Ihre Herrin hat es Layla so befohlen

Die 20 Jahre alte Layla aus Äthiopien arbeitet als Hausmädchen im Irak. Dort schuftet sie von fünf bis 22 Uhr und träumt von einer Reise ans Meer.

Um fünf Uhr morgens beginnt ihr Tag. Während alle noch schlafen, steht sie auf, wischt den Boden, macht Frühstück und bügelt Kleidung. An Wochentagen belegt sie Brötchen für alle, dann muss sie eine Viertelstunde früher aufstehen. Wenn es keine Brötchen mehr gibt, zieht sie sich ihre kaputten Sandalen an und ein schwarzes, langes Gewand, das Abba heißt, und geht zum Bäcker. Zehn Minuten läuft sie auf den einsamen und zerstörten Straßen in Dohuk, einer kurdischen Stadt im Norden Iraks, zu Suleiman, dem Bäcker. Sie deutet auf die Brötchen und zeigt mit ihren Fingern, wie viele sie haben möchte. Suleiman packt sie in eine Tüte und sagt, wie viel sie bezahlen muss. Sie versteht ihn nicht, das weiß er und zeigt deshalb auch mit den Fingern, wie viel es kostet. Sie gibt ihm das Doppelte, für die Brötchen, die sie morgen früh wird abholen müssen. Suleiman kennt das. Ihre Herrin hat es so befohlen, damit sie das übrig gebliebene Geld nicht für sich ausgibt.

Layla Mohammad kommt aus Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens. Die 20-Jährige ist wie Tausende anderer junger Frauen aus Afrika Hausmädchen in einer arabischen, wohlhabenden Familie. In ihrer Heimat sehen die Frauen keine Perspektive. Für sie scheint es der letzte Ausweg aus der Armut zu sein. Darauf spezialisierte Agenturen übernehmen die Organisation. Die Mädchen lassen sich mit Foto und Angaben zu ihren Fähigkeiten und Sprachkenntnissen in eine Kartei eintragen und müssen dafür eine Gebühr zahlen, für die sie monatelang gespart haben. Arabische Familien suchen sich aus dieser Kartei ein Mädchen aus.

So kam Layla in den Irak. Sie passt nun auf fünf Kinder auf und kümmert sich um den Haushalt. Sie schickt die Hälfte ihres Gehalts ihrem Vater und ihrem Bruder, der zur Universität geht. Das ist teuer. "Meine Mutter ist gestorben, als ich acht Jahre alt war." Woran sie gestorben ist, weiß Layla nicht. "Einfach so. Plötzlich tot." Die junge Muslimin ist seit einem Jahr im Irak. Sie hat lange, schwarze Wimpern und volle Lippen. In Äthiopien war sie ein hübsches Mädchen. Im Irak, wo das Schönheitsideal helle Haut ist, gilt Layla als hässlich. Formal hat sie die gleichen Rechte wie jeder andere Ausländer. Und doch scheint sie weniger wert zu sein als die anderen. Dieses Gefühl gebe ihr die irakische Bevölkerung, erzählt sie.

Anfangs arbeitete Layla bei einer Familie in Erbil, einer Großstadt, die zur Hälfte von Kurden und zur anderen Hälfte von Arabern bewohnt wird. "Ich mochte diese Familie nicht. Sie waren nicht nett zu mir. Sie haben mir meinen Pass weggenommen und ließen mich nicht gehen. Sie drohten mir, ihn zu zerstören." Als Layla beim Putzen eine Blumenvase herunterfiel, zog ihre Herrin sie an ihren kinnlangen, krausen Haaren und ohrfeigte sie. Dass äthiopische, in den Golfstaaten arbeitende Hausmädchen misshandelt und geradezu versklavt werden, ist keine Seltenheit. Menschenrechtsaktivisten melden immer wieder Fälle von Diskriminierung und Gewalt in arabischen Familien. Layla konnte aus diesem Albtraum fliehen. Sie rief ihre ältere Schwester Fatima an, die in Dohuk als Hausmädchen arbeitet. Fatimas Familie ist nett: Sie fragt stets, ob es Fatima gutgeht, und hilft ihr bei den Aufgaben im Haus. Als Fatima für ihre Schwester um Hilfe bat, vermittelten sie Layla an eine befreundete Familie. Davor jedoch musste um Laylas Preis verhandelt werden. "Ich habe mich gefühlt, als sei ich ein Tier", erzählt Layla. Sie trägt einen lila-orange-farbenen Hausanzug. Ihre Hände sind trocken und rissig. "Ich mag meine Familie jetzt. Ich bin ihr sehr dankbar", sagt sie, während ihre "Herrin", wie Layla sie nennt, neben ihr sitzt.

Layla hätte es schlimmer treffen können. Viele Mädchen, die in die Golfstaaten reisen, werden ausgebeutet und wie Sklavinnen gehalten. Einige kommen nie wieder zurück. Layla und ihre Familie waren sich dessen bewusst. Sie hörten die Geschichten von Missbrauch und Tod, von Frauen, die sich umbrachten oder als Leichen ohne Organe zurückkehrten. Aber die Schwestern meinten, sie könnten nur so dem Hunger entkommen. Ihr Vater habe gesagt, dass er sie nicht in die Fremde schicken müsste, könnte er nur wieder arbeiten gehen, sagt Layla. Aber ihr Vater sei ein alter Mann, er finde keine Arbeit.

Bevor die Kinder und der Herr des Hauses, ein erfolgreicher Geschäftsmann, kommen, muss Layla das Essen machen. Reis und Fleisch stehen jeden Tag auf dem Speiseplan. Irakische Spezialitäten zu kochen hat ihr ihre neue Herrin beigebracht. "Wir sind froh, Layla zu haben. Sie ist fleißig und sauber", sagt Hausherrin Hakima. Sie ist eine dicke Frau, ihr rundes Gesicht mit den Grübchen erinnert an das eines Kindes. Ihre schulterlangen Haare hat sie rot gefärbt, ihre Haut pudert sie sich mit fast weißem Puder. Nach dem Essen macht Layla den Abwasch, räumt die Küche auf und wechselt zwischendurch die Windeln des jüngsten Kindes. Layla ist um 22 Uhr fertig mit der Arbeit. Sie trifft sich nicht mit Freunden, die hat sie hier nicht. Ab und zu, wenn sie Zeit hat, geht sie mit den Kindern raus zum Spielen. Dann sitzt sie auf dem Boden und wartet, bis die Kinder wieder nach Hause wollen. Layla versteht ihre Familie, sie sprechen arabisch. Die meisten Menschen in Dohuk sprechen jedoch kurdisch. Manchmal, wenn am Ende des Tages noch Zeit ist, geht Layla zu Fatima, die nur einige Häuser weiter wohnt. Zusammen trinken sie Chai. Später einmal, das weiß Layla genau, möchte sie zurück nach Äthiopien. Zurück zu ihrer Familie und ihren Freunden. Davor aber möchte sie noch etwas mehr von der Welt gesehen haben. "Mein größter Wunsch ist es, das Meer zu sehen. Danach kann ich gerne nach Äthiopien zurückkehren und eine Familie gründen. Meine Kinder sollen alle zur Schule gehen, die Mädchen sollen an die Universität gehen dürfen, damit sie etwas Ordentliches werden."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ihre Herrin hat es Layla so befohlen
Autor
Mediya Baker
Schule
Otto-Hahn-Gymnasium , Göttingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.01.2012, Nr. 21, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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