Münchener Straßenkünstler müssen Tageslizenzen haben

De bleedn Dinger do!", bayert Albert Dietrich, als auf dem Münchner Marienplatz die "Brazil Trommel Combo" lautstark zu musizieren beginnt. Er selbst würde einen solch geräuschvollen Auftritt nie genehmigen. Und tatsächlich könnte seine Meinung ins Gewicht fallen: Denn Albert Dietrich ist der offizielle Beauftragte für die Münchner Straßenkunst in der Fußgängerzone. Vor seinem Büro im Alten Rathaus stehen jeden Morgen um fünf Uhr - frei nach dem Motto "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst" - Musiker, Pantomimen und Maler, um sich bei ihm ihre Tageslizenz abzuholen. Derzeit befinden sich knapp 2500 Künstler in seiner Kartei, von denen momentan rund 800 aktiv sind. Zu diesen "Schutzbefohlenen", wie Dietrich sie im Scherz nennt, gehört auch Adrian, ein Pantomimekünstler in bronzener Montur. Seit Jahren steht er jeden Tag bei jedem Wetter acht Stunden lang auf seinem Podium still. Wenn er nach einer Stunde den Ort wechselt, wie es die Verwaltung vorschreibt, steigt er mit steifen Bewegungen herab und wirkt genauso eingerostet, wie er aussieht. "Jedes Körperteil leidet", erklärt er in gebrochenem Englisch, "außer meiner Haare. Warum? Ich habe keine!" Seit einem knappen Jahrzehnt lebt der hauptberufliche Straßenkünstler von der Hand in den Mund: An schlechten Tagen verdient er gerade einmal fünf Euro, meist aber genug, um davon zu leben. "I love it!", sagt er über die Atmosphäre in der Szene und die Freuden und Leiden seines Künstlerdaseins. Obwohl Beleidigungen durch Passanten zu seinem Alltag gehören, leuchten seine Augen, als ein kleines Mädchen an ihm vorbeigeht. "Hallo, Schatzi!" - zwei der wenigen deutschen Wörter, die er beherrscht. Davor, sich im Rathaus zu präsentieren, hatte er keine Angst. "Muss man auch nicht", bekräftigt Albert Dietrich: Wenn man abgelehnt werde, könne man immer wieder kommen. Dieses Angebot wird auch gern angenommen. So habe einmal ein Künstler mit sieben verschiedenen Instrumenten sein Glück versucht, aber "auf jedem klang es schlimmer". Da Straßenkunst als "Sondernutzung" gelte, sei eine Genehmigung jedoch nötig. Ohne Lizenz drohen 150 Euro Bußgeld und eine Anzeige. Einige wenige Vertreter der Zunft, wie etwa den Musiker "Prof. Dr. Feelgood", stört das wenig: Regelmäßig spielt er, begleitet vom Gitarristen Michael, vor der Heiliggeistkirche Trompete. Ohne Erlaubnis. "Zählt nicht die Freude an der spontanen Musik?", fragt er und fährt sich durch seinen grauen Bart. "Sobald etwas offiziell ist, verliert es seine Freiheit." Diese Unabhängigkeit zählt wohl zu den größten Reizen des Straßenkünstler-Daseins, und dennoch hat sich in der Münchener Szene eine Art Gemeinschaft gebildet. Als etwa die Unterführung neben der Sparkasse für sie nicht mehr zugelassen wurde, organisierten etliche Künstler eine Unterschriftensammlung. Allerdings erfahren sie auch viel Ablehnung. "Angespuckt oder getreten werden? Keine Seltenheit!", seufzt Dr. Feelgood, während er seine abgegriffene Melone zurechtrückt. "Arbeit, Arbeit! Bettelmafia!", werde ihm nachgeschrien. "Aber einmal", grinst er, "hat mir eine Schauspielerin von ,Sturm der Liebe' eine CD abgekauft." Adrian denkt gern an Johannes zurück, einen Studenten, der für die Münchener Filmhochschule einen Kurzfilm über ihn gedreht hat. "Für diese Momente lohnt es sich", sagt der selbsternannte Doktor entschlossen und beginnt wieder, München mit Jazzklängen zu erfüllen. Albert Dietrich bekommt täglich Dutzende außergewöhnlicher Menschen zu Gesicht. Ein bisschen wie Dieter Bohlen? "Nein. Totaler Blödsinn! Ich bemühe mich um ein gutes Verhältnis zu den Künstlern." Außerdem habe Bohlen viel mehr Talent als er selbst. "Wenn ich mich auf die Straße stell', krieg' ich höchstens Geld dafür, dass ich aufhör'."

Informationen zum Beitrag

Titel
Münchener Straßenkünstler müssen Tageslizenzen haben
Autor
Annika Schramm und Thomas Hauser Gymnasium Grafing
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.06.2010
Projekt
Jugend schreibt

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