Warten auf die Klangfarbe

"Die Tür ist offen!" Lebhaft begrüßt Heiner Windelband den Besucher seiner Instrumentenbauwerkstatt im ehemaligen, heute vermieteten Herrenhaus Schloss Neu Barenaue bei Bramsche. Der Geruch von frischem und lackiertem Holz, Hobelspänen und Metall füllt den kleinen Raum; aufgebahrte, halbfertige Instrumente, etliche Einzelteile auf Werk- und Hobelbank erwecken den Eindruck eines kreativen Chaos. Der Händedruck des Kontrabassbauers ist fest. Eilig führt er in die Küche nebenan: "Tee? Ich bin teesüchtig!" Zwischen majestätisch anmutenden Kontrabässen, die sich an beiden Wänden eines weiteren salonartigen Raumes aufbauen, schenkt sich der unverheiratete 52-Jährige eine Tasse Tee ein und berichtet, wie er sein Leben ganz dem Klang der tiefsten aller Töne verschrieb. Mit 20 Jahren entdeckte er seine Liebe zum Kontrabass. "Mein Lehrer hat da immer gesagt: ,Junge, spiel da unten, da biste alleine.'" Befreundete Musiker waren von seinen Reparaturen schon damals begeistert. Eine professionelle Ausbildung zum Handwerker fehlte ihm zwar, dies hielt ihn daraufhin jedoch nicht ab, 1980 seine eigene Werkstatt zu eröffnen. Die Begegnung mit Sigi Busch, später Kontrabassprofessor in Berlin, festigte seinen Entschluss, den Kontrabassbau zu seinem Beruf zu machen: "Ich kann mir nichts Besseres vorstellen", sagt er heute. Zwar spielte er nach dem Abitur mit dem Gedanken, professioneller Musiker zu werden, gab diesen aber auf. Als Bassist reiste er mit Band oder Pianist durch ganz Europa, leitete auch Big Bands. In schwierigeren Zeiten, als die Werkstatt zu wenig abwarf, verdiente er sein Geld hauptsächlich mit der Musik. "Das hat sich immer gegenseitig befruchtet. Handwerklich wär' ich nicht so gut, wenn ich nicht auch live und auf der Bühne Musik gemacht hätte - aber nur Künstler oder nur Handwerker? Das eine wäre zu bodenständig, das andere zu haltlos!" Mit Hilfe seines außergewöhnlichen Gehörs für den Klang des Instruments entwickelte er einen speziellen Steg, der all seinen Bässen, ob denen für Jazzmusiker oder Symphoniker, einen vollkommenen, mittlerweile unter Kontrabassisten weltbekannten Klang verleiht. Dieser besondere Steg, der die vier Saiten des Basses über den Resonanzkörper spannt, kann durch seine spezielle Verarbeitung die physikalisch bedingte zitternde Reaktion des Klangkörpers beim Bespielen der Saiten ausgleichen und diese somit stabilisieren. Der gespielte Ton kann sich mit dem Windelband-Steg weitgehend störungsfrei entfalten. Beim Besuch seiner Werkstatt bestätigten letztlich auch Jazz-Größen wie Chuck Israels und David Friesen den außerordentlichen Klang seiner Bässe: "The best basses I ever played in Europe!" Der Ausnahmehandwerker achtet auf Kleinigkeiten. "Der Kontrabass ist eigentlich eine Gambe, die sich ins moderne Orchester integriert hat, Vorläufer waren die Violonen. Ich habe zum Beispiel gerade einen G-Violone im Bau, sechssaitig und mit Darmbünden. Von deren alter Bauweise konnte ich mir viel abgucken." Auch schuf er die Decke des Kontrabasses mit dem dahintergelegenen Bassbalken wie in den alten Instrumenten aus einem Stück Holz, anstatt den separaten Bassbalken nachträglich von hinten draufzuleimen. Windelband erhält außerdem bei seinen Kontrabässen innen die rauhe Struktur des Holzes, was den Klang durch die vielfache Schallbrechung zusätzlich verbessert. Zu seiner neuesten Entwicklung zählt der Semiakustikbass. Dieser ist um einiges schmaler als das klassische Instrument und entwickelt einen nur leisen Ton, so dass es sich mit diesem Instrument ideal üben lässt. Angeschlossen an einen Verstärker, ist die Klangfarbe nicht von der eines normalen Kontrabasses zu unterscheiden. "Der lässt sich auch viel besser transportieren, die großen Bässe sind ja oft sehr umständlich." Für seine Kundschaft ist er fast rund um die Uhr erreichbar. "Die Kunden kommen aus ganz Europa, die haben lange im Auto gesessen." Eltern bietet er kleine Instrumente zu bezahlbaren Mieten an. Der kräftige Klang kann dem Schüler helfen, Spaß an seinem Instrument und der Musik zu finden. "Da kommen die dann auch nicht mehr in Verlegenheit, so einen China-Bass für 800 Euro bei Ebay zu bestellen." Mitunter werde gespart, und dann habe man ein schadhaftes Instrument und ein frustriertes Kind. Die zwielichtigen Massenabholzungen tibetanischer Wälder und der nachlässige Umgang mit dem Holz ermöglichten erst die niedrigen Preise. "Das feinste Ahorn kommt aus Bosnien", sagt er. Dort wachse der Baum am Existenzminimum und dadurch nur langsam, aber dafür kräftig. Der Wert eines solch mächtigen Instruments kann in 20 Jahren auf über das Doppelte des Kaufpreises ansteigen. "Ich habe zum Beispiel einen Kunden, der hat 1952 für 620 DM einen Benedikt-Lang-Meisterbass gekauft. In den achtziger Jahren sollte ich seinen jetzigen Wert schätzen, da sagte ich: So unter Brüdern, 18 000 DM. Würde der mich heute fragen, würde ich sagen: So unter Brüdern, 16 000 Euro." "Es ist für mich immer noch spannend, wenn ein Bass zum ersten Mal gestimmt wird. Ich weiß vorher, er wird klingen, aber ich weiß nicht, welche Klangfarbe er hat. Ob er eher wärmer oder transparenter klingt. In der ersten halben Stunde hat man das Gefühl, das Instrument kriecht aus dem Ei. Es braucht eine halbe Stunde, bis es sich entwickelt hat, und dann braucht es drei Jahre, bis es erwachsen ist. Da bin ich selbst immer noch ein bisschen aufgeregt."

Informationen zum Beitrag

Titel
Warten auf die Klangfarbe
Autor
Viktoria Mletzko, Marienschule, Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.07.2010, Nr. 154 / Seite N6
Projekt
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