Wie schwer ein Tag sein kann

Even if you cannot hear my voice, I'll be right beside you, dear? Die Hoffnung stirbt zuletzt, ein Satz, den Jochen Wier ernst nimmt. Vor einem Jahr geschah ein schweres Unglück, von dem der damals 18-Jährige aus Weil im Schönuch sein Leben lang Schäden tragen wird. Die Ärzte des Stuttgarter Marienhospitals mussten dem Jugendlichen den linken Arm und beide Füße amputieren, da diese nach einem Stromschlag, der von der Hochspannungsleitung einer S-Bahn ausging, auf deren Dach er sich befand, völlig verbrannt waren.

Bis heute ist selbst für den jungen Konditor-Auszubildenden unklar, wie er auf das Zugdach kam und der tragische Unfall passieren konnte. In der Nacht des Geschehens befand sich Jochen in einem Rauschzustand, der, wie die Ärzte später feststellten, von Drogen hervorgerufen war, die ihm in einer Diskothek ins Glas gegeben worden waren. 193 Tage Krankenhausaufenthalt mit anfänglicher Lebensgefahr waren die Folge. Familie und Freunde bangten um sein Leben. Im Laufe des Gesprächs wird immer deutlicher, dass dieser junge Mann einen außergewöhnlichen Willen besitzt und trotz seines eigenen Schicksals anderen nach dem Erwachen aus dem Koma Mut gegeben hat. "Nachdem ich außer Lebensgefahr war, kamen fast täglich Besucher", erzählt er.

Viele Freunde nahmen Anteil und gründeten auf Facebook die Gruppe "Jochen, wir sind für dich da". Die Gruppe zählte 410 Mitglieder. Täglich wurden Beiträge wie "Wir beten für dich . . . bleib bei uns" gepostet. Seine Familie, Ärzte und Pfleger helfen ihm bis heute, seinen Alltag zu meistern, der seit dem Unfall komplett anders abläuft. "Die größten Einschränkungen gibt es beim Klavierspielen, da man mit einer Hand nur sehr schwer mehrstimmig spielen kann. Schon das alltägliche Richten morgens dauert länger. So kommt es oft vor, dass ich nur mit Mühe und Not den Zug erreiche. Erst wenn man in irgendeiner Art und Weise eingeschränkt ist, merkt man, wie schwer ein normaler Tag sein kann. Aber ich versuche einfach jeden Tag mit einem Erfolgserlebnis zu schmücken", sagt er.

Während eines dreiwöchigen Aufenthalts in einer Rehabilitationsklinik wurde für Jochen eine Armprothese angefertigt, mit der er bis zu 50 Kilogramm Gewicht heben kann. Außerdem bekam er Beinprothesen angepasst, die momentan in weißen Nike-Air-Force-Turnschuhen stecken, durch die man als Außenstehender nicht erkennt, was sich darunter verbirgt.

Wenn andere erfahren, was mit ihm passiert ist, stellen ihm die meisten die Frage: Wie kommt ein so junger Mensch, der in der Vergangenheit fröhlich, aufgedreht und unternehmungslustig war, mit solch einem Schicksalsschlag klar? Fällt man da nicht in eine tiefe Depression? Doch Jochen sagt, dass nach zwei Sitzungen mit dem Psychologen beide Seiten gemerkt haben, dass eine psychologische Behandlung nicht notwendig sei. "Es gibt Dinge in meinem Leben, die sich verbessert haben, wie das Verhältnis zu meiner Familie und die noch fester gewordene Beziehung zu meinen Freunden, und andere Dinge, die ich vermisse, wie zum Beispiel Kampfsport oder American Football."

Jochen versucht, seine Ausbildung zum Konditor zu beenden. Glücklicherweise hat er schon vor dem Unfall die praktische Prüfung bestanden und muss nur noch die Theorie absolvieren. Außerdem muss er zweimal in der Woche zur Krankengymnastik. "Gerade führe ich auch einen Kampf mit den Ämtern. Ich möchte meinen behindertengerechten Führerschein machen können, der in Bearbeitung ist", erklärt er. Neben den vielen erfreulichen Dingen gab es jedoch auch enttäuschende und nervenaufreibende Situationen und Nachrichten. Zum einen war es schwer für den unternehmungslustigen Jugendlichen, auf seinen Körper statt auf seinen Kopf zu hören und die nötige Geduld für eine Genesung aufzubringen. Auf der anderen Seite waren da die Mitmenschen wie zum Beispiel Jugendliche, die ihn nicht einmal wirklich kannten und doch schon wenige Stunden nach seinem Unfall mehr zu wissen glaubten als die Ärzte. Ihre Sensationsbesessenheit stillten sie durch diverse Zeitungen.

"Was mich am meisten überraschte, waren die exorbitanten Lügen und Gerüchte, die durch unsere Mitmenschen und die Medien entstanden. Die einen behaupteten, ich wäre von einer Brücke geworfen worden und somit an die Hochspannungsleitungen gelangt, während andere meinten, ich wäre bei vollem Bewusstsein auf das Zugdach gestiegen, um den Adrenalin-Kick zu bekommen. Sie alle hatten keine Ahnung, was passiert war, da nicht einmal ich es weiß. Würde man nach den Gerüchten gehen, säße ich jetzt entweder gar nicht hier oder hätte weder Arme noch Beine", antwortet Jochen kopfschüttelnd und doch lachend.

"Manchmal habe ich plötzlich eine super Idee und will zum Beispiel, dass er mit mir Inliner fährt - ich stocke, und dann schauen wir uns an und wissen, das ist unmöglich für ihn. Und wir lachen beide über meine Vergesslichkeit", berichtet seine gute Freundin Regina Rauer. Die 17-Jährige mit den langen schwarzen Haaren ist unendlich froh, dass es Jochen gutgeht. Auf der Straße wird Jochen häufig angeschaut. "Ich bin es gewohnt angestarrt zu werden, dabei kann man jedoch unterscheiden nach analytischen oder primitiven Blicken, die einen treffen. Bei den primitiven ist es einfach nur ein Glotzen, und man sieht den Glotzern an, wie sie die Frage nach dem Hintergrund quält", erklärt er.

Für seine Zukunft hat Jochen Wier einen Plan. Wenn er seine Lehre als Konditor bei einem Bäcker im Ort beendet hat, möchte er den nächsten Schritt machen und eine kaufmännische Ausbildung in Angriff nehmen. Der große Berufstraum für die Zukunft wäre jedoch, in die Lebensmittelkontrolle einzusteigen. Da bleibt nur noch eines zu sagen: "Leuten, die in einer ähnlichen Situation sind, rate ich einfach nur: Kopf hoch, denn alles kann besser werden."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Wie schwer ein Tag sein kann
Autor
Alisha Laib
Schule
Schönbuch-Gymnasium , Holzgerlingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2012, Nr. 69, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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