Ihre Mutter ist innerlich wie abgestorben

Für mich ist es besonders schlimm zu wissen, dass diese Krankheit nie verschwinden wird, es ist wie ein ewiger Teufelskreis." Laura (alle Namen sind geändert) erweckt den Eindruck, als wäre sie ein ganz normales Mädchen: sportbegeistert, oft mit Freunden unterwegs, und in der Schule hat sie keine Schwierigkeiten. Doch ihre Mutter Silvia leidet wie vier Millionen Deutsche an schweren Depressionen. Die 52-Jährige ist manisch-depressiv. Aber das wissen wenige in dem kleinen Dorf im Rheinland.

Lauras Meinung nach würde es "eh keiner verstehen". Zwar wird über die Krankheit viel berichtet, verstanden wird sie jedoch oft nicht. Psychisch kranke Menschen werden allzu gern als verrückt abgestempelt. "Meine Mutter ist krank, nicht verrückt", betont die 17-Jährige, die deswegen auch anonym bleiben will. Trotz der Vorurteile gegenüber ihrer Mutter redet sie mit niemandem darüber.

Schon als Kind verstand sie nicht, warum ihre Mutter tagelang im Bett liegen blieb, immer wieder zum Arzt musste und warum sie schon als Fünfjährige oft alleine war und sich immer selbst beschäftigen musste. Sie hatte schon immer geahnt, dass mit Mama etwas nicht stimmt, aber was? Ihr Vater arbeitet beim Roten Kreuz, erledigt die Hausarbeiten, die die Mutter nicht machen kann. Ein 24-Stunden-Job für den 53-Jährigen: Wäsche waschen, Kochen und Putzen sind für ihn Alltag, dazu kommen 12 Stunden Arbeit. Wie er damit klarkommt, weiß Laura nicht. Doch dass er versucht, seine Sorgen mit Alkohol zu verdrängen, hat sie schon auf unangenehme Art mitbekommen. Er hatte nie Zeit, um sich mit ihr zu beschäftigen, ihr zu erklären, was los ist. "Er hat sich schon immer vor dem Reden gedrückt."

Laura versuchte im Haushalt mitzuarbeiten, doch mit einer psychisch kranken Mutter, die sich kaum um sich selbst sorgen kann, ohne sich was anzutun oder wegzulaufen, ist das schwer. "Meine Mutter ist in depressiven Zeiten wie eine 80-Jährige: schwach und hilflos, gefangen in ihrer eigenen Welt voller schlechter Gedanken. Ich denke, sie fühlt sich innerlich schon abgestorben. Dazu kommt noch, dass sie vollgestopft mit Medikamenten ist, die eh nichts helfen. Während der manischen Zeit hat sie ihre Energie kaum unter Kontrolle, das ist das Allerschlimmste", sagt die nachdenkliche Gymnasiastin. Dann handelt ihre Mutter unüberlegt, ist reizvoll und aggressiv - einfach schwer zu ertragen. Streitigkeiten sind programmiert. "In der manischen Zeit erzählt sie mir oft, dass sie wieder gesund sei. Ich weiß natürlich, dass das nicht stimmt, sage aber nichts dazu. Daraus würde sich nur wieder ein Streit entwickeln." Die Familie weiß in vielen Situationen einfach nicht damit umzugehen.

"Für mich ist es besonders schlimm zu wissen, dass diese Krankheit nie verschwinden wird, es ist wie ein ewiger Teufelskreis, depressiv, manisch, depressiv und so weiter", sagt Laura. Mit wöchentlich zwei Gesprächen mit dem Psychiater und mit vielen Medikamenten versuchen die Ärzte, die extremen Stimmungsschwankungen, auch bipolare Störung genannt, zu lindern. Eine Heilung gibt es nicht, nur unzählige Therapien. "Kein Ausweg, keine Heilung. Das hat sich in unseren Köpfen schon längst festgesetzt, auch wenn wir es nicht glauben wollen", berichtet der Vater resigniert.

Wenn sie versucht, sich auf andere Dinge zu konzentrieren, Sport, Schule und einfach mal Spaß zu haben, führt das zu Konflikten, da Laura keine Zeit mehr für ihre Mutter und die Arbeit hat. Für die Tochter war es besonders schwer, wenn ihre Mutter für Wochen in die Klinik musste. "Mit 14 oder 15 Jahren war das so extrem, dass ich kaum mehr als fünf Stunden Schlaf bekommen habe. Jeder Tag wurde anstrengender. Meinen Vater hat das aber nicht interessiert. Doch wenn ich zur Haustür rausgegangen bin, in die Schule, zum Sport oder zu Freunden, war ich ein ganz anderer Mensch." Der Gedanke an Zu Hause lässt Laura immer wieder in eine schlechte Stimmung fallen. "Wenn ich von der Schule nach Hause fahre, muss ich schon immer daran denken, welche Aufgaben und welche Stimmung mich dort wieder erwarten werden." Laura hofft, bald ausziehen zu können. Ohne ihre Familie zu leben ist für viele ein schrecklicher Gedanke, doch für Laura eine Erlösung: "Ich kann sie ja immer noch besuchen kommen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ihre Mutter ist innerlich wie abgestorben
Autor
Jasna Formanski
Schule
Max-Weber-Schule , Freiburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.02.2012, Nr. 45, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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