Nach 17 Jahren in den Canyon

Von Deck 9 aus sieht man in der Ferne die Lichter des Hafens von Igoumenitsa leuchten, den die Fähre vor anderthalb Stunden mit dem Ziel Ancona verlassen hat. Einige Passagiere sitzen in Fleecepullis an der Reling und schauen auf die pechschwarze Adria, durch die sich die Super Fast Ferrie leicht rumpelnd bewegt. Auf dem untersten Deck sieht man Fahrzeuge. Unter den meist griechischen und italienischen Wohnmobilen und Autos fällt ein silberner Nissan mit Pforzheimer Nummer auf, auf dessen Dach ein gelber und ein grauer Kajak festgebunden sind.

Das Auto, in dem unzählige Reiseführer und Karten liegen, gehört Bruno Maurer. Der Lehrer für Chemie und Sport an einem Pforzheimer Gymnasium kommt gerade von einer seiner vielen Kajakreisen. Fünfmal war er schon in Griechenland, langweilig wird es ihm nie. "Ein Fluss ist nie gleich. Vor zwei Jahren bin ich in einer unteren Schlucht des Arachtos bei Schneesturm gefahren, gestern bei strahlendem Sonnenschein. Es kam mir vor wie ein ganz anderer Fluss." Maurer fing als Zehnjähriger mit dem Kajakfahren an. "Ich war damals mit meinen Eltern an der Mosel campen. Mein Vater kaufte mir ein gebrauchtes Faltboot." Vier Jahre später paddelte er mit zwei Freunden 700 Kilometer auf der Loire. Inzwischen ist er 24 Mal nach Amerika gereist, hat dort alle großen Flüsse befahren sowie viele Gewässer in Europa. "Es ist ganz schwer, meine schönste Reise zu nennen, aber wenn es eine gibt, dann die, die ich 2003 im Gran Canyon gemacht habe." Der 54-Jährige war zwei Wochen mit acht Deutschen und acht Amerikanern unterwegs. 17 Jahre hat er auf die Erlaubnis der amerikanischen Behörden gewartet. Das Interesse an den legendären Schluchten ist groß. So dürfen täglich nur fünf kommerzielle und eine private Gruppe in dem Canyon Kajak fahren. "Die rufen einen dann alle paar Jahre an und fragen, ob man immer noch will, man könnte ja auch gestorben sein."

Denn Menschen, die diesen Extremsport regelmäßig betreiben, leben nicht gerade ungefährlich. "Ich verletze mich aber normalerweise nur, wenn ich anderen helfen muss", scherzt Maurer, auf seinem sonnengebräunten Gesicht erscheint ein breites Lachen. Er selbst hatte bisher nur einen Unfall: 1981 kenterte er auf dem südfranzösischen Fluss Tarn und eskimotierte, das heißt, er führte eine für den Kajaksport typische Eskimorolle aus. Das Ergebnis waren lediglich Schnittwunden an Augen und Kinn. Doch was, wenn er auf dem mexikanisch-amerikanischen Grenzfluss Rio Grande unterwegs gewesen wäre? In der absoluten Wildnis, ohne Zivilisation, Handynetz, Straßen, dafür aber mit Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht von mehr als fünfzig Grad und dazu Pumas und Klapperschlangen. In einer solchen Umgebung hätte er keine Chance gehabt.

"Da hast du ein Riesenproblem, wenn was passiert." Genau deshalb fährt Maurer nie alleine Kajak. "Problematisch ist dabei nur, dass Leute, die die Ruhe, Einsamkeit und Wildnis genießen wollen und bereit sind, auf jeglichen Komfort zu verzichten, sehr selten sind." Aus diesem Grund fährt er meistens mit seiner Frau, bei seiner letzten Reise begleitete ihn auch noch ein 72-jähriger Freund.

Kajaksport, der mit einem Doppelpaddel und sitzend ausgeführt wird, kann man bis ins hohe Alter betreiben. Kajakweltmeisterin Birgit Fischer ist mit ihren 44 Jahren relativ alt für eine Olympiateilnehmerin. "In meinem Verein, dem Kanuclub Mühlacker, gibt es einen 86-jährigen Mann, der immer noch aktiv Kajak fährt", sagt Maurer.

Informationen zum Beitrag

Titel
Nach 17 Jahren in den Canyon
Autor
Laura Rodríguez Knödler
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.02.2012, Nr. 27, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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