Eine Frage der Haltung

Stimmengewirr und Gelächter tönen aus der Turnhalle. In der kleinen Halle, die neben dem Limmattalspital in Schlieren, einem Vorort von Zürich, liegt, haben sich wie jeden Dienstag neun 40- bis 60-jährige Männer und Frauen zum Turnen eingefunden. Um sieben Uhr sollte die Lektion beginnen, doch noch plaudert die kleine Gruppe noch so angeregt, dass Ursula Käser Mühe hat, sich Gehör zu verschaffen. "Heute werden wir mit einer Aufwärmphase starten, dann werden wir einige Kraft-Ausdauer-Übungen machen, und anschließend werden wir ausdehnen." Zwei fünfzigjährige Frauen verziehen das Gesicht: "Kraft-Ausdauer-Übungen? Muss das sein?" Es muss, so beginnt die Gruppe mit Thera-Bändern die Übungen nachzuturnen, die die 44-jährige Leiterin vorführt. Was zu Beginn aussieht wie eine ganz normale Turnstunde, ist eigentlich Therapieturnen der Morbus-Bechterew-Vereinigung Schweiz.

Alle Turner und Turnerinnen leiden an dieser Krankheit. Physiotherapeutin Ursi Käser erklärt: "Morbus Bechterew ist eine chronische entzündliche rheumatische Erkrankung. Das heißt, die Dauer der Krankheit ist von unbestimmter Dauer. Die Entzündung betrifft den ganzen Bewegungsapparat. Durch die Entzündung werden Bänder, zum Beispiel die der Wirbelsäule, angeregt zu verknöchern. Die Folgen sind Versteifungen am Becken und an der Wirbelsäule und schmerzende Gelenke." Gegen diese Krankheit gibt es noch keine wirksamen Medikamente, und die Verknöcherung kann ungehindert fortschreiten.

Das erlebte auch René Savoia, ein sportlicher Glatzenträger. Der 63-Jährige hat einen versteiften Brustkorb, seine Rippen lassen sich nicht mehr bewegen. "Deshalb kann ich mich nicht mehr nach vorne beugen und den Rücken krümmen." Eigentlich begann die Krankheit ganz harmlos: "1989 hatte ich eine Zeitlang Rückenschmerzen, doch ich ging nicht zum Arzt." Doch die Schmerzen blieben und wurden sogar noch stärker. Als er nach Monaten endlich zum Arzt ging, schickte dieser ihn gleich weiter ins Spital. René Savoia hatte Glück im Unglück, sein Brustkorb versteifte in einer aufrechten Position. Hätte er keine so gute Haltung gehabt, müsste der Maler heute mit einem Buckel herumlaufen. "Die gute Haltung kommt von der Bewegung, die ich bei meiner Arbeit habe. Wenn man Decken streicht und schwere Türen ein- und aushängt, muss man auf eine gute Haltung achten. Außerdem hilft mein Beruf, dass ich meine Beweglichkeit behalte."

Inzwischen beginnt die Gruppe mit den Kraft-Ausdauer-Übungen. Alle Übungen dienen dazu, den Rücken zu stärken. Denn wer eine gute Haltung hat, dessen Rücken versteift gerade. Sitzt jemand, der Morbus Bechterew hat, nur mit gekrümmtem Rücken vor dem Computer, wird sein Rücken krumm versteifen. "Genau das soll verhindert werden. Mit einem versteiften geraden Rücken hat man weniger Schmerzen, und man ist nicht so eingeschränkt wie mit einem gekrümmten", erklärt Ursi Käser. Deshalb erinnert sie ihre eigenen Kinder auch immer wieder an eine gute Haltung, sei es in der Schule, vor dem Computer oder am Esstisch.

Weder beim Aufwärmen noch bei den Übungen verstummt das Geplauder und Lachen. "Deshalb unterrichte ich diese Gruppe auch so gerne, man kennt sich, man spricht und lacht miteinander. Es geht nicht nur um den Sport", erklärt Käser. Nein, es geht hier tatsächlich nicht nur um Sport, hier wird auch sich ausgetauscht und beraten. René Savoia meint sogar: "Das Bechterew-Turnen hilft als Erstes im Kopf. Wenn ich mich aufraffe und etwas gegen meine Krankheit tue, dann ist das die beste Vorbeugung von Selbstmitleid." Nach dem Aufräumen verabschieden sich die Turner. Einige fahren gemeinsam mit dem Fahrrad nach Hause. René Savoia besucht noch eine Mitturnerin, die heute wegen starken Rückenschmerzen nicht kommen konnte. Käser meint: "Das ist das Spezielle an dieser Gruppe: Obwohl sie alle an dieser schmerzhaften Krankheit leiden, kümmern sie sich umeinander. Sie sind fröhlich und positiv geblieben und versinken nicht im Selbstmitleid."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Eine Frage der Haltung
Autor
Lia Hellwig
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2012, Nr. 69, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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