Man ruft laut Hohohaha

So, jetzt blast ihr alle euren Verstand in euren Luftballon und sucht euch einen sicheren Ort hier im Raum. Schließlich braucht ihr ihn später ja wieder." Susanne Klaus schaut sich in dem hellen Raum um, an dessen gelb gestrichenen Wänden bunte Kartonkreise hängen, auf die freundliche Smileygesichter aufgemalt sind. Dann streicht sich die 42-Jährige durch das kurze, schwarze Haar und klatscht in die Hände. "Jetzt hält uns nichts mehr vom Lachen ab. Wie wär es mit einer neuen Runde Milk-Shake-Laughter?"

Ein ganzes Wochenende lang regt die schlanke, selbstbewusste Frau elf Teilnehmer zum Lachen an. Hierfür hat die ausgebildete Lach-Yoga-Trainerin und Gründerin der Stuttgarter Lachschule Seminarräume in der Fachschule für Jugend- und Heimerziehung in Kirchheim gemietet. Um sich ganz den Lachseminaren zu widmen, hat sie ihre Arbeit in einem mittelständischen Unternehmen aufgegeben. Ursprünglich stammt diese Form des Yogas aus Indien, wo Madan Kataria 1995 den ersten Lachclub gründete, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, in ihrem harten, von Armut geprägten Alltag Freude zu erleben. Diese Wirkung des Lachens spürt auch Teilnehmer Eckhard Hilleberg. Wenn sich der 68-Jährige in düsteren Gedanken gefangen fühlt, mahnt er sich selbst immer wieder daran, wie wichtig das Lachen ist. "Die Menschen um dich rum begegnen dir dann ganz anders. Letztens habe ich mein zehn Monate altes Enkelkind angelächelt, und plötzlich hat es zurückgelacht. Das war einfach ein tolles Gefühl."

Dennoch muss Lachen immer wieder trainiert werden. Dazu stellen sich die Teilnehmer in einen Kreis, und Lachtrainerin Klaus zeigt neue Übungen: Vokale hochlachen, den I-got-it-Laughter oder das vorbeugende Lachen. Allein die Namen reichen aus, dass über die zum Teil etwas unsicheren Gesichter der Teilnehmer ein Lächeln huscht. "Wichtig ist, sich einfach auf die Übungen einzulassen und Gefühle von Scham loszulassen", sagt Susanne Klaus. Meist reicht dann ein Blick auf andere Teilnehmer, um wirklich herzhaft loszuprusten. Es ist vor allem diese Gruppendynamik, durch die auch anfangs skeptische Teilnehmer lockerer werden. "Im Sommer werden die Seminare in Parks abgehalten. Da schauen die Leute um uns herum oft komisch, weil wir Deutschen gelernt haben, nur zu lachen, wenn etwas wirklich lustig ist. Dem Körper ist es aber egal, ob es sich um ein echtes Lachen handelt oder ob man ohne Grund lacht."

Neben der Ausschüttung von Glückshormonen wie Dopamin wird beispielsweise der Kreislauf angeregt und das Immunsystem gestärkt. Lachforscher, sogenannte Gelotologen, gehen davon aus, dass zwei Minuten Lachen für den Körper so gesund ist wie 20 Minuten Joggen.

Das bekam auch Annegret Hedtke-Maier zu spüren, die bereits mehrfach an Lachwochenenden teilgenommen hat und die Übungen auch zu Hause durchführt. "Nach meinem ersten Seminar hatte ich eine Woche lang Muskelkater", schmunzelt die 55-Jährige, sportliche Frau. "Dennoch habe ich mich gefühlt wie auf Wolke sieben. Als Kind habe ich sehr viel gelacht, aber irgendwie wurde das im Laufe der Zeit verschüttet. Hier habe ich wiederentdeckt, wie gut das tut."

Um die beanspruchten Muskeln zu lockern, lernen die Yogies, wie Klaus ihre Teilnehmer liebevoll nennt, neue Atemtechniken. Außerdem werden nach jeder Übung Akupressur-Punkte an den Handflächen angeregt. Dazu werden die Handballen aneinander geklatscht und man ruft laut "Hohohaha". Damit die Teilnehmer lernen, sich selbst und ihre Emotionen besser wahrzunehmen, spricht die Gruppe auch über Körperhaltung und die Konsequenzen für die eigene Stimmung. In Rollenspielen erfahren sie beispielsweise, dass schon ein erhobener Kopf und eine aufrechte Haltung die Stimmung aufhellen können.

Neben der Tür steht ein Holztisch, auf dem Schalen mit Erdnüssen und Keksen, ein Obstkorb, eine Schüssel mit Pizzaschnecken und eine Thermoskanne Tee zur Pause einladen. Neben Teilnehmern, die Abwechslung und Entspannung vom Alltagsstress suchen, erhoffen sich andere eine Bereicherung für ihr Berufsleben. Die zweite Trainerin des Lachseminars Claudia Lippkau arbeitet beispielsweise als Business-Coach. Da sie als ehemalige Mitarbeiterin einer Bank weiß, wie verbreitet Stress und Krankheiten wie Burn-out sind, würde sie das Lachen gerne mehr in die Bankenwelt bringen. "Lachen öffnet Türen und mit der Fähigkeit, über Missgeschicke lachen zu können, werden viele schwierige Situationen besser bewältigt", erklärt sie, warum man zum Lachen keinesfalls in den Keller gehen sollte. Nach fast vier Stunden Lachübungen, Entspannungstechniken und Theorie verabschieden sich die Teilnehmer müde, aber gespannt auf den nächsten Seminartag. Um das Lachen künftig nicht zu vergessen, sucht sich jeder einen Stein aus, auf den ein grinsendes Gesicht gemalt ist. Klaus lässt den Blick durch den Raum schweifen. "Mist, da hat tatsächlich jemand seinen Verstand vergessen", ruft sie und lacht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Man ruft laut Hohohaha
Autor
Lena Naumann
Schule
Buigen-Gymnasium , Herbrechtingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.02.2012, Nr. 39, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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