Gemeinsam gegen das große Vergessen

Die Arbeit auf der Demenzabteilung erfordert von Sandra Geduld und Nervenstärke. Dennoch verbringt die 17-Jährige ihren Arbeitstag gerne mit den verwirrten, alten Patienten.

In dem gemütlichen, einfach eingerichteten Raum mit großer Fensterfront und gelb gestrichenen Wänden stehen einige Tische und mehrere Pflanzen in großen, weißen Töpfen. Am ersten Tisch, auf dem ein bunter Blumenstrauß steht, isst eine alte Frau mit freundlichem Gesicht und weißem vollem Haar zu Abend. Neben ihr sitzt Sandra Hertz, ihre Pflegerin. Sandra ist siebzehn Jahre alt und im zweiten Lehrjahr zur Fachangestellten Gesundheit. "Noch etwas mehr Lasagne?", fragt Sandra ihre Patientin. Doch die alte Frau schaut sie an und fragt etwas hilflos: "Was ist denn Lasagne?" Seit ungefähr einem halben Jahr arbeitet Sandra auf der Demenzabteilung im Altersheim Büel in Baar, etwa 30 Kilometer südlich von Zürich. An solche Situationen ist die schlanke, blonde junge Frau mit den blauen Augen bereits gewöhnt. Mit viel Geduld erklärt sie der alten Dame, dass sie gerade daran sei, Lasagne zu essen, und zeigt mit der Gabel auf den Teller.

Sandra erklärt, bei dieser Patientin handle es sich um ein fortgeschrittenes Stadium, aber zum Glück sei die Frau noch nicht bettlägerig und könne mit viel Hilfe des Pflegepersonals ihren Alltag bewältigen. Das Abendessen ist aufgegessen, und Sandra erklärt der Patientin, sie solle in ihr Zimmer vorgehen, sie selbst werde in ein paar Minuten nachkommen. Langsam und leise vor sich her murmelnd macht sich die Greisin auf den Weg.

Währenddessen stellt Sandra das zurückgebliebene Geschirr, das die Patienten nicht selbst zum Abwasch gebracht haben, zusammen und trägt es in die Küche. Nachdem sie die Tische gesäubert und für das Frühstück vorbereitet hat, ist es höchste Zeit, ihre Patienten für die Nacht fertigzumachen. Mit großen Schritten geht sie in Richtung Demenzabteilung. Doch auf halbem Weg trifft sie, vor einem Fenster stehend, die Dame, der sie zuvor beim Essen geholfen hat. Als sie Sandra sieht, fragt sie mit verwirrtem Gesichtsausdruck, wo sie sei. Sandra antwortet, sie sei im Alters- und Pflegeheim und müsse jetzt in ihr Zimmer, um schlafen zu gehen. "Was, im Heim?", fragt die Patientin erschrocken, "warum hat mir denn keiner was davon gesagt?" Sandra gibt sich Mühe, geduldig zu antworten und die Dame zu beruhigen.

Schließlich haben die beiden Zimmer Nummer 044 erreicht und treten ein. Im Zimmer stehen ein Bett, ein Einbauschrank, ein kleiner Tisch mit einem bequemen Stuhl, an der Wand gegenüber vom Bett hängt ein großes Bild einer grauen Katze. Auf dem Tisch stehen drei umgekippte Bilderrahmen mit Fotos. Sandra ist gerade dabei, sie wieder aufzustellen, als die Patientin lautstark reklamiert, sie soll sie ja nicht anfassen und mit dem Bild nach unten liegen lassen. In der Nacht, wenn es dunkel sei, würden sie die Gesichter mit riesigen Augen ansehen und ihre Handtasche stehlen wollen, erklärt sie überzeugt. Die einzige Möglichkeit, sich zu wehren, sei, sie umzukippen, bevor es dunkel werde. Sandra nickt nur und lässt die Bilderrahmen liegen. Sandra muss noch andere Patienten für die Nacht bereitmachen und fordert die Frau auf, die Zähne zu putzen.

Bei allen Patienten macht sich die Demenzerkrankung auf verschiedene Arten bemerkbar: Vergesslichkeit, Orientierungslosigkeit, verlangsamte oder unpräzise Sprache sowie Halluzinationen können Symptome der Erkrankung sein. Ebenso kommt es vor, dass Patienten ihre Umgebung oder ihnen vertraute Personen nicht mehr erkennen, Depressionen haben oder zusammenhanglos auf Fragen antworten. All das gehört zum Alltag des Pflegepersonals. Oft kommt es auch vor, dass Patienten im Endstadium ganz verstummen. Doch Sandras Patienten können noch alle einigermaßen gut sprechen, was ihr die Arbeit um einiges erleichtert.

Als sie wieder ins Zimmer ihrer am meisten pflegebedürftigen Patientin eintritt, ist die alte Dame gerade dabei, hastig ihre herumliegenden Kleider und persönlichen Dinge in eine Plastiktüte zu stopfen. Sandra fragt, was sie tue. Sie müsse nach Hause, um ihrer Katze Fressen zu geben. Sandra erklärt ihr verständnisvoll, dass sie jetzt im Heim wohne und nicht nach Hause könne, und der Katze gehe es bestimmt gut, sie sei bei jemand anderem.

Indem die Auszubildende die Zahnbürste anfasst, prüft sie, ob die Zähne geputzt wurden. Die Bürste ist nass. Bevor Sandra die Patientin ins Bett bringt, hilft sie ihr auf der Toilette, schaut, dass die Hände ordentlich gewaschen werden, und zieht der alten Dame ihr Nachthemd über. Nach einer weiteren Diskussion über das Wohl der Katze lässt sich die Patientin von Sandra schließlich überreden, schlafen zu gehen. Sandra löscht das Licht und verlässt leise das Zimmer. Vor der Tür erklärt sie, dass ihre Patientin bereits mehrere Male versucht hatte, in der Nacht abzuhauen, das heißt, eigentlich wollte sie nur nach Hause. Doch dafür sei die Nachtschicht zuständig und mehrere Nachtwächter.

Die Nachtschicht habe sie nicht gerne, erklärt Sandra, doch sonst gefalle ihr die Arbeit im Altersheim sehr gut. "Die Leute wachsen einem richtig ans Herz, auch wenn die Arbeit manchmal extrem viel Nerven und Geduld kostet." Den Ausgleich findet Sandra in ihrer Familie und bei ihren Freunden, mit denen sie über alles reden kann. Zudem geht sie wöchentlich ins Kickboxen und tanzt in einer Tanzgruppe. Sandra hat sich für diese Lehre entschieden, weil sie gerne mit Menschen arbeitet und ihre Arbeit sehr abwechslungsreich sei. Sich täglich bei kranken oder alten Menschen aufzuhalten war für sie eine größere Umstellung, als sie dachte. Vor allem daran, dass nicht alle Krankheiten heilbar sind, musste sie sich gewöhnen. Doch mittlerweile freut sie sich fast jeden Tag auf ihre Arbeit.

Etwas erschöpft sieht sie nun dem Feierabend entgegen, denn es ist bereits 22 Uhr, und ihre Schicht ist zu Ende. Sie unterhält sich noch kurz mit ihren Kolleginnen, die sich bei jedem Schichtwechsel auf den neusten Stand bringen. Nun muss sich Sandra beeilen, um ihren Bus, der sie in nur 15 Minuten Fahrzeit nach Hause bringt, zu erwischen. Eilends zieht sie ihre Arbeitskleidung, eine hellblaue Schürze, ab, bindet ihren Pferdeschwanz los, schnappt sich ihre schwarze Ledertasche und eilt mit einem freundlichen "Bis morgen" durch die Tür. Doch nach wenigen Sekunden stürmt sie wieder herein und lacht laut über sich selbst, da sie in der Eile vergessen hatte, ihre weißen Arbeitsschuhe auszuziehen und gegen die schwarzen Turnschuhe mit dem pinken Nike-Logo auszutauschen. Die anderen lachen, und Sandra verabschiedet sich ein zweites Mal.

Informationen zum Beitrag

Titel
Gemeinsam gegen das große Vergessen
Autor
Nicole Brügger
Schule
Kantonschule Limmatal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.02.2012, Nr. 33, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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