88 Cent Kaltmiete und drei Gebete

Die Augsburger Fuggerei gilt als die älteste Sozialsiedlung auf der Welt. Sie ist auch bei Touristen beliebt. Die Bewohner nehmen in Kauf, wie Ausstellungsstücke angestarrt zu werden. Mein Paradies" - ein weißer Torbogen, der von Efeu und wildem Wein umrankt wird, weist mit dieser Inschrift in schwarzen Lettern den Beginn eines breiten Kiesweges. Außer leisem Zwitschern von Vögeln ist kein Geräusch zu hören, das die Stille unterbricht. Verfolgt man den Pfad durch den gepflegten Garten bis an sein Ende, so gelangt man zu einem ockerfarbenen Haus, das als Teil der Augsburger Touristenattraktion schlechthin jährlich mehrere hunderttausend Besucher anzieht. Die 140 Sozialwohnungen, die auf 67 Häuser verteilt sind, wurden bereits im Jahre 1521 von Jakob Fugger dem Reichen fertiggestellt und bieten seither in Not geratenen Menschen ein Dach über dem Kopf. "Ich bin sehr, sehr froh darüber, dass ich in der Augsburger Fuggerei leben darf. Ich verbringe schon fast 20 Jahre hier", erzählt die 82-jährige Helga Schuster. Ihr Gesicht ist über und über von langen und kürzeren Fältchen durchzogen und passt doch nur so zu ihrem schwarzen, einer Tracht ähnlichem Kleid, zu dem sie eine rot gemusterte Schürze trägt. Nach dem Tod ihres Mannes vor bald 22 Jahren musste die Rentnerin nicht nur die emotionale Belastung aushalten, sondern geriet auch in eine finanzielle Krise, da der Lebensunterhalt der Hausfrau durch keinerlei Versicherung gedeckt war. "Als Witwe in meinem Alter hatte man ohne Rücklagen oder Kinder, die einen hätten aufnehmen können, keine besonders rosigen Zukunftsaussichten", fügt sie nachdenklich hinzu. Auch an der Fuggerei selbst lässt sich, wie an dem Kleid dieser alten Dame, erkennen, dass hier immer noch Teile des Mittelalters überlebt haben. So besitzt die älteste Sozialsiedlung der Welt drei Tore, die die umgebende Mauer durchbrechen und die einzigen Durchgänge zur "Außenwelt" darstellen. Diese werden jeden Abend, wie schon vor fast 500 Jahren, um 22 Uhr von Torwächtern geschlossen. Wer von den Bewohnern später kommt, kann dann nur noch durch das Ochsentor in der Ochsengasse die Fuggerei betreten, da nur hier ein Nachtwächter zu finden ist, der gegen geringfügige Bezahlung (10 Cent) Einlass gewährt. Dieser Abschluss von der Stadt sorgt innerhalb der Fuggerei für eine ständige Stille. Kein Straßenlärm, keine Hektik, keine lauten Stimmen dringen hier nach drinnen und zerstören die Ruhe, die vor allem die älteren Bewohner zu schätzen wissen. Genauso wie die Torwächter sind auch die Bedingungen, die erfüllt sein müssen, um eine Wohnung zu bekommen, noch dieselben wie zu Gründungszeiten. Heute wird die Bedürftigkeit von Antragstellern durch das Augsburger Sozialamt geprüft, die Entscheidung über die Aufnahme in die Siedlung obliegt aber dem Fuggerschen Familienseniorat. Vor allem muss der Bewerber Augsburger und nachweislich unverschuldet in Not geraten sein. Zudem ist die katholische Konfession Voraussetzung für einen Einzug. Dies lässt sich auf die Vertragsbedingung zurückführen, dass jeder Bewohner der Fuggerei dreimal täglich für die Familie der Fugger beten soll: ein Vaterunser, ein Glaubensbekenntnis und ein Ave Maria, eben ein rein katholisches Gebet. "Aber diese Tradition wird heutzutage ja nicht mehr überprüft", sagt die Rentnerin und verzieht ihr Gesicht zu einem verschmitzten Lächeln, wobei unzählige neue Fältchen entstehen. Die Forderung nach täglichen Gebeten für die Gründer erklärt sich dadurch, dass zu Zeiten der Erbauung der Ablasshandel noch in vollem Gange war. Die Menschen versuchten also alles, um sich hier auf Erden ihrer Sünden zu entledigen und ihr persönliches Paradies zu erkaufen. Jakob Fugger der Reiche, der Bauherr, opferte nicht völlig selbstlos einen Teil seines Vermögens für Bedürftige, sondern vollbrachte mit seiner Sozialsiedlung einen Akt wohl berechneter Wohltätigkeit und glaubte, sich somit sein Seelenheil zu erwerben. Gekostet hat die Fuggerei darüber hinaus "nur" etwa 20000 Gulden, ein vergleichsweise geringer Betrag, wenn man bedenkt, dass Jakob Fugger seiner Frau schon mal einen orientalischen Stirndiamanten für etwa die gleiche Summe kaufte. Doch ob Berechnung oder Mitgefühl, die etwa 140 Bewohner der 60 Quadratmeter großen Wohnungen sind dankbar für die Möglichkeit, hier leben zu können. Für den Gegenwert eines rheinischen Guldens, heute etwa 88 Cent, Jahreskaltmiete können sie in einem der ockerfarbenen Häuser mit dunkelgrünen Fensterläden ein neues Zuhause finden. Auch heute noch ziert wie zur Gründungszeit jede Tür ein anderer Klingelzug, was den damaligen Bewohnern dazu diente, ihr Zuhause auch in den früher unbeleuchteten Straßen der Fuggerei eindeutig zu erkennen. So verleihen die mit Efeu und Weintrauben bewachsenen Fassaden, die kleinen Porzellankatzen in den Fenstern und die gepflegten Vorgärten oder Blumen vor den unterschiedlichen Haustüren der Fuggerei einen ganz eigenen altmodischen Charme, der jedoch durch ständig vorbeiziehende Touristengruppen etwas getrübt wird. Jede Haustür wird inspiziert, in jedes Fenster hineingeschaut. "Die Fuggerei ist für Touristen wirklich wunderbar gestaltet. Sehr anschaulich und doch so informativ", schwärmt die 42-jährige Sabine Wittmann, die einer Reisegruppe aus Norddeutschland angehört, begeistert. An etlichen Häusern befindet sich beispielsweise ein kleines Täfelchen, das die interessierten Vorbeiziehenden über geschichtliche Besonderheiten, bekannte Bewohner oder Ähnliches aufklärt, wobei eine unbewohnte, doch voll möblierte Sozialwohnung den Besuchern stets zur Besichtigung offensteht. Doch so interessant es für Touristen ist, die Sozialsiedlung zu besichtigen, so anstrengend ist es oft für die Bewohner, mit dem ganzen Trubel zurechtzukommen. Ein altes Ehepaar etwa, das in seinem Vorgarten auf einer kleinen Holzbank sitzt, blickt schweigend in den Garten, als wieder einmal Touristen nicht nur ihr Zuhause, sondern auch sie selbst wie Ausstellungsstücke anstarren. Sie verharren bewegungslos, vielleicht genervt, vielleicht gelangweilt oder resigniert. "Hier leben sehr viele alte Leute, die in der Anfangszeit noch nicht damit umgehen können, als Attraktion zu gelten", seufzt Helga Schuster. "Aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Zumindest habe ich das getan", schränkt sie nachdenklich ein. Doch die Einnahmen, die die Touristen der Fuggerei durch Eintrittsgelder bescheren, sind sehr wichtig geworden, da die Siedlung lange Zeit fast ausschließlich aus dem Stiftungsvermögen der Fugger finanziert wurde, das auf Forstwirtschaft und Immobilien beruht. Diese Einnahmen sind jedoch in letzter Zeit zurückgegangen. Im August 2008 wurde sogar eine Bewerbung um die Aufnahme der Fuggerei als Unesco-Welterbe angedacht, wobei es hinsichtlich der Umsetzung dieser Bewerbung noch keine konkreten Maßnahmen oder Pläne gibt. Es rechtfertigt aber erneut den Status der Sozialsiedlung als einen der wichtigsten touristischen Anziehungspunkte der Fuggerstadt. Doch ob dieses "Kulturparadies" auch ein "Wohnparadies" ist, hängt stark von den Bewohnern selbst und von ihrem persönlichen Bedürfnis nach Privatsphäre und Ruhe ab. "Ich mag den ganzen Trubel hier. Er hält jung und knackig", lacht Helga Schuster und streicht dabei wie zufällig über ihr faltiges Gesicht.

Informationen zum Beitrag

Titel
88 Cent Kaltmiete und drei Gebete
Autor
Lisa Schack Wernher-von-Braun-Gymnasium, Friedberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.06.2010
Projekt
Jugend schreibt

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