Eine Schlafstätte für Roma-Junge Dumitru

Es gibt nur einige wenige Straßenkinder, die es geschafft haben, dem Elend zu entkommen", berichtet David Bonson-Hesener aus Davensberg bei Ascheberg im Münsterland. Er hat sechs Monate in Bukarest verbracht. "Die meisten leben auf der Straße und haben nichts: kein Essen, kein festes Zuhause, keine Familie, keine Perspektive. Kriminalität und Drogen bestimmen ihren Alltag. Mit Hilfe von Aurolac, einer chemischen Flüssigkeit, die in Plastiktüten gefüllt und geschnüffelt wird, versuchen sie sich verzweifelt dem Elend zu entziehen. Doch das macht sie abhängig. Aufgrund ihrer Perspektivlosigkeit und ihres Elends kommen sie dann zu uns."

Nach seinem Abitur in Münster wollte der sportliche, große David unbedingt "etwas Soziales machen, möglichst im Ausland". Durch Bekannte erfuhr er von der Organisation Concordia. Sie ist 1991 vom österreichischen Jesuitenpater Georg Sporschill gegründet worden und finanziert sich ausschließlich durch private Spenden. Die Initiative bemüht sich um die Reintegration von Straßenkindern in Rumänien. Die Organisation bietet den Jugendlichen Heime, in denen sie rund um die Uhr betreut werden.

Darüber hinaus vermittelt sie ihnen eine Berufsausbildung. "Leider gelingt das nicht immer", sagt David, "so wie im Fall von Dumitru." Der Roma-Junge war ungefähr 12 Jahre alt, als er nach einem heftigen Streit mit seinem alleinerziehenden und alkoholabhängigen Vater von zu Hause weglief. Nach einer Nacht auf der Straße in seiner kleinen Heimatstadt im Süden Rumäniens nahm er den nächsten Zug nach Bukarest. Obwohl er keine Fahrkarte und kein Geld hatte, wies ihn der Schaffner erst am Gara de Nord, dem größten Bahnhof Bukarests, aus dem Zug. Dort wurde er bald von Jugendlichen angesprochen, die ihm die besten Plätze zum Betteln und Schlafen zeigten.

Sie nahmen ihn mit in ein von ihnen besetztes verfallenes Haus. Dort kam Dumitru das erste Mal in Kontakt mit Aurolac. Nach einigen Monaten auf der Straße erfuhr er von einem anderen obdachlosen Jugendlichen von Concordia. "Seitdem kommt er regelmäßig zu uns, bleibt meistens mehrere Wochen und verschwindet dann plötzlich wieder, weil ihn die Drogen und die Freiheit oder eher die Regellosigkeit zu stark anziehen. Mittlerweile kommt er häufiger und bleibt auch schon länger. Wir hoffen, dass wir ihn schließlich an unsere Berufsausbildungszentren verweisen können. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg", erklärt David.

Deshalb wird stets darauf geachtet, dass jeder Jugendliche bestimmte Aufgaben im Haus übernimmt wie Putzen oder Kochen. Zudem gibt es viele Aktivitäten, wie Kunst- oder Sportprojekte, zu deren Teilnahme alle verpflichtet sind. Dadurch wird den Jugendlichen ein geregeltes Leben in der Gemeinschaft ermöglicht. Es ist nach Meinung von David wichtig, dass sich die Jugendlichen von den Betreuern ernst genommen fühlen. "Ich musste natürlich auch immer aufpassen, die Autoritätsperson zu bleiben und mich nicht auf ihre Ebene zu begeben." Dieses führte häufig dazu, dass Jugendliche in die Schranken gewiesen und bestraft werden mussten, berichtet er. "Manchmal musste ich, obwohl es mir sehr schwerfiel, Jugendliche aufgrund von offenkundigem Fehlverhalten wie Drogenkonsum wieder zurück auf die Straße schicken."

Beim Hilfsprojekt Concordia arbeiten zwischen fünf und bis zu zwanzig Volontäre aus Westeuropa mit. Sie spenden sozusagen ihre Arbeitskraft und sind zu verschiedenen Zeiten für unterschiedliche Bereiche verantwortlich. David beaufsichtigte die Jugendlichen zum Beispiel bei ihrer Arbeit in der Küche. "Ohne so eine Anleitung", so erklärt er, "hätten sich die meisten Jugendlichen nur schlafen gelegt oder sich gar selbst von den Lebensmitteln bedient."

Für ihre Arbeiten bekamen die Jugendlichen je nach Dauer unterschiedliche Punkte, die sie dann in einem "Punkte-Shop", der zweimal die Woche geöffnet hat, gegen Kleidung, Süßigkeiten oder Ähnliches eintauschen konnten. Die Arbeit in der Küche bringt die meisten Punkte ein, da sie dort am längsten dauert, nämlich von 7 bis 23 Uhr mit Pausen am Nachmittag. Der Tagesablauf der Volontäre beginnt um 7.30 Uhr mit einer "capella", einer Morgenandacht, an der alle Jugendlichen und Betreuer teilnehmen. Anschließend gibt es ein gemeinsames Frühstück. Etwa von 12 bis 20 Uhr wird mit den Jugendlichen an Projekten gearbeitet.

David beaufsichtigte noch ein besonderes Projekt. Von 21.30 Uhr bis kurz vor Mitternacht half er, Essen für Obdachlose vorzubereiten, die nur für eine Nacht bleiben wollten. Erst gegen Mitternacht endete Davids Tag, zum Ausgleich standen die Wochenenden für gemeinsame Gespräche und Unternehmungen mit den Jugendlichen zur Verfügung.

David hat auch ein wenig Rumänisch gelernt. "Das lief nicht perfekt", wie er schmunzelnd einräumt, "doch für die Verständigung und Betreuung der Jugendlichen reichte es in Verbindung mit viel Gestik auf jeden Fall aus." Ihm halfen auch die Begegnungen im Haus "Casa Iuda", in dem Jugendliche wohnen, die recht stabil und schon lange bei Concordia sind und ein bisschen Englisch und Deutsch sprechen. Außerdem machte David einen Rumänisch-Sprachkurs, der zwei Monate mit zwei Stunden am Tag dauerte. "Am Ende der sechs Monate konnte ich mich recht gut auf Rumänisch verständigen, dass ich von Taxifahrern zwar nicht für einen echten Bukarester, aber immerhin für einen Rumänen aus einer entfernten Provinz gehalten wurde."

Informationen zum Beitrag

Titel
Eine Schlafstätte für Roma-Junge Dumitru
Autor
Nicolai Kleineidam
Schule
Schillergymnasium , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.02.2012, Nr. 51, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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