Frau am Steuer

Evi Idzik steuert einen Bus durch Fulda und erntet damit immer noch neugierige Blicke. Aber gelegentlich auch anerkennende Worte.

Es ist Freitagmorgen, 5.30 Uhr. Am Busbahnhof Stadtschloss in Fulda warten hellgrüne Busse sowie erste Fahrgäste auf die Busfahrer, die sich noch in kleinen Gruppen, rauchend oder Kaffee trinkend am Kiosk aufhalten. Unter ihnen ist Evi Idzik, eine zierliche Frau mit kurzem, braunem Haar, gekleidet in blauer Uniform. Zügig geht sie auf den Bus zu, den sie heute fährt. Es ist die Linie 1, die die Fahrgäste zum Fuldaer Klinikum und anderen Haltestellen zwischen Künzell und Aschenberg bringt. Ihr Arbeitsplatz ist bescheiden: ein etwa 1,5 Quadratmeter großes Arbeitsfeld, das von einem bequemen, grauen Sitz, einem Armaturenbrett und einem großen Lenkrad fast völlig ausgefüllt wird. Evi Idzik bleibt gerade einmal Platz, um ihre Tasche abzustellen. Durch eine Tür in der Höhe eines Gartentors, auf der sich ein Bildschirm und ein Geldautomat zum Fahrkartenverkauf befinden, betritt sie das Fahrercockpit. Die ersten Gäste steigen ein, die Busfahrerin begrüßt sie mit einem freundlichem "Guten Morgen", und selbst eine gestresst wirkende junge Frau und ein missgelaunt dreinblickender Herr mit Aktentasche erwidern es.

Evi Idzik findet es schade, dass sie oft diejenige ist, die auf die Menschen zugehen muss. "Denn wenn man die Leute nicht grüßt, strecken sie einem stumm die Fahrkarte hin und verschwinden nach hinten in den Bus, dann ist man schon irgendwie der Depp hinterm Lenkrad." Abgesehen davon, wird sie oft genauer in Augenschein genommen als ihre Kollegen. Eine Frau als Busfahrerin scheint für viele immer noch befremdlich zu sein. Manchmal wünscht sich Evi Idzik, in die Köpfe von Männern schauen zu können. Vor allem, im Straßenverkehr fällt ihr oft auf, wie Autofahrer und Passanten sie kritisch beäugen. Aber es gebe bestimmt auch viele Männer, die denken, "Mensch, warum macht meine Frau das nicht?", vermutet sie.

Tatsächlich gibt es bei der Überlandwerk Fulda Aktiengesellschaft (ÜWAG) nur vier Frauen am Steuer der Busse. Den Grund dafür meint Evi Idzik zu kennen: Viele Frauen unterschätzen sich einfach. Sie selbst hätte sich auch nie träumen lassen, dass sie einmal diesen Beruf ausüben würde. Wenn man ihre früheren Arbeitsstellen betrachtet, stehen diese tatsächlich stark im Kontrast zu dem, was sie heute macht.

Sie ist gelernte Kosmetikerin, später hat sie in einem Bäckereibetrieb gearbeitet. Durch den Umzug nach Fulda fand sie zunächst nur eine Stelle bei einem Busunternehmen. Da Autofahren eine ihrer größten Leidenschaften ist, sie aber den Kontakt zu Menschen in ihrem Beruf braucht, war es für sie naheliegend, den trockenen Bürojob hinter sich zu lassen und stattdessen als Busfahrerin zu arbeiten. Vor fünf Jahren traf sie diese Entscheidung und hat sie bis jetzt noch nicht bereut. Am wichtigsten sei es, stolz auf sich und das, was man tue, zu sein, damit man sich nicht von den Männern unterkriegen lasse, erklärt sie schmunzelnd.

Heute ist nicht viel los, es sind Schulferien. Eine elektronische Frauenstimme verkündet: "Nächste Haltestelle: ZOB". Es ist noch ruhig, die meisten Fahrgäste dösen vor sich hin. Nur zwei ältere Damen unterhalten sich angeregt über die Qualität der Eisdielen in Fulda. Im Gegensatz zu den meisten ihrer Fahrgäste ist die Fahrerin putzmunter. Sie ist seit 3 Uhr auf den Beinen. Das frühe Aufstehen macht ihr aber nichts aus. Um sich kurz die Beine zu vertreten, steigt sie in ihrer ersten, achtminütigen Pause, die sie wegen der Fahrzeiten einhalten muss, aus und zündet sich eine Zigarette an. Ungeduldig schaut sie auf ihre Armbanduhr. Es ist noch recht frisch draußen, sie steigt wieder ein, startet den Motor und schließt mit Hilfe eines roten Knopfes die Vordertür. Da es sich um einen Niederflurbus handelt, den man hauptsächlich im Stadtverkehr einsetzt, entsteht ein lautes Zischen, als der Bus von einer leicht gekippten Position wieder in seine ursprüngliche Lage zurückkehrt.

Ein junger Mann rennt auf den Bus zu. Als er eingelassen wird, bedankt er sich völlig außer Atem, aber mit einem breiten Grinsen. Leider ist er eine Ausnahme. Einmal hat Evi Idzik für eine Frau angehalten, die ebenfalls zu spät kam. Statt sich zu bedanken, hat sie die Fahrerin die ganze Fahrt über beschimpft und ihr vorgeworfen, sie sei viel zu früh losgefahren. Achtung und Respekt vor anderen, sagt Evi Idzik, das seien Werte, die viele Menschen gar nicht mehr kennen würden. Jugendliche, die aus purer Langeweile Busse mit Eiern oder Schneebällen bewerfen, hat sie schon erlebt.

Um kurz nach 7 Uhr erreicht sie erneut den Busbahnhof. Sie packt eine Stulle mit Salami aus. Draußen fegt eine Kehrmaschine mit lautem Brummen die Straße. Es ist nun um einiges belebter im Bus. Ein unrasierter Mann mit fettigem Haar sagt mit herausforderndem Blick: "Na, heute ein neues Gesicht?" Evi Idzik bleibt gelassen und antwortet: "Ganz so neu nicht mehr." Der Mann ist erstaunt über die taffe Antwort und verschwindet schnell im hinteren Teil des Busses. Einige Haltestellen weiter steigt ein ebenso unangenehmer Fahrgast ein. Er ist schon älter und führt einen kleinen, garstig dreinblickenden Terrier mit sich. Unter den anfänglichen Geruch nach frischem Kaffee und Aftershave mischt sich ein unangenehmer Gestank nach nassem Hund. Schrill kläfft der Hund, worauf er einen kräftigen Ruck an der Leine kassiert. Sein Herrchen setzt sich neben eine Frau und beginnt sie mit lauter Stimme in ein Gespräch zu verwickeln. Evi Idzik versucht, ihn zu ignorieren, aber der Mann übertönt mit seinem wichtigtuerischen Gerede alles. Das Geschrei eines Säuglings ertönt, angekündigt durch einen verräterischen Geruch nach vollen Windeln. Die türkische Mutter versucht das Kind zu beruhigen, während sie ihren älteren Sohn davon abhält, Lebensmittel aus der Einkaufstasche zu stibitzen.

Der Vormittag scheint sich endlos lang zu ziehen, Evi fährt immer wieder dieselbe Strecke hin und zurück. Der Bus ist zu bestimmten Zeiten fast vollkommen leer, dann wieder überfüllt und stickig.

Manchmal hat Evi Idzik das Gefühl, dass viele ihren Beruf unterschätzen. "Vielen Leuten ist gar nicht bewusst, dass wir eine große Verantwortung tragen. Manchmal habe ich das Gefühl, sie vergessen, dass wir auch nur Menschen sind, vielleicht, weil sie nur das Transportmittel, den Bus, wahrnehmen und gar nicht daran denken, dass es ja auch einen Menschen geben muss, der hinter dem Lenkrad sitzt."

Ihre Schicht endet gegen Mittag. Ein letztes Mal rattert der Bus über die Pflastersteine beim Stadtschloss, ein alter Herr kommt nach vorne und bedankt sich bei ihr für die Fahrt. Dies ist wohl einer der Gründe, warum sie ihren Job so liebt. Obwohl sie diese Dankbarkeit nur selten und meist nur bei älteren Menschen spürt, bleibt Evi Idzik optimistisch. Für sie gibt es keinen besseren Beruf, da ist sie sich sicher. Und wenn man sie fragt, was sie gerne an ihrer Arbeit ändern würde, antwortet sie nur: "Menschen kann man ja nicht ändern" und wirft einen schnellen Blick in den Spiegel über sich, wo ihr rund zwei Dutzend Augenpaare entgegenblicken.

Informationen zum Beitrag

Titel
Frau am Steuer
Autor
Marlene Andorff
Schule
Marienschule , Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.03.2012, Nr. 57, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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