Viel Auslauf, klare Ansagen

Dogge Mina döst auf der Couch, die Rottweiler Pia und Atilla putzen sich gegenseitig, Dackel Finn folgt einer Zeichentrickserie, und Dobermann Tyson genießt eine Streicheleinheit von Ersatzpapa Giuseppe Puglisi, genannt Pino. 24 Hunde tummeln sich in der Ludwigsburger Wohnung des Sizilianers: Vom winzigen Chihuahua über den wuscheligen Collie bis hin zur riesigen Dogge. Der ausgebildete Hundetrainer nimmt in seiner Pension Pino's Hunde-Service Hunde auf, deren Besitzer in den Urlaub fahren oder sich nicht um ihren Vierbeiner kümmern können.

"Die Hunde können sich frei in der Wohnung und auch im Garten bewegen", erklärt Puglisi. "Sie befinden sich nicht in einem Zwinger oder einer Scheune, sondern in möblierten Räumen, die ihrem gewohnten Zuhause entsprechen. Allerdings muss ein gewisser Lautstärkepegel eingehalten werden. Auch der Garten, in dem sich die Hunde zeitweise aufhalten, muss gepflegt sein." Im Notfall wird der mittelgroße schlanke Mann mit den kurzen braunen Haaren von seinem Vater oder seinem Bruder vertreten. "Jeder Hund sucht sich seinen Schlafplatz aus und entscheidet selbst, wann er frisst, säuft, spielt oder schläft." Einzig die Gassigänge sind nach genauen Uhrzeiten festgelegt.

Dreimal täglich führt Puglisi seine Pensionshunde mindestens eine Stunde lang aus. "Ein Hund braucht ungefähr vier Stunden Bewegung und frische Luft am Tag, den Rest schläft er. In diesen vier Stunden muss er aber wirklich bewegt und ausgepowert werden, sonst wird er faul und dick oder unausgelastet." Während seiner Gassigänge wird der 36-Jährige von einer kleinen Gruppe Hundebesitzer begleitet, die ihren Liebling bei dem Hundetrainer in Therapie haben. Denn Puglisi therapiert und resozialisiert auch Vierbeiner. "Die Kunden kommen zu mir, und wir reden über das Problem, das sie mit ihrem Hund haben. Das kann von Aggressivität über Angstsituationen bis hin zu falschem Essverhalten gehen. Ich praktiziere dann spezielle Übungen mit dem Hund und versuche so, ihn zu resozialisieren und seinem Besitzer wieder vertraut werden zu lassen." Puglisi bringt auch Welpen Stubenreinheit und die gängigen Kommandos bei.

So nimmt auch die 52-jährige Christiane Jäger regelmäßig mit ihren beiden Cockerpoos Lilly und Ella an den Gassigängen teil. "Gerade bei Ella, die erst acht Wochen alt ist, hilft es mir sehr, wenn ich weiß, wie ich sie richtig erziehe." Zwischendurch dürfen sich die Hunde auf Wiesen austoben und miteinander spielen. "Dabei lernen sie am besten, ein soziales Verhalten aufzubauen", erklärt Puglisi. "Davon profitieren auch die Herrchen, denn ein Hund, der sich im Umgang mit anderen Hunden gut verhält, ist auch für den Besitzer ein guter Freund. Er lernt zum Beispiel, dass er sein Herrchen nicht lautstark beschützen muss. Das Wichtigste ist, dass der Hundebesitzer der Chef ist und nicht sein Hund."

So niedlich die kleine Ella noch zu sein scheint, auch Christiane Jäger muss darauf achten, sie nicht zu verhätscheln und ihr Makel anzuerziehen. "Ich muss sie behandeln wie einen Hundewelpen und nicht wie ein Menschenbaby." Puglisi bestätigt, dass viele Besitzer ihren Hund wie einen Menschen behandeln und ihn so zu Dominanzverhalten oder Aggressivität erziehen. "Ein Hund ist kein Kinderersatz, er ist ein Tier und muss auch als solches behandelt werden, und zwar wie eines, das sehr viel Auslauf und klare Ansagen und Regeln braucht."

Er spricht seine Kommandos laut und deutlich aus, mit einer scharfen Betonung auf dem letzten Buchstaben. Störenfriede werden vom Chef persönlich an der Leine geführt und mit scharfen Befehlen zurechtgewiesen. Trotzdem lieben die Hunde ihr Ersatzherrchen, stets scharen sie sich um ihn und buhlen um seine Zuneigung. "Wer neu in die Gruppe kommt und konsequent nicht folgt, der wird nicht nur von mir ignoriert, sondern auch von den anderen Hunden, denn die wissen, was sie an mir haben. Kein Hund möchte ein Außenseiter sein, und so muss er sich fügen." Für einen Tag Hundebetreuung verlangt er zwischen 20 und 29 Euro, abhängig von der Größe des Hundes.

"Auf Sizilien gibt es viele Straßenhunde. Um die habe ich mich als Kind gekümmert. Mein Großvater ist Bauer gewesen, und so hatten wir auf unserem Hof stets Platz für ein paar hungrige oder verletzte Streuner. Diese habe ich mit Ziegenmilch aufgepäppelt, was oft nicht einfach war, weil Straßenhunde ein sehr großes Misstrauen zu uns Menschen haben, da sie stets verjagt werden." Wenn die Hunde schlafen, macht er die Wohnung gründlich sauber. "Ich habe eigentlich nie Freizeit. Aber wenn ich sehe, wie bei mir Schoßhündchen und Dobermann friedlich zusammenleben, bin ich fasziniert, wie tolerant die Hunde untereinander sind. Da sind sie uns Menschen um einiges voraus."

Informationen zum Beitrag

Titel
Viel Auslauf, klare Ansagen
Autor
Sophie Bamler
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.01.2012, Nr. 15, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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