Grinsekatze und Samurai

Seit nunmehr acht Jahren treffen sich Fans aus aller Welt in Kassel im Kongress Palais, um an der Manga/Anime-Convention teilzunehmen. Die Connichi in Kassel ist mittlerweile die größte von Fans für Fans organisierte Messe Deutschlands. Mit 18 000 Teilnehmern und Interessenten gab es im vergangenen September einen Besucherrekord. Im Zentrum steht für die meisten Besucher das sogenannte Cosplay. Dies bezeichnet eine japanische Verkleidungsart, bei der es darum geht, Kostüme zu entwerfen, die dem jeweiligen Idol möglichst nahe kommen sollen. Auch an japanischer Rockmusik, dem sogenannten J-Rock wie zum Beispiel Sheryl Nome alias May'n, die auf der Connichi ihr erstes Konzert in Deutschland gab, besteht dabei großes Interesse, da die Bands meist ausgefallen gekleidet sind. Doch nicht nur Anhängern der spezifisch japanischen Anime/Manga-Szene wird etwas geboten, auch altbekannte europäische Märchenfiguren wie Alice im Wunderland oder auch Hollywoodstars wie Captain Jack Sparrow aus dem Film "Fluch der Karibik" begegnen einem in ihren typischen Kostümierungen.

"Das Cosplay ermöglicht einem das Schlüpfen in völlig andere Rollen", erzählt Jennifer Hahn aus Kassel und hebt ihr selbstgebasteltes Schwert in die Luft: Man könne dem Alltag für ein Wochenende absagen und stattdessen in eine ganz andere Welt eintauchen. Einige der Cosplayer nähmen sogar die Rolle des anderen Geschlechtes an und passten ihr Verhalten der angenommenen Rolle entsprechend an, erklärt sie. Die 20-Jährige trägt wie ihr Held Jin aus dem Anime Samurai Champloo einen Hakama und ein Schwert. Der Hakama ist Teil der traditionellen japanischen Oberbekleidung. Der Anime handelt über Japan in der Samurai-Zeit in der sich zwei Schwertkämpfer und ein 15-jähriges Mädchen auf eine mystische Suche begeben. Sie wollen den Samurai finden, "der nach Sonnenblumen duftet". So wie ihr Held wirkt Jennifer ruhig und gelassen, reagiert aber blitzschnell, wenn einer der anderen Cosplayer sie mit ihrem Namen: "Jin" anspricht. Dann ist sie ganz in ihrer Rolle.

Cosplay sei ein kreatives Hobby, das unter anderem handwerkliches Talent voraussetze oder in einigen Fällen sehr kostspielig werden könne. Die Möglichkeit, selbst Kostüme zu entwerfen und Schrift in Bild umzuwandeln, macht für Jennifer Hahn die Faszination aus. Die ausgefallenen Kostüme, die meist das Ergebnis sehr langer Arbeit sind, stellten den ganzen Stolz der Cosplayer dar, auch ein finanzieller Wert stecke dahinter: Mehr als 100 Euro würden die meisten für ihr Kostüm ausgeben, schätzt Jennifer. In der Öffentlichkeit würde ihnen jedoch auch der ein oder andere missbilligende Blick zugeworfen. Viele fänden die Kostüme lächerlich, würden sich über das kindliche Verhalten lustig machen, oder sie fänden es schlicht und einfach unpassend.

Auf die Frage, was die japanischen Animes und Mangas von den westlichen Zeichentrickfilmen und Comics unterscheidet und was sie so attraktiv macht, antwortet die 26-jährige Saskia Hofmann, Mitarbeiterin eines Comicladens in Kassel: "Animes und Mangas sind besonders vielfältig, was die Themen und die Charaktere angeht. Der Zeichenstil und die Darstellung sind einzigartig und ermöglichen eine besondere Detailtreue. Die Filme vermitteln stark die Trennung zwischen Gut und Böse und geben somit auch eine klare Linie zum Verhalten in der realen Gesellschaft vor." Da sie selbst Fan ist, weiß Saskia sehr genau, was die Fans wollen. "Conventions wie die Connichi lassen die Jugendlichen zusammenrücken, sie fördern das Engagement, steigern das Selbstbewusstsein und machen riesigen Spaß." Im September ist es wieder so weit. Dann füllen sich die Straßen Kassels erneut mit buntgekleideten, verspielten Manga- und Anime-Fans. Und dann kann man wieder in Kassels Straßen der Grinsekatze begegnen oder sich von Sailormoon verzaubern lassen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Grinsekatze und Samurai
Autor
Maren Ina Holzbrecher
Schule
Herderschule , Kassel
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.02.2012, Nr. 39, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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