Jede Träne ist eine Liebeserklärung

Angela und Franziska haben ihre Mütter durch Brustkrebs verloren. Und seither ist ihr Leben auf den Kopf gestellt.

Zwei Mädchen in einem Einkaufszentrum im Westen von Zürich. Im zweiten Stock gehen sie zu einer Praxis. Angela Wafaa ist 16 Jahre alt und kommt aus der Nähe von Zürich. Sie hat wellige, dunkelbraune Haare. Ihre haselnussbraunen Augen sind durch einen dunklen Lidstrich betont, und ihr recht dunkler Teint strahlt. Sie redet und lacht mit dem anderen Mädchen im Wartezimmer. Ihr Name ist Franziska Miesner, sie ist 18 Jahre alt, kommt aus Deutschland und wohnt seit mehr als einem Jahr in der Nähe von Zürich. Obwohl sie ihre dunkelblonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat, fallen ihr immer wieder einzelne Strähnen ins Gesicht und verdecken ihre grünen Augen. An ihrem Armband hängt eine rosa Schleife, ein internationales Symbol für die Solidarität mit von Brustkrebs betroffenen Frauen.

Eine ältere Frau mit kurzen blonden Haaren tritt hinein. Lächelnd begrüßt Erica Schulz beide Mädchen. Angela und Franziska waren mehrfach einzeln bei der Psychologin, denn beide teilen dasselbe Schicksal: Sie haben ihre Mutter aufgrund einer Krebserkrankung viel zu früh verloren.

Franziska holt tief Luft: "Meine Mutter litt neun Jahre an Brustkrebs. Anfang August 2006 lag sie schon fast ein halbes Jahr lang im Krankenhaus, und für mich war es schon fast zur Normalität geworden, sie nur zwei Mal in der Woche besuchen zu können. Als ich sie an einem Samstag mit meinem Vater besuchen wollte, ging es ihr schon so schlecht, dass sie mich kaum erkannte. Mein Vater musste ihr immer wieder sagen, dass ich mich auch in dem Krankenzimmer befinde." Franziska wischt sich eine Träne weg. Angela betrachtet sie voller Mitgefühl, denn sie hatte damals die Chance, die Hand ihrer Mutter zu halten, als diese starb. Am nächsten Tag ist Franziskas Mutter friedlich eingeschlafen. "Ich konnte leider nicht bei ihr sein, aber mein Vater erzählte mir, dass er mir ausrichten sollte, dass sie mich über alles liebt und dass das ihre letzten Worte seien", sagt Franziska.

Auch die Psychologin ist gerührt von dieser Geschichte. "Die Erinnerungen an deine Mutter sind in deinem Herzen aufbewahrt, und niemand wird sie dir jemals wegnehmen können. Und vergesst nicht, dass jede einzelne Träne eine Liebeserklärung an eure Mutter ist."

Für beide Mädchen war die Beerdigung emotionsreich. "Ich musste während der ganzen Zeremonie unaufhörlich weinen, besonders als ich das Bild meiner Mutter auf dem Altar gesehen habe, da wollte ich einfach nur noch raus. Doch ich hatte meiner Mutter zuvor versprochen, dass ich stark bleiben werde", erzählt Angela, während sie einen kleinen Engel, den sie von zu Hause mitgebracht hatte, zwischen ihren Händen hält. "Bei mir war es genauso", ergänzt Franziska. "Ich fand es besonders traurig, als der Pastor seine Rede hielt und zwischendurch vergangene Geschichten von mir und meiner Mutter erzählte. Ich habe nur noch wie ein Wasserfall geweint. Auch danach, als alle zu mir strömten, um mir ihr Beileid zu bekunden, bin ich in ein weiteres Loch gefallen. Zuvor war immer noch das Gefühl da, dass meine Mutter jetzt einfach gleich um die Ecke kommt und alles wieder in Ordnung ist, aber ab dem Moment wurde mir langsam klar, dass ich von nun an ohne Mutter aufwachsen werde."

Ein seltsames Gefühl macht sich im Raum breit. Erica Schulz schaut für einen kurzen Moment hinaus in die Dunkelheit: "Die Beerdigung war eure letzte Chance, euch noch einmal zu verabschieden. Und wie ich es von euch weiß, habt ihr diese Chance genutzt. Ihr habt die Beerdigung euren Müttern zuliebe durchgehalten. Seit diesem Zeitpunkt geht ihr einen Schritt weiter in eurem Leben."

Angela sagt: "Auch wenn ich nicht genug Mut und auch Angst hatte, nach der Beerdigung an das Grab meiner Mutter zu gehen, habe ich in meinem Zimmer einen kleinen Altar aufgebaut. Es stehen dort einige Engel, die meiner Mutter von großer Bedeutung waren, ein Bild von uns beiden und eine Kerze. Die Kerze zünde ich immer dann an, wenn es mir gerade sehr schlecht geht und ich an sie denken muss." Franziska hat ein großes Bild ihrer Mutter an der Wand hängen. Es wurde vor zwei Jahrzehnten von einem Maler auf den Malediven gezeichnet und bedeutet ihr viel, weil es aus einer Zeit stammt, in der ihre Mutter noch nicht erkrankt und glücklich war.

Im Gegensatz zu Angela konnte Franziska anfangs nicht über den Tod sprechen, weil sie für ihren Vater stark sein wollte. "Es hat bestimmt zwei Jahre gedauert, bis ich es konnte, aber seitdem bin ich sogar froh darüber, dass ich mit Freunden und Verwandten offen darüber sprechen kann. Und wenn mir die Tränen kommen, dann kommen sie halt." Früher war sie ein typisches Mutterkind. Ihr Vater hat als Selbständiger bis spät abends gearbeitet. Nach dem Tod haben sich die beiden jedoch gegenseitig unterstützt. "Wir haben viel zusammen unternommen, auch um uns ein bisschen abzulenken", erzählt sie.

Bei Angela hingegen ist der Tod ihrer Mutter erst ein halbes Jahr her. "Wir sind beide noch in der Verarbeitungsphase, dennoch unterstützen wir uns beide gegenseitig", erklärt sie. Angela ist eine leidenschaftliche Tennisspielerin, ging dann aber nicht mehr zum Sport, um mehr Zeit mit ihrer Mutter zu verbringen. Nach ihrem Tod hat ihr Vater sie ermutigt, das Training wiederaufzunehmen. "Auch wenn kaum Zeit bleibt neben meiner Arbeit für die Schule und den Haushalt, gehe ich gerne zum Training, denn es hilft mir, mich mental auf etwas anderes zu konzentrieren." Dennoch hat sie das Gefühl, dass sie und ihr Vater sich ein wenig distanzieren, weil nun jeder einzeln seiner Arbeit nachgeht und das Erlebte verarbeitet.

Franziska versucht zu helfen: "Ich denke, dass zwar alle Menschen Trost in solch einer Situation geben können, aber nur jemand, der das Gleiche durchgestanden hat, weiß, wie es einem wirklich geht." Zwar war es nicht leicht für sie, die gesamte Situation noch einmal zu erleben, aber auch dies hilft bei der Verarbeitung der Trauer. "Manche Freundschaften sind enger geworden, währenddessen andere sich ganz aufgelöst haben", sagt Franziska. "Meine beste Freundin hat mich zunächst verstanden, aber mit der Zeit war sie sich zu schade für unsere Freundschaft." Andere zeigten mehr Verständnis dafür, dass sie erst einmal etwas Zeit für sich alleine brauchte. "Ich glaube, dass wir nicht nur selbstsicherer geworden sind, sondern auch erwachsener", sagt Angela. Immerhin ist nun keiner mehr da, der für einen das Essen auf den Tisch stellt, wenn man von der Schule kommt, oder die frische Wäsche in den Schrank legt.

"Habt ihr euch denn mit dem Thema Krebs als Krankheit befasst?", fragt die Psychologin. Angela wird sich bei ihrem Hausarzt über die Vorsorge informieren, denn sie ist wie auch Franziska ein typischer Risikopatient. Ihre Maturaarbeit will sie über die psychologischen Probleme, die bei Hinterbliebenen von Krebserkrankten auftreten, schreiben. "Ich weiß, dass eure Mütter extrem stolz auf euch wären oder sind", sagt sie voller Nachdruck.

Informationen zum Beitrag

Titel
Jede Träne ist eine Liebeserklärung
Autor
Sarah Brajkovic, Katharina Honsberg
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.02.2012, Nr. 45, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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