen Hund und anderen Vierbeinern. "Das Problem ist in den meisten Fällen die Rangordnung: der Hund wird immer von der Illusion getäuscht, dies wäre sein Grundstück. Obwohl erwiesenermaßen die Menschen die Grundsteuer zahlen." In Beratungs- und Übungsstunden erarbeitet er zusammen mit den Besitzern Strategien und Festigungsaufgaben zur Korrektur der Verhaltensstörung. Dabei geht es häufiger um die Erziehung des Menschen, der durch die Vermenschlichung des Hundes inkonsequent wird. Angefangen von den Hundenamen wie Paula, Max oder Charlotte, die heute nicht mehr von denen der Kinder zu unterscheiden sind, bis zur Eroberung des familiären Sofas, der Hund ist für viele ein Mensch mit eigenen Gefühlen und menschlichen Bedürfnissen. Ein Paradebeispiel dafür sind ausschweifende Monologe der Besitzer, die ihrem Hund vom Arbeitstag und vom blöden Nachbarn berichten. "Bei all dem Gequatsche stellt der Hund immer mehr auf Durchzug und macht, was er für richtig hält." Durch viele Freiheiten, die den Hund aus menschlicher Sicht glücklich machen sollen, sieht der Hund die Autorität aber schwinden und übernimmt wohl oder übel die Führung seines "Rudels" selbst. Ungehorsam, Terror und Aggressivität können die Folgen sein. Darum erarbeitet Hanke mit den Familien strickte Regeln für den Alltag, hilft die Autorität der Menschen wiederherzustellen und gibt Hausaufgaben und Übungen mit auf den Weg. "Das Schwerste für die Menschen ist meistens das aktive Nichtstun. Ihren Hund einfach mal in Ruhe zu lassen und ihn nicht immer zu betütteln, zu bequatschen oder ihn in den Mittelpunkt der Familie zu rücken, ist für die meisten Hundebesitzer eine Qual." Wichtig bei den Stunden ist, dass die Menschen selbst mit dem Hund arbeiten und ein besseres Gefühl für ihren Vierbeiner bekommen.

Außerdem bietet Hanke neben Welpenspielstunde, Ausbildung der jungen Hunde zum Familienhund, also zu einem verlässlichen und gehorsamen Begleiter, noch eine Tierbetreuung an. Neben dem vormittäglichen Ausführen junger, unausgelasteter Hunde hat der 46-Jährige vor allem in der Ferienzeit auch schon mal Kaninchen, Reptilien oder ein Wildschwein zu betreuen. "Die Menschen fahren in den Urlaub, die Hunde kommen zu mir ins Bootcamp." Wie in den amerikanischen Erziehungscamps für kriminelle Jugendliche herrschen bei Hankes stramme Regeln, denn Kind, Lebensgefährtin und die vier Katzen wollen weiterhin in Frieden in ihrem Haus wohnen. Keine morgendliche Begrüßung, bei der die Einrichtung zu Bruch geht, und auch kein Katzenbraten, so verlockend es auch sein mag. Die vier bis sechs Ferienbesucher haben genügend Liegeplätze, doch es ist nicht zu leugnen, dass während den Ferien die ganze Familie enger zusammenrutschen muss. Stimmt es übrigens, dass Hund und Herrchen sich ähnlich sehen? Hanke lacht: "Ich könnte mir durchaus vorstellen, mir einen Mops anzuschaffen. Das sind geniale Hunde, aber ob ich denen wirklich so ähnlich sehe . . .?"

Informationen zum Beitrag

Titel
Er erzieht den Besitzer, der den Hund vermenschlicht hat
Autor
Anna Rix
Schule
Romain-Rolland-Gymnasium , Dresden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.01.2012, Nr. 15, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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