Auf nach Abakan

Als die kleinen Kinder auf mich zukamen und Autogramme haben wollten, fiel ich aus allen Wolken", berichtet Anna Sartor. Die mittlerweile 18-jährige Gymnasiastin war eine der sechs Schülerinnen einer kleinen Realschule in Teningen bei Freiburg, die zu einem Austausch nach Abakan reisten, etwa 4000 Kilometer von Moskau entfernt. Mit dabei im Juni 2009 waren der Klassenlehrer mit Frau, der Schulleiter, der damalige Bürgermeister und einige interessierte Teninger Bürger. Nach gefühlten 40 Stunden Flug kam die Reisegruppe in Krasnojarsk an. Es folgte eine achtstündige Fahrt in einem heruntergekommenen Van. Es gab weder Gurte noch eine Klimaanlage, stattdessen einen Piepser, der jedes Polizeiauto in einem Radius von zehn Kilometern ortete. Die Fahrt ging durch Einöde, vorbei an wunderschönen Gebirgszügen und sogar an einem Braunbären, der am Straßenrand eingezäunt war.

Abakan hat etwa 165 000 Einwohner und ist die Hauptstadt des Staates Chakassien, der im Süden Sibiriens liegt. Von dort aus sind es nur etwa 400 Kilometer bis zur Mongolei. Die Fläche Abakans beträgt rund 112 Quadratkilometer, was nur etwa einem Achtel der Größe Berlins entspricht. Abakan ist laut der russischen Polizei die Stadt mit den meisten Vergewaltigungen in Russland. "Da unsere Reisegruppe aus sechs Mädchen bestand, war es uns nicht erlaubt, uns ohne Begleitung frei in der Stadt zu bewegen. Aber das hätten wir uns wahrscheinlich auch gar nicht getraut", sagt Anna. Der Gewalt gegen Frauen wird zum Beispiel durch Frauen-Taxis entgegengewirkt. Diese rosafarbenen Wagen sollen lediglich von Frauen gefahren und benutzt werden.

Begrüßt wurde die deutsche Gruppe durch ihre neuen Freunde, die im Jahr zuvor in Teningen zu Besuch waren. Alle hatten sich trotz kleiner Sprachprobleme gut miteinander verstanden und den Kontakt gepflegt. "Natürlich war es ein bisschen kompliziert, sich zu verständigen, da wir kein Russisch sprachen und sie kein Deutsch. Die Kommunikation erfolgte also in Englisch, aber wir hatten ja auch noch Hände und Füße, falls es einmal knifflig wurde", erzählt Anna lachend. Sie lernte ihre Austauschpartnerin leider erst jetzt kennen, da ihr ursprünglicher Austauschpartner Pasha nicht in der Lage war, ihr eine Unterkunft zu gewähren.

"Ich habe mich sehr gefreut, als ich Ira kennengelernt habe, sie war mir auf den ersten Blick sympathisch. Klar war es schade, dass mich Pasha nicht aufnehmen konnte, aber das war auch verständlich, denn die meisten Menschen in Abakan leben in großen Plattenbauten, in denen man an vier Zimmer oder ausreichende Isolierung erst gar nicht zu denken braucht", erklärt Anna. Viele Häuser stammen noch aus der Zeit des Kalten Krieges und sind dementsprechend heruntergekommen. Die Fassaden bröckeln, und die Fenster haben teilweise Risse.

Auch im Wohnungsinneren sah es nicht viel besser aus. Einige der Schüler mussten sich ein Zimmer mit ihrem Partner teilen. Eine Freundin von Anna erzählt: "Mich hat der Schlag getroffen, als ich ins Badezimmer kam und da kein Waschbecken war. Aber ich wusste mir zu helfen, weil irgendwie musste meine Gastfamilie ja auch ohne Waschbecken zurechtkommen." Doch alle lernten sich an die Lebensumstände zu gewöhnen. Und nach zwei Wochen war ihnen klar, dass man auch mit weniger Luxus leben kann.

Die Partnerschule hatte ein umfangreiches Programm vorbereitet. Am ersten Tag stand gleich der Besuch einer Pferderanch an, wo eine spektakuläre Show auf Anna und ihre Freundinnen wartete. Sogar ein regionaler Fernsehsender war dabei, der anschließend ein Interview mit ihr und einer Mitschülerin führte. Dass der Besuch von Deutschen etwas Besonderes in Sibirien war, sollte die Reisegruppe noch einige Male erfahren. Während einer Kutschfahrt kamen die Leute sogar aus ihren Häusern, um die Deutschen zu begutachten. "Ich kann mich noch sehr gut an diese Augenblicke erinnern, meine Mitschülerinnen und ich haben uns gefühlt wie Stars", erzählt sie mit einem Lächeln auf den Lippen. Es folgte unter anderem ein Besuch an einem Stausee des Jenissei, der nur zwei Wochen nach dem Aufenthalt der Gruppe überflutete.

Das mit Abstand kurioseste Erlebnis habe sie in einem Kindercamp gehabt, erzählt Anna. Diese Camps sind typisch für Sibirien, da den Eltern oftmals das Geld fehlt, um mit ihren Kindern in den Urlaub zu fahren. Es war ein abgelegenes Grundstück mit einem Gemeinschaftshaus, Pools, einer Sportanlage und vielen kleinen Hütten, in denen die Kinder im Alter von fünf bis 18 Jahren campierten. Aber das stille Örtchen schockierte die Besucher: "Wir kamen da hinein und sahen einfach fünf Toiletten, die nebeneinanderlagen. Nach dem ersten Schock konnten wir dann aber über die ungewohnte Situation lachen."

Aber auch gravierende Probleme fielen den Schülern auf. "Wir sahen teilweise Kinder, vielleicht zehn Jahre alt, mit Wodka und Zigaretten." Viele, auch schon ganz junge Mädchen waren freizügig und aufreizend gekleidet. "In einer Stadt, in der es so viele Vergewaltigungen gibt, hätte sie sich wohl besser einen Kartoffelsack übergezogen", meint Anna. Einen weiteren Schock erlitt sie beim Besuch der Gastschule. Das Gebäude war heruntergekommen und hatte eingeschlagene Fenster. In den Räumen konnte man den Wind durch die beschädigten Fenster zischen hören. Trotzdem haben sich die Schüler alle Mühe gegeben, mit bunten Zeichnungen und Pflanzen etwas Freundliches in die trostlosen Räume zu zaubern. Was die deutschen Schüler überraschte, war der Schulgarten, in dem von Tomaten über Kartoffeln bis Gurken viel Gemüse angebaut wird. "Es war sogar üblich, dass die Schüler während ihrer Ferien in die Schule kommen, um sich um den Anbau zu kümmern." Als die deutschen Schüler mehr über das russische Schulsystem erfuhren, wurden sie sogar etwas neidisch. "Die haben dort doch tatsächlich drei Monate lang Sommerferien, das hätte ich natürlich auch gerne", erklärt Anna verblüfft. Aber wer möchte denn auch bei 40 Grad in der Schule sitzen?

Nach und nach gewöhnten sich alle Gäste an die ganz und gar nicht europäischen Verhältnisse. Doch mit einem hatten sich viele auch am Ende der Reise noch nicht anfreunden können: dem Essen. So erzählt Anna von einer Freundin, in deren Familie es Tortellini mit Hackfleischsoße bereits zum Frühstück gab. "Ich weiß nicht, ob ich das schon morgens hätte schlucken können, aber man wollte ja nicht unfreundlich sein, und so haben wir einfach alles einmal probiert", räumt sie ein. Auch an viele andere Essensgewohnheiten mussten sie sich gewöhnen. So war es zum Beispiel üblich, dass man Salat ohne Salatsoße zu sich nahm.

"Was mich am meisten beeindruckt hat, war aber die unglaubliche Weite, sobald man aus der Stadt herauskam", berichtet Anna begeistert. "Manchmal dauert es einige Stunden, bis man in die nächste Stadt kommt. Und nur unendliche Steppe, so weit das Auge reicht. Bäume gab es weit und breit keine, nur ab und zu tauchte mal ein See auf. Jetzt verstanden wir auch, warum wir noch keine Äcker oder Felder gesehen hatten. Das Land dort ist viel zu trocken." Lediglich an einem der Sommertage regnete es.

Die Gruppe kehrte mit dem Bus von einem Ausflug heim. "Man konnte jede Unebenheit der Straße spüren. Dann gab der Bus irgendwann den Geist auf, und wir mussten aussteigen. In diesem Moment ergoss sich ein enormer Regenschauer über unseren Köpfen. Gott sei Dank waren die Gasteltern aber schon auf dem Weg, um uns abzuholen."

Den Deutschen kam das Leben in Abakan sehr günstig vor. "Eine Busfahrt gab es schon für umgerechnet fünf Cent, eine Taxifahrt für zwei Euro. Für uns war es also selbstverständlich, dass wir immer die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen wollten, aber das war es für unsere Austauschpartner nicht", erklärt Anna etwas beschämt. Der Durchschnittslohn liegt bei 13 800 Rubel im Monat, das sind etwa 400 Euro. "Die Lebenshaltungskosten sind um einiges geringer als bei uns. Als wir einmal in einer Pizzeria essen waren, gab es eine Pizza mit Pommes und Getränk schon für umgerechnet drei Euro. Das war für uns eine neue Erfahrung. Auch wenn das Essen nur schnell in der Mikrowelle erwärmt wurde."

 

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf nach Abakan
Autor
Julia Villing
Schule
Max-Weber-Schule , Freiburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2012, Nr. 63, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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