Sie konnte keinen Stift mehr halten

Ausgerechnet am Tag ihrer Verlobung änderte sich ihr Leben von einer Sekunde auf die andere. Mit 24 Jahren erlitt Therese Sutter einen Hirnschlag. Aber sie wurde wieder gesund.

Therese Sutter macht den Kühlschrank auf und schaut nach rechts, ihr Herz pocht wild. Sie blickt nach links und dann wieder ganz langsam nach rechts, doch auch jetzt kann sie den Orangensaft an der Innenwand nicht sehen, ohne den Kopf stark nach rechts zu wenden. Sie umklammert den Saft und geht mit eilenden Schritten ins Wohnzimmer, wo ihr Freund und ihre Familie sitzen, um ihre Verlobung zu feiern. Als sie sich in den Ohrensessel setzen will, merkt sie, dass ihr rechtes Bein keine Kraft mehr hat, will sich mit den Händen stützen, knickt mit dem rechten Arm ein und plumpst unbeholfen auf den Sessel.

Die Gäste schauen die kleine, 24-jährige Frau mit dem hellbraunen, schulterlangen Haar und blauen Augen verwirrt an. Hubert, ihr Verlobter, trägt sie ins Bett. Yvonne, ihre Mutter, setzt sich auf die Bettkante, schaut sie kritisch an und sagt, was sie befürchtet. Sie vermutet, ihre Tochter habe einen Hirnschlag erlitten, wie schon der Onkel und Yvonnes Cousine. Schließlich bringen sie Therese ins nahegelegene Krankenhaus in Baar, einer Kleinstadt in der Zentralschweiz.

In der Notaufnahme schildert Therese dem Arzt aufgelöst ihre Beobachtungen. Doch nach den ersten Sätzen hat sie große Mühe mit der Bildung von vollständigen, grammatikalisch korrekten Sätzen. Die Ärzte erklären, es sei ein Schlaganfall, was eigentlich sehr selten bei so jungen Leuten vorkomme. Um eine optimale Behandlung zu gewährleisten, wird sie nach Zürich ins Universitätsspital verlegt. Dort werden Schichtaufnahmen ihrer linken Gehirnhälfte gemacht, um die beschädigten Hirnzellen zu identifizieren. Ihre linke Seite funktioniert einwandfrei, doch das rechte Bein und den rechten Arm spürt sie nicht mehr und kann sie auch nicht selbständig bewegen. Der Augenarzt bestätigt, dass sie auf der rechten Seite ein stark eingeschränktes Blickfeld hat. Wie erwartet lautet die Diagnose: "Schlaganfall in der linken Gehirnhälfte!" Sofort wird damit begonnen, ihr zweimal täglich Blutverdünnungsspritzen zu geben, denn wenn die Hirnzellen wieder Sauerstoff erhalten, kann es sein, dass sie ihre alte Funktion nach einiger Zeit und mit hartem Training wiederaufnehmen. Mit einer freundlichen, pummeligen Physiotherapeutin Ende vierzig lernt Therese relativ schnell, sich ohne Hilfe aufzusetzen und aufzustehen. Auch mit der Sprache macht die ehrgeizige Frau Fortschritte, was sie enorm anspornt, da es für sie das Schlimmste war, als sie ihre Gedanken nicht mit anderen teilen konnte. Sehnsüchtig wartet Therese auf jede Therapiestunde, endlich kann die diplomierte Kauffrau selbst ihre Heilung vorantreiben. Zusätzlich erhält sie Ergotherapie für die Feinmotorik. Für die Rechtshänderin ist es beinahe unmöglich geworden, einen Bleistift zu halten oder etwas zu schreiben. Übungen, wie zum Beispiel Wellenlinien nachzuziehen, fordern enorme Geduld.

Nach zehn Tagen wird sie ins Krankenhaus Zug verlegt, damit Hubert nicht mehr so weit fahren muss, um sie zu besuchen. In einem Rollstuhl wird sie zum Auto gebracht. Auch in Zug geht sie zur Therapeutin und übt eifrig. Nach zehn weiteren Tagen im Krankenhaus wird Therese entlassen. Sie kann in ihre lang ersehnte, liebevoll eingerichtete Wohnung in Rotkreuz, einem Dorf zwischen Zug und Luzern, die sie mit Hubert vor zwei Jahren gekauft hat. Therese macht den Haushalt. Alles ist ermüdend und benötigt viel Zeit, da sie ihren Arm und die Hand nicht gut steuern kann.

Ihre Wohnung liegt direkt neben dem Bahnhof. Das erste Mal mit dem Zug zur Physiotherapeutin zu fahren, stellt für Therese eine riesige Herausforderung dar. Wird es ihr gelingen, in der kurzen Zeit, bis sich die Türen des Zuges wieder verschließen, ein- und auszusteigen? Hoffentlich wird sie von niemandem angerempelt, denn sie ist noch immer unsicher und könnte das Gleichgewicht verlieren. Doch mit Mut und dem beruhigenden Zureden Huberts klappt das. Als sie nach Hause kommt, ist sie so erschöpft, dass sie einschläft. Auch das Essen bereitet ihr große Schwierigkeiten. Nach einiger Zeit kann sie ihre Hand wieder besser steuern, sodass sie ihre Büroarbeit aufnehmen kann.

So arbeitet Therese weiterhin bei Rich, einem internationalen Handelsunternehmen, in der Finanzabteilung. Ihr Arbeitgeber unterstützt sie, sie kann ihr Pensum langsam von 30 auf 100 Prozent erhöhen. Nach einem halben Jahr arbeitet sie wieder ganztags.

Und im Sommer heiratet sie ihren Hubert, der immer zu ihr gehalten hat, was sie durchaus nicht als selbstverständlich ansieht. Die harte Zeit hat die beiden zusammengeschweißt, und sie können sich beide das Leben ohne den anderen nicht mehr vorstellen. Nach einem dreimonatigen Sprachaufenthalt in Südfrankreich kaufen sie sich ein Einfamilienhaus in Obfelden, einem verkehrstechnisch gut erschlossenen Dorf auf dem Land zwischen Zug und Zürich. Bald wird der Wunsch nach eigenen Kindern immer größer. Therese geht zu mehreren Frauenärzten, um sich über die Risiken einer Schwangerschaft nach einem Schlaganfall zu informieren. Die Ärzte sind geteilter Meinung, und einige raten ihr von einer Schwangerschaft ab. Doch Therese bringt einen gesunden Sohn zur Welt. Ganz ohne Komplikationen.

Bei der zweiten Schwangerschaft eineinhalb Jahre später stellen die Ärzte jedoch fest, dass ihr Blut zu dickflüssig ist, und sie wird gezwungen, sich selbst zweimal täglich ein Blutverdünnungsmittel in den Oberschenkel zu spritzen. Nach der Geburt des putzmunteren Mädchens liegt Therese im Spitalbett und fühlt sich plötzlich schwach, und ihr wird schwarz vor Augen. Sie klingelt, und die Krankenschwester eilt herbei. Als der Chefarzt herbeigerufen wird, ist Therese längst ohnmächtig. Er stellt fest, dass im Bauch ein Blutgefäß geplatzt ist und die Patientin sehr viel Blut verloren hat, was durch die Blutverdünnung begünstigt wurde. Sie bekommt eine Menge Blutkonserven und überlebt knapp.

Aber all das ist Vergangenheit. 22 Jahre nach dem Schlaganfall sitzt Therese in ihrem Garten. Sie trägt Jeans und erzählt gutgelaunt, dass sie nun seit ungefähr zehn Jahren zu vierzig Prozent im Büro eines Kleinunternehmens angestellt ist, den Haushalt führt, regelmäßig Sport treibt und begeisterte Hobbyköchin ist. In ihrer Freizeit pflegt sie ihren Garten, macht etwas mit ihren Kindern, die beide das Gymnasium besuchen, oder geht mit Hubert in den Schweizer Alpen wandern. Langes Schreiben von Hand ermüdend sie, und auch ihr Kurzzeitgedächtnis wurde durch den Schlaganfall beeinträchtigt, so dass sie von Zeit zu Zeit Dinge mehrmals sagt, ohne es zu merken. Doch im Allgemeinen sei sie kaum eingeschränkt. Sie verrät mit einem Lächeln, das kleine Grübchen in ihren Wangen verursacht, ihr Lebensmotto: "Was man wirklich will, kann man auch erreichen."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Sie konnte keinen Stift mehr halten
Autor
Nicole Brügger
Schule
Kantonschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2012, Nr. 69, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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