Bauen für mehr Bildung

Manchmal brauchen Kinder in Tibet einen Tagesmarsch, bis sie in eine der Zentralschulen kommen. Häufig werden sie aber auch als zusätzliche Arbeitskraft auf dem Feld der Eltern gebraucht und können es sich nicht leisten, einfach tagelang wegzubleiben. Olaf Schubert ist Fotojournalist aus Dresden und begeisterter Asien-Reisender. Als er auf einer Reise ins Chukla-Tal in Osttibet gefragt wurde, ob er nicht finanzielle Hilfe für den Bau einer Schule organisieren könne, sah der studierte Sozialpädagoge die Chance, dauerhaft etwas in der Region bewirken zu können. Vor zwölf Jahren gründete er den Verein Kongpo-Chukla e.V.

In seinem Büro im ruhigen Dresdner Stadtteil Striesen erzählt der engagierte Familienvater von seiner jüngsten Tibet-Reise. Schubert ist ein lässig gekleideter, kräftiger Mann mittlerer Größe mit braunen, kurzen Haaren und einer Brille. Vor ihm liegt der Grundriss der weiterführenden Medizinschule, die zurzeit dort gebaut wird. Das dritte und bisher größte Projekt des Vereins entstand aus einer Kooperation mit einer tibetischen Hilfsorganisation.

Siebzig Schüler sollen dort bald die traditionelle tibetische Medizin erlernen. Der Gebäudekomplex umfasst Schüler- und Lehrerunterkünfte, zwei Klassenzimmer, Küche, Essensraum und ein Basketballfeld. Besonders wichtig war den Projektleitern eine integrierte Klinik. Dort können die Schüler praktische Erfahrung im Trocknen von Pflanzen und in der Behandlung sammeln, um nach Abschluss ihrer Ausbildung sofort als Ärzte arbeiten zu können. "Die Tibeter sahen bisher nie die Notwendigkeit einer guten Schulausbildung, weil sie ihren Lebensunterhalt in der Landwirtschaft verdienten", sagt Schubert. "Deshalb sind Einwanderer, die in die Region kommen, oft viel besser ausgebildet. Wir wollen mit unserem Projekt eine Chancengleichheit erreichen." Die Region Kongpo liegt im Südosten von Tibet, einem Land, das geprägt ist von den Ausläufern des Himalaja. Die Bevölkerung lebt entweder in Dörfern oder zieht als Nomaden durch die größtenteils trockene Steppenlandschaft. Der Osten dagegen ist relativ fruchtbar und für die Landwirtschaft geeignet.

Der Fotograf zeigt Bilder von der Baustelle: Stämmige Männer und sogar einige Frauen mit Kindern sind in die Arbeit involviert. Sieben zukünftige Schüler schieben einen alten Lkw an, der neues Baumaterial besorgen soll. Auf einem anderen Bild streicht ein Maler Fensterrahmen schwarz an. Die dunkle Farbe soll Sonnenlicht speichern, am Abend wieder abgeben und damit eine Raumheizung ersetzen. Das klingt sehr improvisiert, hat sich aber in Jahrhunderten der tibetischen Architekturgeschichte als äußerst nützlich erwiesen. Ebenso wie eine doppelte Hauswand aus Lehm: "Die Zwischenräume werden mit Kies oder Geröll aufgefüllt. Auf diese Weise können die Gebäude sogar kleinen Erdbeben standhalten", sagt Schubert.

Die etwa 20 Bauarbeiter wurden aus den Dörfern der Umgebung angeheuert. "Wir wollten, dass der größtmögliche Teil des Geldes in der Region bleibt. Die Skizzen und der Grundriss wurden zum Beispiel von einem Schweizer Architekten ehrenamtlich angefertigt. Und weil wir keine Angestellten bezahlen müssen, können wir manchmal noch Teile des jährlichen Mitgliedsbeitrages nach Tibet senden. Wenn dort mehr ankommt als die Spendengelder, sind wir zufrieden."

Dieses Konzept findet Anerkennung: So wurde der Verein von deutschen Schülern ausgewählt, von den Erlösen des Projektes "Genial-Sozial" zu profitieren, bei dem die Schüler ein Ein-Tages-Praktikum absolvieren und das verdiente Geld sozialen Projekten spenden. "Die Tibeter waren begeistert von der Vorstellung, dass deutsche Schüler für sie gearbeitet haben. Für sie ist Deutschland das Land, in dem das Geld auf den Bäumen wächst."

Natürlich unterstützen auch Erwachsene die Idee. Abgesehen von den 50 Vereinsmitgliedern sind die treusten Spender die, die den Fotografen auf seinen Reisen begleitet haben und von seinen Fähigkeiten als Reiseführer begeistert waren. Die restlichen Spenden kommen auf Vortragsreisen zusammen. Ungefähr 20 000 Euro kann der Verein damit jedes Jahr sammeln. Für tibetische Verhältnisse ist das eine riesige Summe: Ein Lehrer verdient dort etwa 100 Euro im Monat.

Ist der Verein also eine Ein-Mann-Show von Olaf Schubert? "Nein, allein schon die Verwaltung dieser Summen wäre ohne die ehrenamtliche Arbeit der Vereinsmitglieder nicht denkbar. Zwar reise ich am häufigsten in die Region, das liegt aber einfach daran, dass ich mich am besten auskenne und die Leute vor Ort mir vertrauen. Das ist wichtig: Vertrauen und Kontakte, um auf dem Laufenden zu bleiben, wenn zum Beispiel in China die Gesetze geändert werden." Mehr will Schubert über China nicht äußern, da der Verein leicht in Ungnade fallen und die Arbeit damit um Jahre zurückgeworfen werden könnte.

Informationen zum Beitrag

Titel
Bauen für mehr Bildung
Autor
Vincent Ancot
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2012, Nr. 63, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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