Trauer statt Mutterglück

Kinder wuseln durch das Straßencafé in der Züricher Altstadt. Eine junge Frau mit kurzen dunkelbraunen Haaren schaut nachdenklich. Neben ihr steht ein Kinderwagen, in dem friedlich ein Kind schläft. Hastig isst die Frau ein Stück Tiramisutorte und sagt verlegen: "Lange konnte ich kaum etwas essen und verspürte ständig einen Anflug von Übelkeit. Jetzt hole ich quasi das Versäumte nach." Luisa Meier (Namen geändert), 24 Jahre alt, hat vor sechs Monaten einen gesunden Jungen auf die Welt gebracht. Alle waren überglücklich - alle bis auf Luisa. Sie selbst hat gar nichts gefühlt. Mit 22 Jahren hatte sie geheiratet und ihr Jura-Studium an der Universität Zürich abgebrochen, um sich auf die Geburt vorzubereiten. Dies war keine leichte Entscheidung. Ihr Mann ist Büroangestellter und oft fort, ihre Freunde würde sie seltener sehen. "Wegen dieser Opfer waren meine Erwartungen an das Kind enorm groß. In vielen Magazinen, die ich gelesen habe, stand, dass der erste Kontakt von Mutter und Kind ein ganz besonderer Moment ist. Als ich endlich mein Kind zum ersten Mal in den Armen halten durfte, verspürte ich nichts, einfach nichts. Hingegen waren meine Mutter und mein Mann überglücklich." Freunde und Bekannte schenkten Blumen. "Ich war völlig durcheinander, versuchte aber, meine Verwirrung nicht zu zeigen. Um ehrlich zu sein, ich hatte mich sehr geschämt."

Daheim traten die ersten Probleme auf. Das Kind war eher unruhig und musste alle vier Stunden trinken. Luisa tat ihr Möglichstes und versuchte, die Bedürfnisse ihres Kindes zu erfüllen. Sie konnte kaum noch schlafen, gewöhnte sich nicht an den neuen Rhythmus. Langsam verfiel sie in eine Art Apathie, derer sie sich aber nicht bewusst war. "Trotz allem, was ich für meinen Sohn tat, fühlte ich mich schuldig. Ich machte mir Vorwürfe, dass ich als Mutter nicht gut genug für ihn sei und ihn nicht verdient hätte. Ich traute mich nicht, mit irgendjemandem darüber zu reden, nicht mal mit meinem Mann, aus Angst, man würde mich als eine unfähige oder unnormale Person bezeichnen." Der Kontakt zu den Freunden brach ab. Sie hatte kaum Zeit und war meist nicht in der Stimmung, sich zu verabreden. "Eine Freundin sagte mir, dass ich sogar am Telefon ungewöhnlich harsch und abgekämpft klang."

Luisa nahm ab, sah bald dürr und zerbrechlich aus. Als ihr Mann vorschlug, gemeinsam einen Arzt aufzusuchen, stieß er auf eine undurchdringliche Wand. Immer öfter schloss sich Luisa in ein Zimmer ein und weinte. Vier Monate nach der Niederkunft erlitt sie einen Nervenzusammenbruch und musste stationär behandelt werden. "Ich hatte das Gefühl, wirklich versagt zu haben. Doch in dieser Zeit gab mir meine Familie den größten Halt; während mein Mann Tag und Nacht bei mir blieb, nahm meine Mutter mein Kind unter ihre Obhut." Da erst vertraute sie sich ihrem Mann an. "Zuerst war er einfach fassungslos, da er kaum etwas mitbekommen hatte. Er bestand dann darauf, mit mir zu einem Psychiater zu gehen, was auch der Arzt empfahl. Denn es wurde bei mir eine postpartale Depression diagnostiziert."

Solche Depressionen betreffen 10 bis 15 Prozent aller Mütter. Luisa ist jetzt in einer Psychotherapie und geht regelmäßig zu einem Frauentreff, wo sich betroffene Mütter austauschen. Heute geht es ihr sichtlich besser: "Ich habe gelernt, meine eigenen Schwächen zu akzeptieren und auch mit meinem sozialen Umfeld darüber zu reden." Und sie versucht täglich, sich Zeit für sich alleine zu nehmen, ein Buch zu lesen oder Musik zu hören. "Jetzt fühle ich mich reif und verantwortungsbewusst genug für meinen Sohn und lerne ihn dabei von einer komplett neuen Seite kennen." Sie schaut lächelnd zu ihrem schlafenden Kind.

Informationen zum Beitrag

Titel
Trauer statt Mutterglück
Autor
Yiwen Luo
Schule
Kantonschule Limmatal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.03.2012, Nr. 57, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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