Schramms Damm

Aufbruchstimmung in Hagher. Eine Gruppe steht um den drei Meter breiten Brunnen und versucht, eine Betonplatte mit einem kleinen Loch auf den 14 Meter tiefen Brunnen zu setzen, um ihn zu versiegeln. Die Dorfbewohner haben den Brunnen mit Schaufeln und Pickel ausgegraben. "Stolz haben mir Bewohner berichtet, dass auch umliegende Dörfer von dem Trinkwasser profitieren und stundenlange Fußmärsche auf sich nehmen, um zum Brunnen zu gelangen", erzählt Edda Schramm. Die verheiratete, grauhaarige 69-jährige Frau aus Ilsfeld im Kreis Heilbronn hat eine besondere Hilfe für Eritrea geschaffen. "Ich hatte im Jahr 1990 für das Deutsche Rote Kreuz ehrenamtlich im Ortsverein Ilsfeld gearbeitet und betreute dort Asylbewerber", erklärt die zierliche Dame. Behördengänge, Dolmetschen, Arbeitssuche bei Bauern und Firmen, Wohnraumbeschaffung und andere Arbeiten gehörten fortan zu ihrem Alltag. Dabei hat sie den anerkannten Asylbewerber Abreda Drar kennengelernt.

Sie begann, erste Hilfsgüter und kleine Spenden zu sammeln, die sie ihm mitgab, als er zum ersten Mal wieder zurück in sein Heimatland Eritrea flog. "Er stammt aus der Stadt Keren, der Hauptstadt der Region Anseba", erläutert Edda Schramm. Durch den Dorflehrer aus Hagher, einem Dorf, das auf einer Hochebene liegt, bekam sie per Post Informationen über das Elend dort. "Man kann Hagher nur schlecht und mit Eseln erreichen", betont Edda Schramm, für die die Nachrichten wie Hilfeschreie klangen. "Man hatte diese Leute vergessen", erklärt sie ernst.

Sie sammelte Gelder und ließ 1996 die erste Dorfschule bauen. "Man braucht vor Ort die richtigen Leute, um seine Pläne realisieren zu können." In Regentonnen, die später als Wasservorratsbehälter dienten, sammelte sie Schulmaterial: Papier, Farben, Stifte, aber auch Kleidung und Medikamente wurden so nach Hagher geschickt. Das zentrale Problem war der Wassermangel. "Oft gab es jahrelang überhaupt keine Regenfälle." So kam sie auf die Idee, einen Staudamm errichten zu lassen.

Unter Mitarbeit aller Dorfbewohner, auch der älteren Kinder, da die jungen Männer ihren Kriegsdienst ableisten mussten, wurde mit dem Bau begonnen. Sie erhielten einen Lohn, der von Ilsfeld aus erstattet wurde. Vor zwölf Jahren wurde der sogenannte Hagher-Ilsfeld-Schramm-Damm nach halbjähriger Bauzeit eingeweiht und darunter ein Brunnen von Hand ausgegraben. Der See ist noch relativ klein und fasst etwa 80 000 Kubikmeter Wasser.

Edda Schramm hält per E-Mail über die katholische Kirche den Kontakt nach Hagher. "Oft warte ich ungeduldig auf eine Rückmeldung." Mittlerweile wurden zwei weitere Staudämme errichtet. Vor ihnen wurden Gabionen, das sind Schutzgitter, die die Erde zurückhalten, mit bis zu 4,5 Metern Höhe erbaut. Jetzt wird das Wasser aufgefangen, wo es vorher bei starken Regenfällen ungebremst vom Berg herunterfloss. Ochsen, Esel, Hühner, Medikamente, Saatgut und Bäume wurden angeschafft, um den Familien eine kleine Selbstversorgung zu ermöglichen.

Finanziert wird das alles durch Flohmärkte, Weihnachtsmärkte oder Benefizveranstaltungen. Aber auch private Spenden, Vorträge in Schulen und Kirchen und die Unterstützung einiger Firmen sind Teil des Erfolgs. Der dritte Staudamm hat 40 000 Euro gekostet. "Nun werde ich sogar durch die Sozialstiftung des Landes Baden-Württemberg, die Stiftung Entwicklungshilfe Baden-Württemberg oder auch durch die Sternsinger aus Aachen unterstützt", freut sich Frau Schramm. Ein weiteres Projekt ist eine Schule im Dorf Kerotnejar. Bis jetzt hat dort der Unterricht für 250 Schüler bei 40 Grad Celsius unter einem Grasdach oder im Freien stattgefunden. Alle Projekte werden jetzt vom örtlichen Dorfkomitee geleitet.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Schramms Damm
Autor
Patrick Schober
Schule
Schönbuch-Gymnasium , Holzgerlingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2012, Nr. 63, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180