Nach dem Lunchbreak widmen sie sich der Weltreligion

Wenn Michaelas Wecker um acht klingelt, sitzen die meisten deutschen Schüler schon in der ersten Unterrichtsstunde. In Vancouver am Nordpazifik beginnt der Schultag erst um zehn vor neun. Während die Kanadierin Michaela Smith sich anzieht, bereitet ihre Mutter, die aus dem nahen Okanagan Valley stammt, in der Küche des Apartments das Frühstück vor: Pancakes mit Ahornsirup. Danach wirft Michaela ihren Block, das Federmäppchen und einen dicken Ordner mit der Aufschrift "Day 1" in ihren Rucksack und macht sich auf den zehnminütigen Schulweg. "Wir haben hier einen Stundenplan, der sich aus zwei verschiedenen Tagen, Day 1 und Day 2 zusammensetzt. Die werden abwechselnd wiederholt. Der Tag besteht aus vier Blöcken und einer Lunch-Pause, so dass wir insgesamt acht Fächer haben."

Die University-Hill Secondary School ist eine kleine Schule. Nur etwa 460 Schüler besuchen sie, wovon 75 Prozent asiatischer Abstammung sind. Als die 1,65 Meter große, braunäugige Michaela mit gepiercter Lippe die Schule betritt, schlägt ihr ein Wortschwall aus Japanisch, Chinesisch und Koreanisch entgegen. "Unsere Schule ist eine der besten öffentlichen Schulen in ganz British Columbia und daher sehr beliebt. Die Schüler dürfen sich aber nicht selbst aussuchen, auf welche Schule sie gehen wollen, sondern sind automatisch bei der Schule angemeldet, in deren Einzugsgebiet sie leben. Hier auf dem Uni-Campus sind das meistens Kinder von Professoren und Studenten. Einige ziehen aber auch extra wegen der Schule hierher." Dann klingelt es zur ersten Stunde. Science, Naturwissenschaften, steht auf dem Stundenplan. Es werden Themen aus Biologie, Chemie, Physik und auch Geologie behandelt. Heute ist Biologie dran. Nach 80 Minuten, in denen die Schüler in Gruppen das Verdauungssystem des Menschen erarbeiten, ist die Stunde vorbei. Auf dem Weg zur Aula muss Michaela an ihrem "Locker" vorbei, um die Sachen für die nächste Stunde zu holen. "Science ist ein sehr interessantes Fach, aber jetzt kommt mein absolutes Lieblingsfach: Musik", freut sie sich. Musik gehört zum Fach "Fine Arts". "Unser Schuljahr ist in drei Trimester eingeteilt, und wir aus der Achten dürfen jedes Trimester ein anderes Fach aus diesem Bereich ausprobieren. Nach Kunst und Schauspiel habe ich jetzt Musik. Nächstes Schuljahr werde ich mich in den Chor einwählen", sagt die 14-Jährige. Der Musikunterricht bedeutet nämlich nicht trockene Theorie aus Dreiklängen und Kadenzen, sondern es wird gesungen. Die Klasse wird in die verschiedenen Stimmlagen eingeteilt, und Mister Dewreede, von allen "Mister D." genannt, übt Lieder wie "Waltzing Matilda" und "I am Sailing".

In der Mittagspause trifft sich die dunkelhaarige Michaela mit ihren Freundinnen, einer gemischten Truppe aus kanadischen und asiatischen Mädchen. "Viele der asiatischen Schüler hier bleiben gerne unter sich, sprechen untereinander ihre Muttersprache und verweigern den anderen sozusagen den Eintritt in ihre Gruppe, viele sind aber auch integriert und verbringen ihre Freizeit mit Jugendlichen von hier, so wie ich", erzählt die Chinesin Juliet Cao, die mit ihrer Familie seit vielen Jahren in Kanada lebt. Michaela und ihre Freundinnen Juliet, Anais und Angela gehen zu Michaelas Apartment, in dem sie mit ihrer Mutter und ihren zwei Schwestern lebt, seit der Vater die Familie verlassen hat. Sie bereiten sich Toast zu, unterhalten sich und schauen fern, bis sie wieder zurück zur Schule gehen.

Wie verbringen die anderen ihre Lunch-Pause? "Weil unsere Schule so klein ist, haben wir keine Cafeteria, wie man es aus den meisten High-School-Komödien kennt", berichtet Anson Chen, die die Pause auf den Schulfluren verbracht hat: "Wir bringen uns unser Lunch einfach selbst mit und wärmen es in einer der Mikrowellen auf, die hier überall herumstehen."

Nach dem Lunchbreak steht Social Studies, Socials, auf dem Programm, eine Mischung aus Religion, Geschichte, Politik und Wirtschaft. Das große Thema der achten Klasse ist Weltreligionen, heute geht es um Indien. Miss Fergusson, die Lehrerin, betont: "Was mir an dieser Schule besonders gefällt, ist, dass wir so eine ethnische und religiöse Vielfalt haben und so vor allem beim Thema Weltreligionen viele persönliche Erfahrungswerte mit in den Unterricht einbezogen werden können."

Die letzte Stunde für heute ist Applied Skills, was so viel heißt wie angewandte Fertigkeiten. Michaela erklärt: "Wir wechseln jedes Quartal. Zuerst hatte ich Keyboarding. Dort lernt man das Zehnfingerschreiben auf der Computertastatur. Danach kam Health Care, also Gesundheitslehre. Bei Home Economics lernt man nähen, kochen und backen. Im Moment habe ich Woodworking/Drafting, dort geht es um technisches Zeichnen und Schreinern." Nachdem jeder Schüler eine Zeichnung seines Projekts angefertigt hat, wird gehämmert und gesägt in der Werkstatt von Mister Cassidy.

Zu Hause angekommen hat Michaela noch einen Berg Hausaufgaben für Tag 2 vor sich: Englisch-Aufsatz, Französisch-Vokabeln und pauken für den wöchentlichen Mathetest. "Wir schreiben viele Tests im Laufe eines Schuljahres. Englisch-Hausaufgaben werden grundsätzlich eingesammelt, und sogar in Sport schreiben wir drei oder vier Tests im Jahr."

Um 18 Uhr zieht sie sich um. Heute ist nämlich ein besonderer Abend im Schulalltag der U-Hillians: "Vocal Solo Night" ist angesagt. Bei dem Talentwettbewerb, der von der Schule organisiert wurde, darf jeder mitmachen. "Was ich an kanadischen Schulen so toll finde, ist die hohe Akzeptanz von Musik und Kunst", schwärmt Michaela. "Mit Sport ist es ganz ähnlich: Die Schulmannschaften werden bei Spielen von der versammelten Schülerschaft angefeuert und bejubelt. Das führt zu einem unglaublichen Gemeinschaftsgefühl." Dann wird die Show von einer zierlichen Asiatin eröffnet, die mit unerwarteter Stimmgewalt Christina Aguileras "You're Beautiful" singt. Es folgen weitere Darbietungen von Schülern jeden Alters. Als der Vorhang fällt, bricht tosender Applaus los. Begeisterte Schüler und stolze Eltern beglückwünschen die Sänger, die Stimmung ist großartig. Auf dem Heimweg ist Michaela immer noch aufgeregt: "Das hat mir so gut gefallen, nächstes Jahr will ich unbedingt selbst mitmachen", verspricht sie, die schon lange singt und Gitarre spielt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Nach dem Lunchbreak widmen sie sich der Weltreligion
Autor
Alice Seim
Schule
Engelsburg-Gymnasium , Kassel
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.02.2012, Nr. 27, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180