Türmer Schulze mag seinen einsamen Halbnachtsjob

Mächtig ragt die Lambertikirche im westfälischen Münster in den sternenklaren Himmel. Nachts wirkt der gotische Bau, den in der Dunkelheit zahlreiche Leuchten anstrahlen, noch imposanter. St. Lamberti ist die Markt- und Bürgerkirche, die über dem Prinzipalmarkt, der guten Stube der Stadt, thront. 298 Stufen führen eng gewunden durch eine der vier Stützsäulen des steil aufragenden Turmes hinauf zum Arbeitsplatz von Wolfram Schulze. Der 65-jährige, schlanke Brillenträger ist der Türmer von St. Lamberti. Seine "Dienststube" in luftiger Höhe ist eingerichtet mit einem Sofa, einem Schreibtisch, vielen Gemälden und einigen Büchern. Nach seinem langen Aufstieg meldet er der Feuerwehr telefonisch, dass er seinen Dienst angetreten hat. Von neun Uhr bis Mitternacht geht er alle halbe Stunde hinaus auf die balkonartige Umrandung des Turmes und bläst in sein Türmerhorn ein Zeitsignal. Münsters Türmergeschichte ist lang. 1379 ist erstmalig ein Türmer urkundlich erwähnt. Dessen ursprüngliche Funktion war es, über die Stadt zu wachen und Brände sowie feindliche Truppen zu melden. Heutzutage gehört er eher zu den touristischen Attraktionen. Juliane Unkelbach von Münster Marketing verdeutlicht: "Der Türmer ist für unsere Öffentlichkeitsarbeit enorm wichtig. Viele internationale Journalisten, die in Münster zu Besuch waren, haben schon über ihn berichtet, darunter auch amerikanische und japanische." Auch waren schon viele Fernsehteams in der Türmerstube. "Ich habe schon von vielen Münsteranern gehört, dass sie sich sicherer fühlen, wenn ich über die Stadt wache", erklärt Schulze. Der gelernte Weber hat in seinem Leben bereits in vielen Berufen gearbeitet, unter anderem in einer Gärtnerei und als Buchbinder, bevor er sein Abitur nachholte und Philosophie studierte. Sein Lebensinhalt waren schon immer Bücher, von denen er mehrere tausend besitzt. Bücher sind es auch, die ihm helfen, die Einsamkeit in der Türmerstube zu ertragen. Als er sich 1994 auf eine Stellenanzeige bewarb, hatte er bereits häufig dem vorigen Türmer ausgeholfen. Neben dem Alleinseinkönnen als Voraussetzung für einen Bewerber verlangte man auch die Fähigkeit, werbewirksam auftreten zu können oder, genauer, Ideen für eine Vermarktung zu entwickeln. Schulze sieht auch die Nachteile seines Arbeitsplatzes, da dieser nur ein "Halbnachtsjob" mit 19 Arbeitsstunden ist. Dienstags ist übrigens frei. In den sechzehn Jahren, die Schulze diesen Beruf ausübt, hat er viel erlebt. Bei einem Schneesturm vor einigen Jahren schneite sogar der Turm zu, und als der Sturm Kyrill sein Unwesen trieb, wackelte der Turm, das Licht flackerte, und es heulte und dröhnte so sehr, dass man nicht mehr hören konnte, ob jemand die Treppe hochkam. "Aber man kann nicht weg, das ist wie bei dem Kapitän und dem sinkenden Schiff." Stolz berichtet er von seinen Erlebnissen: "Am 1. Juli letzten Jahres entdeckte ich den Brand eines Pferdestalls im Stadtteil Kinderhaus, den ich als Erster meldete." Von der 75 Meter hohen Türmerstube aus hat man einen unglaublichen Ausblick über ganz Münster, dessen Straßen wie Landebahnen für Flugzeuge aussehen, da sie von Lichtern gerahmt werden. Mächtige Bauwerke wie Dom und Schloss liegen dem Betrachter zu Füßen, man kann bis weit ins Münsterland blicken. Schwindelfreiheit gehört sicher auch zum Berufsprofil. Diese Aussicht können jedoch nur wenige genießen, der Turmzugang ist nicht öffentlich, der Kirchenvorstand entscheidet, wer den Turm betreten darf. Zwölfmal tutet das Horn, die Arbeitsnacht von Wolfram Schulze ist beendet. Nun beginnt der Abstieg. Bald darauf steht die prächtige Kirche wieder einsam in der Nacht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Türmer Schulze mag seinen einsamen Halbnachtsjob
Autor
Leonie Berning Marienschule, Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.06.2010
Projekt
Jugend schreibt

Beruf und Chance

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