Stolz auf die Strapazen

Wenn man als Frau zum Militär geht, muss man schon irgendwie speziell sein", sagt Unteroffizier Matthias Zimmerli aus Bergdietikon, einem kleinen Ort in der Nähe von Zürich. Der 22-jährige Sanitätswachtmeister kann sich gut daran erinnern, wie in der Rekrutenschule getuschelt wurde, als eine Frau bei der Rekrutierung dabei war. Mit ihrer Punkerfrisur weckte sie Neugier und den Eindruck, dass "normale" Frauen nichts beim Militär zu suchen hatten. Er konnte sich damals nicht vorstellen, weshalb eine Frau freiwillig den Militärdienst leistet.

In der Schweiz ist der Militärdienst für Frauen freiwillig. Seit 1939 können sie der Schweizer Armee beitreten. Zuerst im Frauenhilfsdienst, dann im Militärischen Frauendienst und seit 1995 als Frauen in der Armee. Die Armee verspricht ihnen eine vielfältige Ausbildung. So erlebte es Emma Leal aus Basel, die für zweieinhalb Jahre für die Armee tätig war. Die zierliche Brünette mit ihren großen braunen Augen berichtet: "Im Winter 2008 studierte ich Geschichte an der Uni Basel, aber ich merkte, dass mir die Studienrichtung überhaupt nicht zusagte. Das neue Studienjahr fing erst im August an, also hatte ich noch über ein halbes Jahr Zeit." Viele ihrer Kommilitonen hatten ihren Militärdienst abgeleistet und erzählten immer wieder Anekdoten. Das machte Emma Leal neugierig. Die Zeitspanne von fünf Monaten war genau passend. "Meine Mutter war überhaupt nicht begeistert und verstand mich nicht. Ich stellte gerade ihre ganzen traditionellen Vorstellungen auf den Kopf." Auch ihr Freund, der die Ausbildung zum Leutnant machte, war skeptisch, doch als er merkte, dass sie es ernst meinte, trainierte er mit ihr. "Das war ein Problem, ich war damals nicht besonders sportlich, und für die Rekrutierung musste ich fit sein."

Eine intensive und anstrengende Zeit begann, die sie zum größten Teil in ihrer Uniform verbrachte. Da ihr selbst die kleinste Männergröße noch zu groß war, musste sie zuerst ihre Uniform mit Sicherheitsnadeln und Schere anpassen. Schießübungen, lange Märsche mit Gewichten im Rucksack wechselten sich ab. "Klar, es war körperlich sehr streng, und manchmal schmerzten am Abend Muskeln, von denen ich nicht einmal wusste, dass es sie gab. Doch darauf war ich vorbereitet, das war nicht so schlimm." Das Anstrengendste waren die Konflikte und der Neid, den sie von ihren Mitrekruten zu spüren bekam. In den Kasernen konnte sie, da sie die einzige Frau war, ein Einzelzimmer beziehen und hatte eine Einzeldusche. Ihre Kollegen mussten mit Gemeinschaftsduschen und Schlafräumen mit bis zu 20 Betten vorliebnehmen. Dort steht ein Bett neben dem anderen, die Böden sind glatt gebohnert, man hat keine Privatsphäre und keinen Rückzugsort. "Klar ist die Gemeinschaft im Militär das Beste am Ganzen, doch manchmal wünscht man sich sicher einen Rückzugsort. Deshalb waren viele meiner Mitrekruten neidisch auf mein Zimmer. Das verstehe ich, doch in Wirklichkeit war ich gar nicht so privilegiert, wie es vielleicht ausgesehen hat. Denn eigentlich wird uns Frauen das Beste am Militär vorenthalten, die Kameradschaft." Und diese entstehe nicht während der Übungen, sondern abends in den Schlafsälen, sagt Leal. Außerdem hatte sie mit Vorurteilen zu kämpfen: Frauen beim Militär sind Mannweiber und lesbisch! Wenn eine Frau beim Militär ist, dann nur, weil sie sonst nichts auf die Reihe bringt. So dachten einige Rekruten, aber auch Bekannte. "Das war hart, zu erleben, wie Leute hinter meinem Rücken über mich sprechen und mir dann nicht mehr in die Augen sehen konnten", bedauert sie.

"Nein, solche Vorurteile und Probleme mit Neid hatte ich nicht", erzählt Alex Fröhlich. Der 20-Jährige aus Zürich beendete vor einem halben Jahr die Rekrutenschule. Es sei ja klar, dass die Frauen nicht im selben Schlag wie die Männer schlafen könnten und eigene Duschen brauchen. "Trotzdem war ich manchmal unglaublich genervt, ich konnte einfach nicht verstehen, weshalb eine Frau freiwillig beim Militär ist. Stell dir vor, du stehst im strömenden Regen und musst dein Gewehr möglichst schnell auseinandernehmen und wieder zusammenbauen. Und dann steht neben dir eine Frau, und du denkst die ganze Zeit: Weshalb tut sie sich das an? Die Männer müssen ihre Zeit ableisten, und die meisten machen das dementsprechend widerwillig. Dann ist es nicht besonders förderlich, in einen solchen Haufen eine topmotivierte Frau zu stellen."

Emma Leal gab nicht auf: "Auch wenn es momentan mühsam ist, ich bin jetzt hier, und ich werde versuchen, so weit wie möglich zu kommen." Sie wurde zum Unteroffizier empfohlen, hatte aber nach drei Monaten die Möglichkeit, sich zum Sprachspezialistenoffizier weiterzubilden. So wurden aus den ursprünglich fünf Monaten Überbrückungszeit, eine eineinhalb Jahre lange Dienstzeit. In dieser Zeit beschloss die damals 24-Jährige nicht an die Universität zurückzukehren, sondern eine Fachhochschule zu besuchen. Doch dafür ist ein Jahr Arbeitserfahrung Voraussetzung. So arbeitete Emma Leal ein weiteres Jahr als Sprachspezialistenoffizier. Heute ist die 25-Jährige Hauptmann in den Wiederholungskursen und besucht die Hochschule für Wirtschaft in Zürich. Die Zeit beim Militär habe sie stärker und selbstsicher gemacht. "Das war eine strenge Ausbildung, und körperlich, aber vor allem psychisch kam ich an meine Grenzen." Zum Ende ihrer Dienstzeit waren die Strapazen vergessen. "Ich war so unglaublich stolz, dass ich es geschafft habe, und ich dachte nur noch: Egal, was jetzt kommt, ich schaff das. An dieses Gefühl werde ich mich noch erinnern, wenn ich 80 bin."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Stolz auf die Strapazen
Autor
Lia Hellwig
Schule
Kantonschule Limmatal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.03.2012, Nr. 57, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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