An der Hamburger Uni geben Studenten Deutschkurse

Wie an jedem Tag unter der Woche läuft alles auf dem Hamburger Universitätscampus äußerst schnelllebig und geschäftig ab. Statt die Sonne zu genießen, sitzen viele Studierende in der Staatsbibliothek. Menschen unterschiedlichen Alters prallen hier aufeinander. Der Campus ist eine Begegnungsstätte der Kulturen, Religionen und auch der Sprachen. Betritt man das Gebäude der Wirtschaftswissenschaften, den sogenannten WiWI-Bunker, liegt einem sofort der Geruch des Mensa-Büffets in der Nase. Wie an jedem Montag gibt der 31-jährige Lehramtsstudent für Geschichte und Deutsch Tomas Golosz in einem der renovierungsbedürftigen Räume Deutschkurse für Schüler mit Migrationshintergrund. Der Kurs findet im Rahmen des Interkulturellen Schülerseminars an der Universität Hamburg statt. "Eine Studienfreundin hat mich damals auf das Projekt aufmerksam gemacht", erzählt der Student mit den braunen zotteligen Haaren. Die Förderung, richtet sich an Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund. Im Förderangebot sind die Hauptfächer Deutsch, Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften. Der Schwerpunkt wird dabei auf die deutsche Sprache gelegt, weil Verständnisprobleme in allen Fächern hinderlich sind. Um verbesserte Schulleistungen zu erreichen, startete das Projekt vor vier Jahren und wurde rasch ein Erfolg. Mittlerweile gibt es in Hamburg etwa 70 solcher Seminare, die von etwa 500 Schülern besucht werden. Etwa 50 Lehrer bieten die Kurse an. Ein großer Teil dieser Seminarleiter sind angehende Lehrer und haben selbst einen Migrationshintergrund. Das trifft auch auf Tomas Golosz zu, der mit zehn Jahren aus Polen nach Hamburg gezogen ist und von seinen Schülern einfach Tomek genannt wird. Beim Auswahlverfahren werden Studenten mit einer anderen Herkunft bevorzugt, weil sie sich aus eigener Erfahrung gut in die Schüler hineinversetzen können. "Sprache ist der Zugang zur Bildung", sagt Tomas Golosz. Als einen der Gründe für die schlechten Pisa-Ergebnisse nennt der Student den gesellschaftlichen Wandel zum freizeitorientierten Denken. "Computerspiele statt Bücher", seufzt er etwas resigniert. Bilder zu verarbeiten fällt leichter als Lesen. Vor allem Kinder aus sozial schwächeren Schichten haben außerhalb der Schule wenig Kontakt mit der Schriftsprache. Sprachdefizite entstehen dadurch, dass viele Kinder mit Migrationshintergrund, wenn sie nach Hause kommen und eine andere Sprache sprechen und hören, dadurch einen deutlich geringeren Wortschatz zur Verfügung haben als deutsche Kinder. Er selbst hatte keine großen Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache, sagt er, während er auf sein Handy schaut, um zu sehen, ob zwei seiner Schüler ihm abgesagt haben. "Mir fiel es leicht, mir Wörter einzuprägen. Nach einem halben Jahr in der Integrationsklasse kam ich in die Realschule, wo es allerdings nur wenige Deutsche gab." Über das Aufbaugymnasium machte er das Abitur. In der Zwischenzeit kommt der Schüler Rashed Abassi und entschuldigt sich für die Verspätung, da er noch das Buch "Die Verwandlung" von Franz Kafka besorgen musste. Außerdem entschuldigt er den zweiten Schüler im Kurs, Alireza Hosseini, der wegen Krankheit fehle. Dies nimmt ihm der freundlich reagierende Tomas Golosz nicht übel. Der Unterrichtsinhalt entspricht zwar auch dem Rahmenplan der Schulen, geht aber häufig auf Themen ein, die der Schulunterricht kaum bewältigen kann, vor allem auf individuelle Schülerbedürfnisse. Wo Wiederholungsbedarf an Grammatik oder Lyrikinterpretation herrscht, können die Lehramtsstudenten ansetzen. Schüler werden vorwiegend über Mundpropaganda auf die Kurse aufmerksam gemacht, etwa seitens der Lehrer oder Mitschüler, die bereits an einem Kurs teilnehmen. Die meisten sind Freiwillige, aber natürlich gibt es auch Jugendliche, die mehr oder weniger auf Wunsch ihrer Eltern den Kurs besuchen. Der aus Afghanistan stammende Rashed Abassi, der voraussichtlich mit einem Fachabitur die Schullaufbahn beenden wird, äußert sich durchaus positiv über Tomeks Deutsch-Seminar. "Das ist ein guter Kurs", findet er. "Hätte ich früher von diesem Angebot erfahren, würde ich vielleicht mein Abitur auf einem Gymnasium schaffen." In der Regel finden die Kurse zweimal in der Woche statt. Hierfür müssen die Teilnehmenden ihre Freizeit opfern und für 90 Minuten Förderung teilweise einen langen Weg zur Universität in Kauf nehmen. Das Programm selbst ist jedoch kostenlos. Es wird von der Hamburger Behörde für Bildung und Sport, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und Spenden von Unternehmen finanziert. Neben positiven Rückmeldungen der Lehrer über die Entwicklung der Schüler lassen sich auch bessere Noten oft schon nach einem halben Jahr beobachten. In der Tat hängt eine Verbesserung der Schüler von ihrer Motivation ab und dem regelmäßigen Erscheinen im Kurs. "Ich hatte einmal eine Schülerin, die auf der Kippe stand, nur wenige Stunden teilgenommen hatte und nach einigen Monaten wiederkam, als sie erneut Schwierigkeiten in Deutsch hatte. Mit zu großen Erwartungen bezüglich schnellstmöglicher Erfolge darf man nicht kommen", warnt Tomek. Schließlich verlangt ein gutes Notenresultat kontinuierlichen Fleiß. Für ihn ist der Job eine passende Ergänzung zum Studium. "Denn wenn der Professor in der Vorlesung vorne steht und erklärt, wie man an die heutige Jugend herangehen soll, dann ist es doch etwas anderes, als wenn man die Theorie gleich selbst in die Praxis umsetzt."

Informationen zum Beitrag

Titel
An der Hamburger Uni geben Studenten Deutschkurse
Autor
Bianca Grudzinska Sophie-Barat-Schule, Hamburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.06.2010, Nr. 148 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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