Lockruf der Wildnis

In Kanadas Wildnis nehmen sich die Menschen Zeit und Anstrengungen in Kauf, um dem harten Winter zu trotzen. So wie das Ehepaar Thomas.

When I am in Canada, I feel this is what the world should be like." Das sagte einst die Schauspielerin Jane Fonda, und auch Gary Thomas würde dem mit Sicherheit zustimmen. Doch er und seine Frau denken dabei nicht an Toronto, Montreal oder Vancouver - sie wählten ein Leben weit draußen in den Wäldern. Der pensionierte Mitarbeiter der Canadian National Railway verbringt seit 1973 die meiste Zeit seines Lebens am neun Meilen langen Sherbrooke Lake in Nova Scotia. Wenn der 66-Jährige den Raum betritt, steht einem ein etwa 1,70 Meter großer, robuster Mann gegenüber. Man sieht ihm an, dass er körperliche Arbeit gewohnt ist. Sein von dunklen Haaren umrandetes Gesicht wirkt offen und freundlich.

Als das Ehepaar nach Neuschottland zog, konnten sie die damalige Straße nur befahren, wenn sie jemand um die Steinbrocken lotste. "Als ich mit meiner Frau zum ersten Mal die fast unpassierbare Straße zum See entlangfuhr, hielt sie mich, je weiter wir fuhren, für umso verrückter", erklärt Gary Thomas mit einem Augenzwinkern. "Doch als sich noch weitere Menschen entschieden, hier ein Haus zu bauen, stimmte sie zu, ein Ferien- und Wochenendhaus hier zu bauen." Damals stand ein einziges Haus auf dem Gelände, heute stehen rund zehn Häuser am See. Die wenigsten Häuser sind, wie in Amerika oft üblich, aus einfachen Sperrholzplatten zusammengezimmert. Vielmehr sind die meisten recht stabil gebaut. Während des Sommers wohnen dort mehr als 20 Menschen. Am See selbst leben ganzjährig aber nur drei Ehepaare. Doch fährt man durch die Wälder, die den See umgeben, tauchen ab und an kleine Hütten, aber auch große Häuser auf.

Im Gegensatz zu seiner Frau hat Gary Thomas nie irgendwelche Bedenken gehabt dort hinzuziehen. Es wartete viel Arbeit auf das Ehepaar. Dazu kam noch, dass es zehn Kilometer braucht, bis man auf eine befestigte Straße kommt, 30 Minuten bis zum nächsten Dorf, das aus gerade mal fünf Häusern besteht, 45 Minuten bis zur nächsten Feuerwehrstation und eineinhalb Stunden bis zum nächsten Krankenhaus. Es mussten also gewisse Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden. Ein pensionierter Feuerwehrmann besorgte eine Wasserpumpe, und alle Bewohner wurden medizinisch geschult. Bereits zweimal konnte ein Feuer erfolgreich bekämpft werden. Die Gefahr, einem Bären zu nah zu kommen, besteht dagegen kaum. Vorsicht ist nur im Frühling geboten. Kommt man zwischen Mutter und Bärennachwuchs, wird es gefährlich. Einen solchen Vorfall gab es allerdings noch nicht zu vermelden.

Eine weitere Herausforderung stellen die Jahreszeiten dar. Besonders auf den Winter müssen die Bewohner vorbereitet sein: Das bedeutet, genug zu essen und genug Holz zum Heizen zu haben. Der Schnee kommt plötzlich, und manchmal schneit es bis zu vier Tage am Stück. Wenn der Schnee eineinhalb Meter hoch liegt, kommt die eigene Schneeräummaschine zum Einsatz. Für Notfälle wurden zwei Schneemobile angeschafft, denn je nach Schneefall helfen auch Schneeketten am Auto nicht. Auch Stromausfälle kommen vor. Aus diesem Grund besitzen viele Anwohner einen eigenen Stromgenerator, der sie im Notfall für eine gewisse Zeit mit Strom versorgen kann. Fällt der Strom aus, gibt es auch kein Wasser mehr aus den Wasserhähnen. Man findet also in der Küche immer große Kanister, die mit Trinkwasser gefüllt sind.

Warum lebt man so weit weg von aller Zivilisation und nimmt dabei so große Risiken und Schwierigkeiten auf sich? Thomas hat viele Antworten auf diese Frage. "Es ist toll,einen anderen Lebensstil zu haben, und betrachtet man, wie die Menschen früher hier draußen lebten, haben wir es heutzutage bedeutend leichter."

Außerdem sei der Ort idyllisch, ruhig und zeitlos. "Hier sieht man niemanden hetzen oder genervt irgendeine lästige Gartenarbeit erledigen. Die Menschen nehmen sich Zeit. Es herrscht ein ganz anderes Verständnis für Distanzen und Zeit, wenn eine Stunde Fahrt bis zur nächsten großen Stadt normal ist. Außerdem bietet der See ein tolles Panorama und viele Möglichkeiten, aktiv zu werden, zum Beispiel Kanu fahren, Angeln, Schlittschuhlaufen." Langeweile komme nie auf. Als besonders angenehm empfindet Thomas auch, das soziale Unterschiede in der Wildnis verblassen. Egal, ob Manager oder Arbeiter, jeder sei gleich wichtig und werde gleich geschätzt. Alle sind auf einander angewiesen, die Hilfsbereitschaft ist entsprechend groß. Sie alle seien einfach nur "cottager". Gary Thomas hat vielen von seinen Nachbarn geholfen, ihre Häuser zu bauen. Bei Familien und Paaren, die nicht ständig dort leben, schaut er regelmäßig nach dem Rechten.

Spricht man mit ihm über sein Leben, erkennt man an seinem ernsten Blick, dass er all die Risiken und Aufgaben nicht auf die leichte Schulter nimmt. "Lebt man draußen in den Wäldern, entwickelt man einen gewissen Respekt vor der Natur." Mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu: "We just want to be." Noch vor Wintereinbruch haben er und seine Frau ihr anderes Haus in der kleinen Stadt Hammonds Plains verkauft, um immer am Sherbrooke Lake leben zu können.

Informationen zum Beitrag

Titel
Lockruf der Wildnis
Autor
Katharina Friedel
Schule
Clara-Schumann-Gymnasium , Bonn
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.02.2012, Nr. 27, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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