Ein College auch für Analphabetinnen

Vor einiger Zeit kam ein Mann in unser Dorf nach Peru. Er kam aus Indien und suchte Frauen, die mit ihm kommen wollten", erzählt Jacinta Mercedes. Der Mann sagte, der Ort, wo er sie hinbringen wolle, würde ihre Zukunft verändern. Er meinte das Barefoot-College in dem Wüstendorf Tilonia in Rajasthan im Nordwesten Indiens. Die 33-Jährige mit den dunklen, mandelförmigen Augen sitzt ebendort auf einer maroden Treppenstufe im Schatten von fast ausgetrockneten Bäumen. "Ich war skeptisch und ein bisschen ängstlich, wollte meine Familie, meine Kinder nicht verlassen. Aber dann habe ich die Chancen für uns alle gesehen - und bin hergekommen."

1971 rief der Inder Bunker Roy das Barefoot-College ins Leben. Die Einrichtung soll Frauen aus Schwellen- und Entwicklungsländern Wissen vermitteln. Es nimmt Frauen ohne formellen Schulabschluss auf, sogar Analphabetinnen. Das Prinzip lautet, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. "Vor allem ist es wichtig, Frauen Zugang zu Bildung zu geben", erklärt Ram Karan, einer der Hauptverantwortlichen für die Projekte. Er ist groß, trägt ein langes, pinkes Oberteil und eine graue, weite Leinenhose. Durch seine Hornbrille wirken seine Augen unnatürlich groß.

Karan erklärt, was er den "Teufelskreis" nennt: Während die Männer in Entwicklungsländern in die Städte ziehen, um Geld für die Familie zu verdienen, bleibt diese mit den Problemen zurück im Dorf. Die Frauen müssen sich um die Kinder und das Vieh kümmern und die Ernte einholen. Ohne Strom und Wasser. Die Kinder müssen helfen und können nicht in die Schule. Wenn eine Familie um ihr Überleben kämpft, ist Bildung zweitrangig. Abends hätten die Kinder Zeit zu lernen. Doch dann fehlt das Licht. Die Kinder bleiben ungebildet. Ob sie Potential haben oder nicht, ist nicht von Belang. Teufelskreise zu durchbrechen, ergänzt Karan lebhaft, sei geradezu ein Prinzip des Colleges. "Und es sind die Frauen" - nun schreit er fast, "es sind die Frauen, die alles verändern können!"

"Wenn ich nach dem Kurs zurück in mein Dorf komme", sagt Jacinta Mercedes, "werde ich anderen Frauen das beibringen, was ich hier gelernt habe. Wie man Konstruktionen errichtet, die jeden Tropfen Wasser speichern. Wie man Solaranlagen baut und repariert und wie man Stromkreise schaltet. Und auch diese Frauen werden es anderen Frauen beibringen." Sie wird andere mit Hilfe von bunten Plakaten anleiten, die dicht an dicht an der Wand hängen: Bauanleitung der Solaranlagen - eine, für die man nicht lesen können muss. Sie wird mit Hilfe von Farben verständlich gemacht. Das Zusammenbauen der Anlagen funktioniert nach dem Prinzip "Malen nach Zahlen", nur in der Variante "Bauen nach Farben". "So nützt nicht nur mir das Barefoot-College", fährt Jacinta fort, "sondern vielen anderen Frauen auch. Dieser Gedanke und Gottes Beistand geben mir jeden Tag die Kraft, mein Bestes zu geben." Ihr Mann arbeitet in der Stadt, ihre Kinder arbeiten auf dem Land. Jacintas Mutter passt auf sie auf. "Wenn wenigstens zwei in jedem Dorf wüssten, wie man Solaranlagen baut, könnten die Kinder Abendschulen besuchen."

Auch Elizabeth Ajah aus dem Südsudan hat ihre Familie verlassen, um ins Barefoot College zu kommen. Sie ließ sie zurück in einem Land, das von Gewalt geprägt ist. Ihr ältestes von fünf Kindern ist zwölf. "Gerade weil Indien unserem Land ähnelt, habe ich mich entschieden herzukommen. Vom Westen habe ich bis jetzt nur Waffen gesehen", sagt die 37-Jährige. Das Klassenzimmer ist eine einstöckige Werkstatt, gebaut aus roten Ziegeln mit unverglasten Fenstern. Auf vierzig Quadratmetern treffen sieben Nationen aufeinander. Viele Frauen können Englisch. Mit den anderen kommuniziert man wortlos. Sie könnten unterschiedlicher kaum sein, Moslems, Christen, Buddhisten, Hindus, alt und jung. Aber ihre Geschichten sind die gleichen. Sie haben Männer, die in der Stadt arbeiten, um Geld zu verdienen. Geld, das doch nicht reicht. Sie alle kommen aus Dörfern, sind aufgewachsen ohne Strom und ohne fließendes Wasser.

"Früher dachte ich immer, die Menschen in anderen Ländern wären so anders. Aber so einfach ist das nicht. Irgendwie sind wir alle Menschen doch gleich", sagt Jacinta. Sie befand sich auf einmal in Neu-Delhi, einer Stadt, die statt 200 Einwohnern wie ihr Dorf 15 Millionen Einwohner hatte. Es war stickig, man konnte kaum atmen. Sie wird ihren Kindern von Indien erzählen. Davon, dass es wochenlang geregnet hat. So viel, dass sie glaubten, die Welt würde ertrinken. Davon, dass es keine zwei Monate danach so trocken war, dass die Bäume gelb wurden. Dass sie Angst vor dem Flug hatte und das Flugzeug riesengroß war und sie sich überhaupt nicht frei wie ein Vogel fühlte.

"Ich bin mir sicher, wir werden in unseren Ländern einiges verändern", sagt Elizabeth hoffnungsvoll. Über das größte Problem bei der Rückkehr spricht keine. Es besteht darin, dass manche Frauen in ihren Ländern ihr neues Wissen nicht anwenden dürfen. Einige Männergesellschaften verhindern, dass Frauen Aufgaben übernehmen dürfen wie die, sich um eine Solaranlage zu kümmern. Auch das ist ein Teufelskreis. Einer, für den man im Barefoot College keine Lösung hat.

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein College auch für Analphabetinnen
Autor
Mediya Baker
Schule
Otto-Hahn-Gymnasium , Göttingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.02.2012, Nr. 51, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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