Die erste Zeit war schwer

Mein neues Zuhause", sagt die 86-jährige Edith Schulze und zeigt stolz ihre kleine etwa 25 Quadratmeter große Wohnung im Alten- und Pflegeheim Rosengarten in Ebstorf bei Uelzen. In ihrer gemütlichen Stube steht vor dem großen Fernseher ein Ohrensessel samt Stehlampe mit einem schweren Eichenfuß. An den Wänden hängen viele Familienfotos. "Und das ist Gerd, mein Mann", sagt die grauhaarige Frau und zeigt mit Dankbarkeit und Freude auf das Foto, das einen lächelnden Mann zeigt, der liebevoll den Arm um seine Frau legt. "Er ist im Oktober 1998 verstorben, Kinder waren uns leider nicht vergönnt", bemerkt sie mit einem traurigen Blick in ihren sonst so strahlend blauen Augen, "aber wir waren glücklich, hatten ein eigenes Häuschen und unternahmen viele Reisen."

Bis zum Winter 2009 versorgte sie sich allein. Doch dann stürzte sie, brach sich beide Handgelenke sowie das Becken und erlitt später noch einen Herzinfarkt. "Von da an ging es erst einmal bergab." Nach Krankenhausaufenthalten und Reha konnte sie nicht mehr allein wohnen und musste in ein Altenheim ziehen. "Viele meiner alten Möbel habe ich verschenkt, oder sie kamen auf den Sperrmüll. Das war nicht leicht. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich gern hierhergekommen bin. Anfangs war ich sehr traurig." Von einem Tag auf den anderen war alles anders. Sie musste sich an den Rhythmus im Heim gewöhnen. Am meisten vermisste Edith Schulze, dass sie nicht mehr selbst kochen und entscheiden konnte, was und zu welcher Uhrzeit sie isst.

Der Tagesablauf im Heim ist streng organisiert. Jeder neue Heimbewohner muss lernen, sich an Pflichten, wie das Duschen, das Einnehmen der Mahlzeiten zu bestimmten Zeiten und das Verabreichen von Medikamenten, zu halten. Einen Teil ihrer Selbständigkeit geben die Bewohner auf. Sie müssen bereit sein, Kompromisse mit den Pflegekräften und anderen Mitbewohnern einzugehen. Nach einer Eingewöhnungsphase von etwa einem halben Jahr hat sich die zierliche Dame mit den vollen gewellten Haaren eingelebt und nennt das Heim jetzt ihr neues Zuhause. Nachmittags trifft sie sich mit drei anderen Frauen nach dem Kaffeetrinken, um im Gemeinschaftsraum Mensch-ärgere-dich-nicht zu spielen und dabei zu klönen oder um bei schönem Wetter spazieren zu gehen.

Mittlerweile ist sie darin geübt, mit ihrem Rollator durch ihre gemütliche Wohnung zu schieben. "Hier will ich sterben", sagt sie mit leiser Stimme, "alle nehmen sich Zeit und haben ein offenes Ohr." Sie ist aber froh, eine eigene Wohnung für sich allein zu haben, in der sie machen kann, was sie möchte. "Ich gehe früh zu Bett und stehe um 4.30 Uhr wieder auf. Ich weiß, es ist dann noch mitten in der Nacht, aber ich störe ja niemanden", stellt die 1,65 Meter große Dame in ihrem lila Strickpullover und der schwarzen Stoffhose fest. "Ich wasche mich langsam, und bis ich angezogen bin, das dauert eine ganze Weile. Anschließend gucke ich Nachrichten, denn ich bin interessiert, was in der Welt geschieht."

Nach dem Zweiten Weltkrieg floh sie mit ihren Eltern und zwei Geschwistern aus Ostpreußen nach Ebstorf, wo sie ihren Mann kennenlernte. Zunächst arbeitete sie fünf Jahre als Haushaltshilfe bei einer Großfamilie an ihrem Wohnort und anschließend zehn Jahre als Produktionshelferin in einer Keksfabrik in Uelzen. Dann kümmerte sie sich nur noch um ihr Haus und ihren Garten, um ihrem Ehemann den Rücken frei zu halten, der als Berufskraftfahrer viel unterwegs war.

"Dreimal in der Woche bekomme ich Besuch von meinen Verwandten", sagt sie und weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. "Abgeschoben fühle ich mich nicht. Ich bin nicht einsam, brauche nur ein wenig Hilfe."

Informationen zum Beitrag

Titel
Die erste Zeit war schwer
Autor
Marco Stoffregen
Schule
Berufsbildende Schule I , Uelzen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.02.2012, Nr. 33, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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