Ellen lebt ihren englischen Traum

Das Gemäuer wirkt so, als hätte es schon Jahrhunderte gesehen. Hohe, spitze Türme säumen das Haus. Die Wiesen rundherum sind so weit, dass man kaum weiß, wo sie enden. Kein Geräusch ist zu hören, das diese Idylle stört. Ding, dong, plötzlich springt Ellen Uphues aus dem Bett auf, wie in diesem Moment tausend andere es ihr gleichtun. Hektik kommt auf, und plötzlich laufen viele Schüler und Schülerinnen über den Campus. Das Gebäude, das so anmutig wirkt, ist kein Schloss, das etwa im Besitz eines reichen Adligen ist, nein, es ist das Denstone College in der Nähe von Manchester, seit 1868 der Ort des Lernens und Lebens für Hunderte von Schülern. Ellen, ein schlankes Mädchen mit langen, dunkelbraunen Haaren und großen braunen Augen, die immer dezent geschminkt sind, kommt aus Deutschland, genauso wie elf weitere Schüler der Abschlussklasse des Denstone College. Der Manager-Vater und die Mutter, die Hausfrau ist, haben die 19-Jährige von der Kleinstadt-Villa in Kempen ins Denstone College geschickt, da Ellen "von frühester Kindheit an" ins Ausland gehen wollte, wie Annegret Uphues mit festem Blick beteuert. "Es war ganz allein ihre Entscheidung." Das College ist die Vorbereitung auf den weiteren geplanten Werdegang von Ellen, die nach ihrem Abschluss Business in Maastricht studieren will.  

Fächer wie "Economics", "Design und Technologie" oder "Drama" sind am Denstone College auf den Stundenplänen zu lesen. Die Schüler können ihre Fächer frei wählen und sich somit mit acht Stunden je Fach in der Woche auf ihr individuelles A-Level, das dem deutschen Abitur ähnelt, vorbereiten. Aber auch der spätere Berufswunsch wird durch diese Fächer berücksichtigt, da macht es den Schülern auch nichts aus, dass ein Schultag nicht wie in Deutschland von 8 bis 14 Uhr dauert, sondern auch schon mal von 8 bis 20.30 Uhr, natürlich mit zwei Pausen dazwischen.

Das fällt den Schülern schon deswegen leichter, weil an englischen Schulen auch AGs zwischen den regulären Stunden geboten werden - konkret zweiundsechzig davon am Denstone College, darunter Exoten wie "Holocaust study" und "Critical thinking" und weit mehr als zwanzig Sportarten wie "Life saving", "Shooting", "Hockey" oder " Rugby". Ellens Mutter lächelt bei dem Gedanken an diese Zuwendungen für ihr Kind, denn sie ist sich sicher, dass das Denstone College ihrer Tochter eine optimale Förderung bietet. 

Das können aber nicht alle Eltern so ohne weiteres ihren Kindern bieten. Anna Straetmanns, die einen schwarzen Kapuzenpullover zu einer blauen Jeans trägt, schaut durch ihre Brille etwas skeptisch drein. "Ich weiß, dass meine Eltern mir den England-Aufenthalt ermöglichen würden, wenn es mein absolut größter Wunsch wäre, in England meinen Abschluss zu machen. Aber es wäre schwer für meine Eltern, und ich bin ja kein Egoist", meint Anna, während sie sich mit der Hand durch die Haare fährt. Die 19-Jährige besucht die zwölfte Klasse, nur nicht wie Ellen am Denstone College, sondern am Luise-von-Duesberg-Gymnasium in Kempen.  

Sie, das Mädchen mit den blaugrünen Augen und den schulterlangen hellbraunen Haaren, wohnt bei ihrem Vater und ihrer Mutter, die Krankenschwester ist, in dem kleinen Ort Stenden. Sie ist im Englisch-Leistungskurs und könnte sich vorstellen, nach England zu gehen, doch dem stehen die hohen Kosten von zwanzig- bis dreißigtausend Pfund im Jahr im Weg. "Natürlich waren die hohen Kosten ein Aspekt, der gegen England sprach, aber die optimale Förderung von Ellens Fähigkeiten ist uns das Geld wert, das wir für Ellen bezahlen", sagt Annegret Uphues.

 Ihre Tochter hat mittlerweile fünf Stunden ihres Tages in "Business" und "Economics" überstanden. Nach dem Mittagessen macht sie sich von 12.50 bis 13.30 Uhr an ihre Übungen und Essays in "History" und "Business". Sie setzt sich an ihren Schreibtisch, und das Schreiben geht ihr leicht von der Hand. In regelmäßigen Abständen kommt ein Lehrer vorbei und gibt ihr mit einem Lächeln Tipps, durch die sie sich verbessern kann. "Ellen muss keine Angst haben, etwas nicht zu können, da, wenn Probleme auftreten, die Lehrer nicht als Vorgesetzte, sondern wie Freunde für den Schüler da sind. Dies verbessert deutlich das Klima an der Schule." Ellen strahlt dies auch aus: Während sie durch die Schule mit ihren hohen Decken läuft, lässt sie locker ihre Arme baumeln, um sich gleich darauf auf ein Hockeyspiel vorzubereiten.  

Auch Anna wünscht sich für deutsche Schulen Lehrer, die nicht so "distanziert sind und auf den Schüler individuell eingehen, dann wäre Lernen auch nicht mehr so schwer". Aber was Anna am meisten fasziniert, ist auch Ellens größter Traum. "Sie möchte wie ein Native Speaker werden und somit ihr Englisch perfektionieren", sagt Frau Uphues, während sie ihre Bluse nochmals zurechtrückt. Anna dagegen weiß, dass der Unterricht am Kooperationsgymnasium des Luise-von-Duesberg-Gymnasiums, dem Thomaeum, fünf Stunden die Woche kein Vergleich zu dem täglichen praktischen Gebrauch der englischen Sprache ist. "Aber die große und lange Entfernung für mindestens zwei Jahre von Familie und Freunden - ich weiß nicht, ob ich das gut finde."  

Auch Ellen vermisst ihre Freunde und ihre Familie, während sie zu Abend isst, aber am meisten doch das deutsche Essen. Das englische Internatsessen ist eben kein Vergleich zu einem Braten mit Kartoffeln und Salat, von Mama gemacht. "Kinder, die nach England gehen, müssen nun mal stark, selbstbewusst und offen sein. Ellen ist das, deshalb brauche ich mir keine Sorgen um sie zu machen. Schließlich kann sie ja auch alle neun Wochen nach Deutschland kommen, was mich sehr freut", sagt Annegret Uphues mit einem warmen Klang in ihrer Stimme. "Ja selbstbewusst muss man schon sein", stimmt Anna zu, aber Uniform tragen - "die sind ja oft nicht so schön" - und das schlechte englische Wetter "genießen" möchte sie dann doch nicht. So leben beide ihren Traum, die eine hier im Englisch-Leistungskurs, die andere am Denston College mit Rundumbetreuung und Native-Speaker-Garantie.

Informationen zum Beitrag

Titel
Ellen lebt ihren englischen Traum
Autor
Cornelia Omieczynski Luise-von-Duesberg-Gymnasium, Kempen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.04.2010, Nr. 98 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180