Nicht das Ende der Welt

Ich stand im Badezimmer, starrte in den Spiegel und wartete die wahrscheinlich längsten Minuten in meinem Leben ab." Anna-Lena aus einem Ort nahe Schwäbisch Gmünd auf der Schwäbischen Ostalb hält den Atem an. "Die zwei blauen Striche auf dem Plastikstift waren eindeutig. Schwanger. Damals dachte ich wirklich, die Welt wäre zu Ende." Die damals 18-jährige Abiturientin stand dieser Tatsache machtlos gegenüber. "Mir wurde übel. Mein erster Gedanke war: ,Oh mein Gott, was soll ich tun?'", erinnert sie sich und umwickelt den Finger mit einer blonden Haarsträhne. Sie sagte es ihren Eltern und war von deren Reaktion mehr als überrascht. "Mein Vater war vor den Kopf gestoßen und sagte kein Wort mehr, und meine Mutter war erst schockiert, versuchte die Situation aber realistisch zu sehen. Sie machte mir keine Vorwürfe über vermeintlich nicht angewandte Verhütungsmittel wie mein Vater, sondern riet mir, erst mal zum Frauenarzt zu gehen. Mein Vater sah meine ganze Zukunft verloren, jedoch würden mich beide unterstützen. Ich war absolut für eine Abtreibung."

Ihr Freund Markus war alles andere als erfreut, war aber gegen eine Abtreibung, er sagt: "Ich war nach dieser Neuigkeit total fertig mit den Nerven. Ich wäre aber auch heute noch gegen eine Abtreibung. Ich fragte sie damals, ob sie überhaupt wisse, wie eine Abtreibung verläuft und was mit dem ungeborenen Embryo passiert." Markus verschränkt seine Arme und schaut seine Freundin vorwurfsvoll an. Mit glasigen, grünen Augen rührt Anna-Lena nervös in ihrem Kaffee. "Ich hatte Panik. Die Schwangerschaft kam zu einem falschen Zeitpunkt. Ich hatte Schule, Freunde, Hobbys. Was war mit meiner Jugend und noch viel schlimmer: mit meiner Karriere?"

Das junge Paar ist nicht das einzige, dem es so ergangen ist. Im Jahr 2010 wurden in Deutschland offiziell 110 694 Abtreibungen durchgeführt. Diese Zahl enthält natürlich nicht die Dunkelziffer. Rund 73 Prozent der Abtreibungen werden mit der Absaugmethode zwischen der 6. und 12. Schwangerschaftswoche durchgeführt. Der Embryo ist schon weit entwickelt. Während einer Narkose führt ein erfahrener Arzt die Abtreibung in wenigen Minuten durch. Hierbei werden mit einem stumpfen Röhrchen der Fruchtsack mit dem Embryo und die Schleimhaut der Gebärmutter abgesaugt. Direkt am nächsten Tag lässt sich das Paar beim Frauenarzt beraten. "Die Frauenärztin tat so, als kämen zu ihr jeden Tag solche verzweifelten Eltern. Sie sagte, dass es bei späteren Schwangerschaften zu Früh- oder sogar Fehlgeburten kommen kann, falls die Gebärmutter beschädigt wurde. Und das war noch lange nicht das einzige Risiko."

Anna-Lena wurde nachdenklich, je mehr sie erfuhr: Eine Frau, die mit den psychischen Belastungen der Schwangerschaft nicht fertig wird, wird die seelischen Belastungen, die eine Abtreibung mit sich bringt, sicher nicht als leichter empfinden. Der Verlust eines Kindes begleite die Frauen lange. Psychiater und Ärzte beobachten, dass viele Frauen Albträume, Angstgefühle, Schlaflosigkeit, Depressionen, Eheprobleme und sogar Selbstmordgedanken haben. "Nachdem ich mir der Durchführungsmethode und der Folgen bewusst war, war ich überhaupt nicht mehr sicher. Es war die allerschwierigste Entscheidung in meinem ganzen Leben", sagt Anna-Lena. Damals war die Beziehung zu ihrem Freund angespannt. Alles drehte sich nun um die Schwangerschaft. Sie stritten oft. "Als wir nach dem Frauenarztbesuch zum Auto liefen, spielten ein paar Jungs im Park Fußball. Plötzlich flog der Ball in meine Richtung, und ich hatte sofort Angst um mein Baby. Ich wollte es beschützen. Von da an war ich mir fast sicher."

Es ertönt ohrenbetäubendes Babygeschrei aus dem Nebenraum. Anna-Lena strahlt, gibt Markus einen Kuss auf die Stirn und eilt ins Kinderzimmer. Markus, der an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd Lehramt studiert, erzählt: "Es war der schönste Moment in meinem Leben, als ich das kleine Wunder in meinen Armen hielt. Doch danach kam der Stress."

Das Paar hatte sich darauf geeinigt, dass Markus weiter studiert und Anna-Lena das Jahr wiederholen wird. Da beide keine Ahnung von Kindern hatten, boten Anna-Lenas Eltern ihnen an, in ihr Haus in einem Dorf nahe Schwäbisch Gmünd einzuziehen, damit sie ihnen jeden Tag helfen können. Anna-Lena kommt mit dem weinenden Baby auf dem Arm in die Küche: "Jacqueline gibt uns oft Gründe zu verzweifeln, besonders nachts. Oder wenn wir weggehen wollen, ist da immer jemand, der umsorgt werden will." Markus nimmt seine Tochter und sagt: "Aber wir könnten uns kein Leben mehr ohne sie vorstellen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Nicht das Ende der Welt
Autor
Kristina Tischler
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.02.2012, Nr. 45, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180